Schorndorf

Das historische Erbe bewahren: Über den künstlerischen Schorndorfer Handwerker und politischen Intellektuellen Frieder Stöckle ist ein anregendes Buch erschienen

Stoeckle
Frieder Stöckle am 16. Januar 2015 bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande in der Galerie für Technik. © Thomas Schlegel

Frieder Stöckle fehlt. Am 6. März 1939 in Schorndorf geboren und vor fünf Jahren, am 15. August 2015 gestorben, war der Handwerker, Künstler, Musiker, Pädagoge, Autor, nicht zuletzt auch Sozialdemokrat seit 1973, und als solcher langjähriger Gemeinderat, zeit seines Lebens immer ein beweglicher Stein des Anstoßes gewesen. Und das nicht ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen. Er hat viele Vorschläge gemacht, und ja, sie wurden sogar immer wieder, gar nicht so selten, auch angenommen und umgesetzt.

Ein Zimmermann, bei dem das Wort wirklich Fleisch wurde

Das hatte besonders damit zu tun, dass Stöckle wie kaum einer seiner Generation zugleich Opposition und Exekutive verkörpern konnte. Er war immer tätig an beiden Polen: einmal als kritischer Ideengeber und dann - was ja eher selten vorkommt - auch als praktischer Verwirklicher. Einer, der selbst anpackte, wenn sich sonst keiner fand. „Immer mit der Hand am Arm“, wie er selber sagte.

Stimmt so aber doch nicht ganz. Denn Frieder Stöckle fand immer wieder auch Bundesgenossen, weil er mitreißen und begeistern konnte, und weil er sich im allerweitesten Wortsinn nicht zu fein für das Bohren dicker Bretter war. Ein Zimmermann, bei dem das Wort wirklich Fleisch wurde. Wenigstens meistens.

Ein künstlerischer Handwerker ist er gewesen, zugleich politischer Intellektueller - und vieles mehr -, wovon nun das von seiner Frau Merve Stöckle und Peter Beck herausgegebene Buch „Frieder Stöckle - Eine biografische Annäherung“, eben erschienen im Waiblinger Verlag Iris Förster, höchst anregendes Zeugnis ablegt.

Vorgelegt wird damit glücklicherweise kein papierner Sargdeckel, der ein Lebenswerk in der nostalgischen Rückschau feiert und damit erst recht durch Verklärung beerdigt: Nein, dieses vielstimmige Buch ist eine Auseinandersetzung mit dem höchst lebendig gebliebenen Stachel von Frieder Stöckles Lebenswerk. Den Auftakt macht Merve Stöckle mit einem in einnehmend warmem Ton geschriebenen, materialreichen biografischen Porträt ihres Mannes auf 60 Seiten.

Hätte Merve Stöckle 300 Seiten geschrieben, man hätte nicht aufgehört, gebannt weiterzulesen! Faszinierend, wie sich hier in der Lebensgeschichte eines Schorndorfers lokal auch die (Sozial-) Geschichte der Deutschen Republik nach dem 2. Weltkrieg spiegelt! Beeindruckend erscheint da vor allem der geradezu ungeheure (Weiter-) Bildungs-Furor dieses Sohns eines in russischer Kriegsgefangenschaft gestorbenen Vaters. Und das ganz gegen die Empfehlung seines damaligen Grundschullehrers: „Frau Stöckle, den Bua lasse mer en dr Volksschul, do ischer am beschda uffghoba!“ Eben nicht! Frieder Stöckle fand widerborstig seinen eigen-sinnigen Weg.

Halt doch die Realschule. Danach die oft als demütigend empfundene Lehre zum Schreiner. Kündigung am Tag des Gesellenbriefes. Meisterschule für Holzbildhauerei an der Akademie Stuttgart. Praktische Arbeit als Werklehrer in Stuttgarter Jugendhäusern. Liebe zu seiner dort auftauchenden, späteren Frau Merve. Studium an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Dort später Doktorand. Das innovative, für Schorndorf wegweisende Engagement im Kinderspielplatz-Verein. Und schließlich spät, 2002, zusammen mit seiner Frau, immer noch nach Wissen und dessen Umsetzung strebend: Ausbildung zum systemischen Familientherapeuten.

