Schorndorf

Der Schornbacher Bewegungsstall mit RFID-gesteuerter Fütterungsautomatik

HT8C0586a
„Ruhig, Brauner!“ muss Magnus Rost eigentlich nie sagen. Die Pferde im Bewegungsstall machen einen sehr ausgeglichenen Eindruck. © Gabriel Habermann

Stress sieht anders aus. Im Bewegungsstall der Familie Rost in Schornbach stehen die Pferde gemächlich an – ja, man könnte fast sagen, gesittet – , um ans Futter zu gelangen. Ist eine Futter-Station frei, öffnet sich das Tor per Lichtschranke. Ein Lesegerät identifiziert jedes Pferd an dessen RFID-Band an der Fessel und ein IT-System legt die individuelle Fütterungsmenge fest.

Langsam schließt sich die Futterbox. Die braune Stute scheint die Schließ-Automatik schon zu kennen, ganz ruhig frisst sie weiter vom Heu in der vergitterten Box, mit geneigtem Kopf und Ausfallschritt – der natürlichen Fresshaltung der Pferde wie beim Weiden, bis der Verschluss-Schieber keinen Platz mehr lässt und ganz nach unten gefahren ist. „Im IT-System ist für jedes Pferd hinterlegt, dieses oder jenes darf soundso viel Minuten am Tag fressen. Das legen wir in Absprache mit den Besitzern fest“, erläutert Magnus Rost.

Als die braune Stute in die Rauf-Futter-Station gekommen ist, hatte sich zunächst das Flügeltor per Lichtschranke geöffnet und hinter ihr wieder geschlossen, damit kein anderes Tier mit hineindrängt. „In Fußhöhe hat dann ein Lesegerät mit Antenne den RFID-Transponder im Band an einer Fessel des Pferdes erkannt und die Fresszeit individuell festgelegt, wie es im IT-System für dieses Pferd hinterlegt ist.“ Wenn ein Pferd keine „Fress-Berechtigung“ (mehr) hat, bleibt die Futterbox verschlossen.

Den im Bereich der Halsmuskulatur injizierten Pflicht-RFID-Mikrochip (zur Identifizierung im Zusammenhang mit dem Equidenpass) zu verwenden, sei nicht möglich. Denn mit EU-Verordnung von 2008 müssen „nur“ alle ab dem 1. Juli 2009 geborenen Equiden so einen Mikrochip tragen. „Wir haben hier auch ältere Pferde, die haben keinen.“ Auch könnten solche für die Nahfeldkopplung (NFC) vorgesehenen Pflicht-Mikrochips nicht ohne weiteres für eine Fütterungsautomatik aus einigen Zentimetern Entfernung ausgelesen werden.

Links öffnet sich ein Ausgangsgatter und die braune Stute trottet nach draußen in den unteren Bereich des Bewegungsstalls. „Für dieses Tier könnte jetzt zum Beispiel auch festgelegt worden sein, dass, wenn es zwischen 13 und 15 Uhr aus der Futterstation herauskommt, ein anderes Gatter zu einem anderen Bereich aufgeht, wo die Tiere noch Heuraufen oder ein offenes Heuhaus vorfinden.“ Im Schnitt fressen die Tiere sechs bis acht Stunden Heu am Tag, halten sich aber nicht ewig im Heuhaus oder an den Heuraufen auf, weil sie ihrem Bewegungsdrang folgen und auch Sozialkontakte pflegen, sagt Rost.

Auf der 3600 Quadratmeter großen Fläche, wovon rund 3000 effektiv nutzbar sind, befinden sich zwei weitere automatische Rauf-Futter-Stationen sowie eine Kraftfutter-Station, die ganz ähnlich wie die für Heu funktioniert, nur mit bodennah herausschwenkender Futterschüssel. „Um dort hinzukommen, müssen die Tiere ganz außenrum laufen.“ Es gibt zudem Tränken, drei Liegehallen und Eingewöhnungsboxen. Gegenüber: die Reithalle mit Sattelbereich, Umkleide, Spinten und Geschirrablagen.

