Schorndorf

Der Raub, der keiner war

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Symbolbild Polizei © Joachim Mogck

Urbach. Richterin Doris Greiner verurteilte den Angeklagten zu vier Monaten Freiheitsstrafe, bewusst ohne Bewährung: Weil der 28-jährige Iraker, 2010 nach Deutschland gekommen, bereits knapp fünf Monate in Untersuchungshaft saß, konnte er das Gericht somit als freier Mann verlassen. Warum? Angeklagt war er wegen Körperverletzung und Raubes. Nach der Beweisaufnahme stand allerdings fest, dass es sich lediglich um einen „Streifschlag“ und einen Diebstahl gehandelt hatte. Der Haftbefehl wurde aufgehoben. Hintergrund ist die Beziehung zu seiner Ex.

In Handschellen wird der 28-jährige Angeklagte ins Gericht gebracht, weil er im Februar einen Bekannten seiner Ex geschlagen und der stark alkoholisierten Frau dann die Handtasche geraubt haben soll. Seit Anfang März sitzt der 28-jährige Iraker, der, seit er in Deutschland ist, fast immer gearbeitet habe und nicht vorbestraft ist, in einer JVA. 

Faustschlag und eine Handtasche

Im Februar soll der Angeklagte einen Mann mit der Faust ins Gesicht geschlagen und anschließend seiner Ex-Freundin die Handtasche geraubt und sie dabei umgestoßen haben. Dann sei er mit der Tasche, in der sich rund 500 Euro befunden haben sollen, geflohen. Körperverletzung und Raub, trägt die Staatsanwältin vor.

Der Angeklagte will eine Aussage machen, eine Dolmetscherin übersetzt, obwohl diese kaum gefragt ist. 2010 sei er alleine nach Deutschland gekommen, später kamen Eltern und sieben Geschwister nach. Er habe die Schule bis zur neunten Klasse besucht und danach als Friseur gearbeitet. In Deutschland hat er seit 2012 unter anderem als Maschinenführer gearbeitet und meistens solide Geld verdient. Aufgefallen ist er nicht. Bis zur Nacht im Februar in der Daimlerstadt.

Löchriges Alibi

Richterin Doris Greiner fragt nach. Zur Tatzeit gegen 3 Uhr sei er gar nicht vor Ort gewesen, sondern habe mit Freunden in einer anderen Bar gesessen, sagt er. Dieses Alibi ist löchrig. Eine Bedienung sagt aus, er habe den Angeklagten in besagter Nacht nicht gesehen. Sogar ein Bekannter des Irakers schildert, sie hätten lediglich bis 3.15 Uhr zusammengesessen. Auch auf Kameraaufnahmen war er nicht zu sehen.

Wie ist sein Verhältnis zu seiner 24-jährigen Ex-Freundin? Mit ihr sei er bis November zusammen gewesen, danach nur „so halb“. Das sieht die Ex anders, hält Richterin Greiner dagegen. Er habe die Trennung nicht wahrhaben wollen. Warum soll sich seine Ex-Freundin diese Geschichte ausgedacht haben, wie der Iraker behauptet? Das könne er sich nicht erklären. Neue Bekannte der Ex-Freundin wie der Mann, den er laut Anklage geschlagen haben soll, würden ihn hassen. Dabei habe er sich oft mit ihnen unterhalten, sie sogar, weil diese oft betrunken gewesen sein sollen, nach Hause gefahren. Diese Meinung hat der 28-Jährige exklusiv.

Dann behauptet der Iraker, er habe später sogar erneut bei seiner Ex-Freundin, sie arbeitet als Bedienung, übernachtet, habe ihr geholfen, das Wohnzimmer aufzuräumen, das eines Abends voller Blut und Geld gewesen sein soll. Sie habe ihm gesagt, es tue ihr leid, sie habe Fehler gemacht. Die Verhandlung nimmt Fahrt auf.

„Ruf die Polizei!“

Als Nächstes tritt ein Zeuge, ein 54-jähriger Deutscher, auf. Der war mit des Irakers Ex nach Schichtende gegen 3 Uhr nachts auf dem Weg in eine andere Schorndorfer Kneipe. Dann sei der Iraker aufgetaucht, habe mit der 24-Jährigen sprechen wollen.

