Schorndorf

Darum ist das Reformhaus Kaliss Gewinner in der Corona-Krise

Reformhauscorona
Vor Ladenöffnung noch ohne Mund-Nasen-Schutz – aber mit einem „Zaubertrank“ fürs Immunsystem: Stephan Kaliss, Geschäftsführer des Reformhauses Kaliss, das es nicht nur in Schorndorf, sondern insgesamt zwölfmal in der Region Stuttgart gibt. © Gaby Schneider

Das angestaubte Gesundheitsapostel-Image haben Reformhäuser längst abgelegt, in der Corona-Pandemie liegen sie sogar regelrecht im Trend: Stephan Kaliss, der nicht nur das Geschäft in der Schorndorf Innenstadt betreibt, sondern elf weitere Filialen in der ganzen Region, kann sich in diesem Jahr über eine zweistellige Zuwachsrate freuen. Besonders gefragt sind dabei die Produkte, von denen sich die Kundschaft einen positiven Einfluss aufs Immunsystem verspricht.

Für Kaliss, der Reformhäuser schon immer in der Pionierrolle und ihre Stärke in der Fachberatung sieht, ein nachvollziehbarer Gedanke: Denn auch wenn irgendwann ein Impfstoff gegen das neuartige Virus gefunden ist, werde es noch eine lange Zeit dauern, bis die Bevölkerung durchgeimpft ist. Selbst die Fondsgesellschaft Blackrock, weiß Kaliss als studierter Betriebswirt, zitiere in einem Artikel auf ihrer Internetseite Experten, die davon ausgehen, dass es selbst bei 100 000 Impfdosen pro Tag in Deutschland eineinhalb Jahre dauern würde, um die notwendigen zwei Drittel der Bevölkerung, also etwa 55 Millionen Menschen, zu impfen. Für Kaliss ist klar: „Die Impfung wird die Rettung nicht so schnell bringen.“

Also empfiehlt er die Einnahme von Vitamin D, das einer Metastudie der Universität Hohenheim zufolge das Risiko eines schweren Verlaufs einer Covid-19-Infektion senkt. Dem Sonnen-Vitamin, das der Mensch vor allem in der dunklen Jahreszeit kaum selbst bilden kann, komme eine Schlüsselrolle für ein gut funktionierendes Immunsystem zu. Selbst das Robert-Koch-Institut habe nach der Auswertung von Daten von etwa 10 000 Kindern in Alter von einem bis 17 Jahren festgestellt, dass 87 Prozent der Kinder nicht optimal mit Vitamin D versorgt waren.

„Zaubertrank“, Cistus-Tee und warme Füße

Bei Kaliss zu Hause gibt es – wie immer in Erkältungszeiten – für die drei Kinder außerdem einen „Zaubertrank“: ein Multi-Vitamin-Energetikum, das schon vor 50 Jahren entwickelt wurde. Des Weiteren Zink, von dem Kaliss weiß, dass es die Dauer von Erkältungskrankheiten halbieren kann. Aktuelle Bestseller im Reformhaus sind: Cistus-Lutschtabletten und -Tee, die einen Schutzfilm auf den Schleimhäuten im Mund bilden. Außerdem rät Kaliss zu warmen Füßen: „Sind die Füße kalt, sinkt auch die Temperatur im Hals.“ Von einer besseren Nährstoffversorgung, ist Kaliss überzeugt, würden dabei auch die Älteren, also die Risikogruppe, profitieren – „und natürlich von mehr Bewegung“.

Mit einer gesunden Lebensweise beschäftigt man sich in der Familie Kaliss schon in der dritten Generation: Im Jahr 1932 eröffneten Stephan Kaliss’ Großeltern in Bad Warmbrunn in Schlesien ihr erstes Reformhaus. Das Geschäft gedieh, doch der Krieg zerstörte die Aufbauarbeit, die Familie wurde vertrieben und fand 1950 in Schorndorf eine neue Heimat. In der Neuen Straße konnten Hans und Ruth Kaliss ihr erstes Geschäft eröffnen, in den 1950er Jahren bereits übernahmen sie auch das Reformhaus in Backnang. Als sich das Schorndorfer Geschäft gut entwickelte und die Ladenfläche zu klein wurde, zogen sie 1972 um in die Schulstraße – und übergaben das Reformhaus ein Jahr später an ihren Sohn Ralf Kaliss.

Ein Dutzend Filialen in der ganzen Region

Im Jahr 1995 stieg Stephan Kaliss, Enkel des Gründerehepaars, in die Firma ein, 1999 übernahm der heute 49-Jährige den Betrieb – nach einem dualen Studium und einigen Jahren bei der Dresdner Bank. Im Jahr 2000 zog Kaliss in Backnang in ein großes Geschäft in der Fußgängerzone um, 2015 in noch größere Räume. In Schorndorf war das Reformhaus ab 2002 in den ehemaligen Räumen von Piano Fischer an der Johann-Philipp-Palm-Straße zu finden und ist seit 2012 am heutigen Standort.

