Schorndorf

Cover Up: Vom Arschgeweih zu Blumenranken

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Mit viel Kreativität: Michelle Burleson und Dany Basic verwandeln verblasste Hautbilder in Tattoos, auf die ihre Kunden wieder stolz sein können. © Schneider / ZVW

Schorndorf. In den 90ern waren sie im Trend, heutzutage sieht man sie kaum noch: Die Tattoos, die den unteren Frauenrücken verzieren und auf gut deutsch „Arschgeweihe“ genannt werden. Aber wie jeder Tattoo-Gegner gerne argumentiert, sollen die Hautverzierungen ja eigentlich ein Leben lang halten. Was ist also aus den ganzen Arschgeweihen geworden? Tätowierer Dany Basic erklärt, wie alte Tattoos in neue umgewandelt werden können und worüber Menschen sich vor dem Tätowieren Gedanken machen sollten.

Video: Dany Basic covert das Tattoo einer Kundin.

Er ist seit fast 30 Jahren im Geschäft und hat in dieser Zeit schon einiges gesehen: Dany Basic, Inhaber des Tattoo-Studios „Pimpin Exclusive Tattoos“ in der Kirchgasse, hat es oft mit Menschen zu tun, die verzweifelt in sein Studio kommen und ihn um Hilfe bitten. Weil sie unzufrieden mit ihren Tattoos sind. Manchmal hat ein anderer Tätowierer etwas verpfuscht, oft handelt es sich aber auch um alte Tattoos, die jetzt nicht mehr gefallen. Der Klassiker: Namen von Partnern, von denen die Kunden sich getrennt haben.

"Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten"

Einige kennen die Möglichkeit, ihre Tattoos mit einer Laserbehandlung entfernen zu lassen. Aber lasern ist sehr teuer und mit Schmerzen verbunden, erklärt Basic. Außerdem stehen die Leute, die zu ihm kommen, ja auch auf Tattoos. Deshalb entscheiden sie sich dann oft für das „cover up“, also die Überdeckung des alten Tattoos mit einem neuen. Mit der richtigen Motivauswahl und Technik ist es so möglich, das ungeliebte Tattoo Vergessenheit werden zu lassen.

„Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten“, weiß Basic. Die Kunst bei der Auswahl des neuen Motivs ist es, zu wissen, wohin der Blick zuerst fällt, und ihn so zu leiten, dass die Überdeckung nicht auffällt. Alles kann aber auch Basic nicht ohne weiteres überdecken. Bei großen schwarzen Balken zum Beispiel wird es schwierig. Wenn das neue Tattoo schlimmer aussehen würde als das alte, versucht er mit seinen Kunden eine andere Lösung zu finden.

Zeit lassen, wenn man sich unsicher ist

Warum will ich überhaupt ein Tattoo? Das ist eine Frage, die sich jeder, der überlegt, sich ein Tattoo stechen zu lassen, stellen sollte. Geht es nur um Aufmerksamkeit oder Gruppenzugehörigkeit? Dann rät der Tätowierer davon ab. Sei man unsicher, solle man sich Zeit lassen. „Der Mensch unter dem Tattoo bleibt der gleiche,“ so Basic. „Das wichtigste ist, dass man das Tattoo dauerhaft als etwas Positives wahrnimmt.“ Fast genauso wichtig sei es, sich einen guten Künstler auszusuchen. Jemanden, der seine Hausaufgaben mache und nicht nur das Geld nehme.

Mit dem Trend zu gehen, könnte ein großer Fehler sein

Ein Tattoo könne mehr Selbstbewusstsein verleihen, aber auch das Gegenteil bewirken. „Irgendwann geht es auf die Psyche, wenn man ständig erklären muss, was man sich bei einem schlechten Tattoo gedacht hat. Manche machen sich dann ständig Vorwürfe, einen Fehler gemacht zu haben und schämen sich für ihre Entscheidung“, sagt Dany Basic.

Ein großer Fehler, den viele bei der Auswahl des Motivs machen, sei, zu sehr mit dem Trend zu gehen, statt etwas Persönliches auszuwählen. Gute Tattoos, die Kunden später nicht bereuen, sind zeitlos und spiegeln oft die eigene Persönlichkeit und die gemachten Erfahrungen wieder, meint Basic. Er weiß, wovon er spricht: Sein erstes Tattoo hatte ein Kumpel in betrunkenem Zustand gestochen. Mit Nadel, Faden und Kugelschreiber. „Es war ein umgedrehtes Kreuz, weil Black Sabbath meine Lieblingsband war. Wir hielten uns für ganz böse Jungs. Es sah aber leider aus wie ein schräges, fettes Plus.“ Inzwischen ist das Tattoo überdeckt. Versteht sich.

Namen von Partnern: Eigentlich tabu, aber es gibt auch Ausnahmen

Namen von Kindern gehen in Ordnung, aber Namen von Partnern sticht Basic generell nicht. Eine Ausnahme gab es aber: Als er noch in Kanada arbeitete, kam ein 85-jähriger Mann in sein Studio, sein bisher ältester Kunde. Der Mann hatte eigentlich nur einen Spaziergang machen wollen, um seinen Kopf frei zu kriegen, weil seine Frau an Demenz erkrankt war. „Manchmal war sie da, manchmal nicht“, erinnert sich Basic an die Schilderung des Kunden. Der Mann ließ sich spontan ein Herz mit dem Namen von ihm und seiner Frau tätowieren, die Namen der Kinder darunter. „Um ihr in ihren klaren Momenten zu zeigen, dass sie seine große Liebe ist. Da konnte ich natürlich nicht nein sagen“, erzählt Basic.

Cover up-Termine sind eine Herausforderung

Für ihn und seine Kollegin Michelle Burleson sind die cover up-Termine weitaus spaßiger als für ihre Kunden. „Für uns ist das eine Herausforderung. Wie mache ich aus einem schlechten Tattoo ein gutes? Das ist Kunst“, meint Basic. Immer die gleichen Tattoos zu stechen, sei langweilig. Burleson weigert sich zum Beispiel inzwischen kategorisch, das Unendlichkeits-Symbol auf der Haut ihrer Kunden zu verewigen. „Eine Zeit lang musste ich das bestimmt jeden Tag stechen“, erzählt sie. „Dann lasse ich es lieber ganz, bevor ich aus lauter Langeweile eine Linie versaue.“

Arschgeweihe verwandelt Basic meist in Blumenranken

Es gebe immer Trend-Tattoos, stimmt ihr Basic zu. In den 90ern waren es die Arschgeweihe, dann kamen Sternchen, Traumfänger und Pusteblumen. 2017 war es das Motiv einer Schreibfeder, die sich oben in einen Vogelschwarm auflöst. Die Arschgeweihe verwandelt er meistens in Blumenranken, die vom Oberschenkel bis kurz unter die Brust gehen. Inzwischen gebe es gar keine Kunden mehr, die sich nach der Vorurteil-behafteten Verzierung sehnen. Viele Menschen stünden aber auch einfach zu ihren Tattoos, Arschgeweih hin oder her.


Das Tattoo-Studio

Als Dany Basic Mitte der 90er Jahre nach Stuttgart kam, gab es im Umkreis nur drei Tattoo-Studios. Inzwischen gibt es in Schorndorf alleine drei. Das stört Dany Basic aber nicht: „Konkurrenz macht uns besser. Man kann immer noch etwas lernen.“

Pimpin Exclusive Tattoos ist das älteste der drei Studios und besteht bereits seit 1996 – damals noch mit einem anderen Besitzer. Seit 1998 arbeitet Dany Basic dort; 2000 hat er das Studio übernommen.