Erinnern hatte für Frieder Stöckle immer mit „Berühren“ zu tun

Theorie und Praxis waren für Frieder Stöckle, der seine Mitgemeinderäte mit Exkursionen über den Philosophen Habermas ziemlich nerven konnte, keine Gegensätze. Stöckle war keineswegs abgehoben, das verbot seine bodenständige Herkunft, aber er war immer auf dem Sprung, sprungbereit, ja sprunghaft: vom Theoretischen ins Praktische und umgekehrt. Es ging ihm darum, das Mögliche gegen das Versteinerte durchzusetzen.

Und dabei war er zugleich ein geradezu militanter Konservativer, wenn es darum ging, die materiellen Zeugnisse unserer Geschichte zu erinnern und zu bewahren. Man muss ihn erlebt haben, wie er vor dem Abriss das Mobiliar des Kontors der Lederfabrik Breuninger sicherte und sich erhoffte, dass es einen Ausstellungsort fände. Vergeblich. Niemand wollte es haben.

Das war eine Niederlage. Erinnern hatte für den intellektuellen Handwerker Stöckle mit lebendiger Anschauung und vor allem mit „Berühren“ zu tun. Begreifen! In jeder Hinsicht. Sonst wird das nichts.

Als Historiker hat er mit seiner Doktorarbeit über „Altes Handwerk im 20. Jahrhundert“ eine einzigartige, materialreiche Dokumentation vorgelegt. Die Blitzlichtaufnahme einer alten Kulturtradition im Moment ihres Verschwindens. Der Schorndorfer Filmemacher Rolf Failmetzger erzählt in seinem Beitrag im Buch über die dazu entstandenen Videos, Roland Bauer über die gemeinsam mit Stöckle produzierten Fotobücher: „Ich glaube, dass man die Bedeutung des alten Handwerks noch entdeckt, ohne nostalgische Verschleierung“, sagt er. Stöckle hätte hier noch zu kultivierende Zukunftskeime gelegt. Und ein Erbe.

Ja, und vor allem war Frieder Stöckle dann auch Lehrer. Sein Credo: „Ich habe noch keinen Menschen kennengelernt, dem Gesehenwerden und ein Lob geschadet haben.“ Und es ist berührend, wie Kollegen hier einerseits seine provozierende Streitlustigkeit, andererseits sein einfühlsames Eingehen auf Schüler beschreiben.

Wichtig waren dem bestens vorbereiteten Stöckle Fahrten mit Klassen der Gottlieb-Daimler-Realschule nach Auschwitz. Am historischen Ort sein, die Spuren sehen, das zu vermitteln war ihm wichtig.

Stöckle, der Erz-Schorndorfer. Dann aber auch der Italien-Fahrer. Mit der VHS, mit Schülern, mit Freunden und der Familie war Frieder Stöckle immer wieder im Nord-Italien der Renaissance unterwegs: Florenz, Venedig. Es war die Kunst, die ihn bewegte und die er vermittelte. Kein Wunder: Mit seinen überbordenden Talenten, seiner Neugier auf die Welt, seinem Willen zur Gestaltung war dieser vieltalentierte Mann ein plebejischer Abkömmling der humanistischen Renaissance und ihrer Lust auf widerständige Selbstbestimmung.

Im Zentrum des Buches aber stehen die Dokumente zu Stöckles Engagement als „Vordenker“ des bürgerschaftlich organisierten „Kulturforums“. Wie Eberhard Abele schreibt, habe dieser Aufbruch zu einer neuen Kulturpolitik in Schorndorf der Stadt eine bis heute anhaltende kulturelle Blüte verschafft.

Frieders Leistungen für die Kultur in den 80er Jahren können nicht hoch genug bewertet werden. "Kulturelle Angebote müssen für alle Bürger zugeschnitten sein; irgendwie geartete Privilgien haben keinen Raum mehr.“ Das ist der Auftrag, das Vermächtnis von Frieder Stöckle. Kultur ist keine Dekoration.

Frieder Stöckle fehlt. Am 6. März 1939 in Schorndorf geboren und vor fünf Jahren, am 15. August 2015 gestorben, war der Handwerker, Künstler, Musiker, Pädagoge, Autor, nicht zuletzt auch Sozialdemokrat seit 1973, und als solcher langjähriger Gemeinderat, zeit seines Lebens immer ein beweglicher Stein des Anstoßes gewesen. Und das nicht ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen. Er hat viele Vorschläge gemacht, und ja, sie wurden sogar immer wieder, gar nicht so selten, auch angenommen und

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