„Wir haben 30 Pferde zur Pension. Jedes Pferd hat so durchschnittlich rund 100 Quadratmeter für sich. Das ist extra viel Platz, der auch eine sehr große Ruhe reinbringt, weil die Tiere Auslauf haben“, sagt Magnus Rost. Hier könnten die Tiere so artgerecht wie möglich leben und Herdenverhalten mit Untergruppen an den Tag legen, miteinander spielen oder sich aber aus dem Weg gehen, wenn sich einzelne Tiere nicht grün sind.

Im Technikraum neben der Reithalle erklärt Magnus Rost am Computer das IT-System. Browserbasierte Listen lassen sich anklicken, „auf denen ich nachschauen und überprüfen kann, welches Pferd wann und wie viel gegessen hat. Ich kann aber auch gezielt für einzelne Pferde die Fress-Statistiken aufrufen und Tagessummen einsehen. Auch kann ich überprüfen, ob die Zugänge zum Heuhaus und den Heuraufen gefunden wurden.“ Die Fresszeiten lassen sich an diesem Computer freilich ebenso einstellen.

Neben den Pferden halten die Rosts noch Kühe, Nachzucht-Rinder und Hühner. Auf 22 Hektar Wiesen ernten sie Heu. Nicht zuletzt bestellt die Familie 20 Hektar Ackerland (Hafer, Gerste, Mais, Weizen).

Die Idee für den Bewegungsstall ist Magnus Rost während der Zeit an der Uni gekommen. Der gelernte Zimmermann hat, um den Hof seines Vaters mit fortzuführen, Agrarwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen studiert sowie einen anschließenden Masterabschluss in „Agri-Business“ an der Universität Hohenheim gemacht.

Aktivställe sind noch selten, aber bei Pferdehaltern im Trend

„Bewegungsställe sind ein Trend, der immer mehr im Kommen ist, weil es artgerechtere Tierhaltung ist“, sagt Magnus Rost. Und sie sind beliebt bei Pferdebesitzern. „Ziemlich schnell nach der Eröffnung im Juni 2016 waren wir voll belegt. Wir haben jetzt schon eine Warteliste.“ Natürlich ist der Flächenbedarf für einen Bewegungsstall vergleichsweise groß. Im ersten „Pferdereport Baden-Württemberg“ von 2014 (der zweite ist für 2017 in Planung) der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume (LEL) in Schwäbisch Gmünd sowie der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen waren bereits 24 Prozent von 38 untersuchten Betrieben mit dem Schwerpunkt Pensionspferdehaltung Offenställe und Bewegungsställe. Wobei Offen-, Aktiv- und Bewegungsstall nicht gleich heißt, dass dort eine Fütterungsautomatik zum Einsatz kommt, sondern nur, dass dort die Pferde nicht in Stallboxen stehen, sondern sich mehr bewegen können beziehungsweise müssen, um an Wasser und Futter zu gelangen beziehungsweise eben mehr Auslauf haben, ohne erst auf die Koppel gebracht oder „ausgeritten“ werden zu müssen.

„Wir sind die kleine, feine, rustikale Variante“, sagt zum Beispiel Melanie Schmid. Im Pferde-Bewegungsstall des Biolandhofs in Berglen-Birkenweißbuch, der sich vor allem in der Milchschäferei (Käserei und Hofladen) engagiert, sind gerade einmal sieben Pferde in Pension. „Ohne Fütterungsautomatik und Technik, aber nach dem Offenstall-Prinzip. Die Pferde müssen vom Ruhebereich nach draußen laufen, um ans Futter zu gelangen“, sagt Melanie Schmid.

Vergleichbar mit dem Rost’schen Bewegungsstall in Schornbach ist im Rems-Murr-Kreis offenbar lediglich noch der Aktivstall Illg in Kleinheppach, wo ebenfalls RFID-gesteuerte Fütterungsautomatik zum Einsatz kommt. Wie in Schornbach ist man aber auch in Kleinheppach voll belegt und möchte gar nicht so viel über sich in der Zeitung lesen, „weil sonst wieder so viele Pferdebesitzer anrufen und nachfragen“.

Der Stall Equirena in Fellbach bietet neben Boxenabteilen auch einen Aktivstall für immerhin elf Pferde, „die mit Hilfe von Futterautomaten ganztägig gefüttert“ würden, so die Info auf www.stall-frei.de.