Dem Iraker habe er zugerufen, er solle sie in Ruhe lassen. Dann folgte ein Tritt auf das Handy des Deutschen und ein Schlag ins Gesicht. Die Ex-Freundin habe versucht, deeskalierend zu wirken. Er habe sich dann von den beiden ein paar Schritte entfernt, bis die junge Frau geschrien habe „Ruf die Polizei!“ Denn der Iraker habe ihr die Handtasche entrissen und sie niedergestoßen.

Die Beziehung zur jungen, laut ihm „sehr schönen Person“ sei eine „platonische Freundschaft“. Mehr nicht? Ein paar Ungereimtheiten erkennen Richterin und Rechtsanwalt aber schon. Wie sah die Handtasche aus? Keine Ahnung. Immer wieder schüttelt der Angeklagte den Kopf. Kann die Ex-Freundin als Zeugin Licht ins Dunkel bringen?

500 Euro von einem Freund?

Die 24-Jährige kann sich auch nicht besonders gut erinnern. Einiges bleibt unklar. Wie das mit dem Verlust der Handtasche vonstattengegangen sei, fragt Greiner immer wieder. Laut Polizei habe er ihr die Handtasche entrissen, sprich Gewalt angewendet.

Immer wieder kreist die Befragung um diesen entscheidenden Punkt. Später sieht es Greiner als erwiesen an, dass die Handtasche lediglich gestohlen worden sei. Wo stammen die angeblichen 500 Euro her, die sich in der Handtasche befunden haben sollen? Die habe ihr ein alter Freund, beide hätten rumänische Wurzeln, zum Geburtstag geschenkt. Solche Freunde hätte er auch gerne, bemerkt der Verteidiger süffisant. Doch eine Überweisung wird nachgewiesen.

Ob sich das Geld allerdings in dieser Nacht in der Handtasche befand, bleibt unklar. Auch ein Polizist als Zeuge kann wenig Erhellendes beitragen. Und die Sache mit dem Blut in ihrer Wohnung? Die Zeugin verneint, das sei doch nie passiert.

Zeugen-Aufruf auf Facebook

Kurios wird es, als ein Freund des Streifschlag-Opfers als Zeuge aussagt. Der hatte, nachdem man ihn per WhatsApp über den vermeintlichen Tathergang informiert und er einige Nachforschungen angestellt hatte, eigenmächtig einen Zeugenaufruf per Facebook gestartet und den Iraker damit an den öffentlichen Pranger gestellt.

Warum? Er habe seinem besten Kumpel helfen wollen. Auch er würde die 24-Jährige „mögen“. Dass die 24-jährige Freundin für seine Eltern putzt, spiele keine Rolle. Dies und mehr hatte der Iraker verraten. So richtig schlau wird aus diesem Beziehungsgeflecht niemand. Denn auch der 50-Jährige hat so einige Erinnerungslücken.

Angeklagter: „Das tut weh“

Nach knapp vier Stunden haben die beiden Schöffinnen und Richterin Greiner ein Urteil gefällt. Die Staatsanwältin hatte vier Monate zur Bewährung sowie 60 Stunden gemeinnützige Arbeit gefordert. Das sah der Rechtsanwalt anders. Der Schaden sei minimal, die Aussagen viel zu widersprüchlich. Der Iraker hat das letzte Wort. Er saß fast fünf Monate im Knast, redet er sich in Rage. Vielleicht verliere er nun seine Arbeit. Die Polizei interessiere sich scheinbar nicht für die genauen Hintergründe, aber er habe ein großes Interesse an seinem Leben. Sein Vater sei krank. „Das tut weh“, sagt er.

Wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Diebstahl verhängt Doris Greiner vier Monate ohne Bewährung. Der Haftbefehl wird aufgehoben. Um die 500 Euro sei es dem Iraker nicht gegangen, urteilt die Richterin. Er habe zeigen wollen, dass er immer noch Macht über die 24-Jährige habe. Er habe den 54-Jährigen als Nebenbuhler wahrgenommen. Sein Frauenbild sei bedenklich. Weil er so lange in U-Haft saß, sei die Strafe abgegolten. Der Iraker kann nach Hause gehen. Als freier Mann. Ohne Handschellen.