2001 kam eine Filiale in Metzingen dazu, 2003 hat Kaliss zwei weitere Standorte in Aalen und Nürtingen übernommen. 2005 und 2006 zwei Reformhäuser in der Ludwigsburger Innenstadt, von denen eins 2007 eines der größten Reformhäuser der Branche geworden ist. 2010 kam ein Reformhaus in Kornwestheim dazu, 2011 der Standort Göppingen. Seit September 2013 gibt es das Reformhaus Kaliss mit Biomarkt auch in Schwäbisch Gmünd. Weitere Standorte sind in Möhringen, Esslingen und Ellwangen. Auf ein Dutzend Filialen kommt Kaliss insgesamt und versucht damit das Risiko zu streuen, wenn’s in einer Stadt mal nicht so läuft.

Kaliss sorgt sich um die Innenstädte und den Handel

Doch der 49-Jährige kann nicht klagen – und macht sich dennoch große Sorgen um die Entwicklung der Innenstädte: Wie geht es mit dem Einzelhandel weiter? Was wird aus der Gastronomie? Wie lange halten die Kinos durch? Und obwohl auch er einen – allerdings, wie er sagt, „unbedeutenden“ – Online-Shop hat: Kaliss appelliert an die Schorndorfer in Schorndorf und nicht im Internet zu kaufen. Doch er sieht auch die Politik in der Pflicht: Es sei, sagt er, absurd, dass die Innenstädte in der Corona-Krise zu Gefahrenzonen erklärt wurden. Genauso kritisch sieht er die mittlerweile wieder abgeschaffte Maskenpflicht in der sogenannten Verdichtungszone. Unter den 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die er verteilt über alle Standorte hat, gab es seit März nur einen Corona-Fall: „Der Einzelhandel kann nicht so gefährlich sein.“

Insgesamt aber hat auch die Reformhaus-Branche Federn gelassen: Gut 1000 Reformhäuser gibt es bundesweit, Mitte der 1980er Jahre waren es laut Rainer Plum, dem Vorsitzenden der Reformhaus-Genossenschaft, noch nahezu dreimal so viele. Auch, weil der konventionelle Handel nach und nach in den Markt gestoßen ist und 2003 die wechselseitige Exklusivität bei Produkten wie etwa Rotbäckchen-Säften aufgehoben wurde: Bio, vegan, vegetarisch, glutenfrei – das ist längst nicht mehr nur ein Alleinstellungsmerkmal der Reformhäuser, heute gibt es diese Produkte auch in den Bioläden und -supermärkten, in Drogerien, im Lebensmittelhandel, ja sogar in Discountern.

Ein Plus für die ganze Branche

Doch Plum sieht seit Anfang der 2010er Jahre auch eine positive Entwicklung: Viele Geschäfte hätten sich mit Standortinvestitionen, mit Social-Media-Auftritten, Online-Shops und Sortimentserweiterungen neu aufgestellt. Vergangenes Jahr sei ein Umsatzplus von 3,1 Prozent für die ganze Branche zu verzeichnen gewesen, den Branchenumsatz für 2019 beziffert Plum auf knapp 700 Millionen Euro. In diesem Corona-Jahr rechnet er sogar mit Zuwachsraten von im Schnitt acht bis zehn Prozent für die gesamte Branche.

Auch Kaliss nutzt in einer Marketing- und Einkaufsgemeinschaft Synergien. Sechs der zwölf Filialen sind Kombinationen aus Reformhaus und Biomarkt, es gibt also auch Obst und Gemüse zu kaufen. Und in der Corona-Krise profitieren vor allem seine Reformhäuser in den Randlagen: Die Kunden, die im Home-Office sind, bevorzugen offenbar kurze Wege und kaufen mehr im Reformhaus um die Ecke ein und weniger in Bahnhöfen und Einkaufscentern.

Das angestaubte Gesundheitsapostel-Image haben Reformhäuser längst abgelegt, in der Corona-Pandemie liegen sie sogar regelrecht im Trend: Stephan Kaliss, der nicht nur das Geschäft in der Schorndorf Innenstadt betreibt, sondern elf weitere Filialen in der ganzen Region, kann sich in diesem Jahr über eine zweistellige Zuwachsrate freuen. Besonders gefragt sind dabei die Produkte, von denen sich die Kundschaft einen positiven Einfluss aufs Immunsystem verspricht.

Für Kaliss, der

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