Schorndorf

Die Hüterin des Marionetten-Schatzes von Albrecht Roser

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Ingrid Höfer führt eine Marionette vor: Jahrzehntelang war sie mit diesen Puppen und Albrecht Roser in der Welt unterwegs. © Palmizi / ZVW
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Clown Gustaf und sein Ensemble, Albrecht Rosers weltberühmte Kerntruppe, zu der auch die sprachgewandte Oma aus Stuttgart gehört (strickend mit rot-weißem Schal). © Palmizi / ZVW
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Albrecht Roser mit Clown Gustaf, seiner allerersten Marionette. © Ingrid Höfer

Video: Ingrid Höfer hegt und pflegt das Erbe von Marionetten-Meister Albrecht Roser.

Remshalden-Buoch. Sie war Organisatorin, Mitspielerin, die Frau für die Technik, Mädchen für alles. Mehr als 40 Jahre lang hat Ingrid Höfer den großen Marionetten-Meister Albrecht Roser mit dem Clown Gustaf und all den anderen berühmten Puppen durch die Welt begleitet. Nach dem Tod Rosers hütet sie sein Erbe im Marionettenstudio in Buoch. Dort scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Es ist eine Zauberwelt, in die Ingrid Höfer den Besucher führt. Über eine Treppe geht es hinab in Albrecht Rosers Marionetten-Studio: ein hoher Raum, Dutzende Puppen hängen an den Wänden, an Ständern und an der Decke, von der Studiobühne blickt man auf große Spiegel, die fast eine ganze Wand einnehmen, in Regalen sitzen weitere Puppen, ruhen Masken, die im einen Moment leblos und hohläugig starren und einen im nächsten Augenblick plötzlich verstohlen anzusehen scheinen. In der Werkstatt liegen die Werkzeuge bereit, als könnte der Meister Albrecht Roser jeden Moment zur Tür hereinkommen und mit dem Stechbeitel eine neue Maske aus dem Holz schnitzen.

Mehr als 40 Jahre Gefährtin und Assistenin von Roser

Doch Albrecht Roser ist seit bald sechs Jahren tot. Am offenen Kamin im Marionettenstudio, in dem ein wärmendes Feuer lodert, erzählt Ingrid Höfer von ihrer Zeit mit ihm. Mehr als 40 Jahre lang war die heute 79-Jährige seine Assistentin und Gefährtin. Sie managte seine Termine, kümmerte sich bei den Auftritten um die Technik, sie stand selbst mit auf der Bühne, sie sorgte dafür, dass Roser das tun konnte, wozu er berufen war: spielen. „Wir waren ganz aufeinander eingespielt“, sagt sie. Wenn sie mal krank gewesen sei und ausfiel, dann sei er mit Magengeschwüren von seinen Auftrittsreisen zurückgekommen.

„Ich war auf der Suche danach, wo ich im Leben hingehöre“

Die Reisen und die Auftritte, das vermisse sie schon, sagt Ingrid Höfer. „Ein göttlicher Zufall“ sei es gewesen, der sie auf Albrecht Roser treffen ließ. In den 60er Jahren arbeitete sie als Ergotherapeutin in Zürich. Doch: „Ich war auf der Suche danach, wo ich im Leben hingehöre. Ich habe sehr viele Dinge ausprobiert.“ In dieser Zeit sah sie eine Vorstellung Rosers im Basler Marionettentheater und war schwer beeindruckt. Als sie etwas später hörte, dass er eine Assistentin sucht, ging sie sofort hin. „Und da wusste ich, dass das mein Leben ist“, sagt sie. „1969 kam ich zu ihm.“

Figuren für "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" entstanden in Buoch

Albrecht Roser führte Ingrid Höfer ein in die Kunst des Puppenspiels. Im Team reisten sie rund um die Welt. „Wir haben ein richtiges Reiseleben gehabt“, sagt sie. Das Haus in Buoch hatte sich Roser 1967 gebaut, um es auch als Filmstudio zu nutzen. Das Grundstück gehörte seinen Eltern, die dort ein kleines Häuschen hatten. Roser hatte dort einige Jugendjahre verbracht. Jetzt entstanden unter anderem die Figuren für den Mehrteiler „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ in der Buocher Werkstatt.

Leute kamen in Strömen ins Ateliertheater

In seinen letzten aktiven Jahren als Puppenspieler nutzten Albrecht Roser und Ingrid Höfer das Buocher Studio als Ateliertheater. Im hohen Alter sei ihm das Reisen zu viel geworden, sagt sie. „Wir hatten Angst, dass die Leute nicht hierherkommen, weil es so abgelegen ist“, erinnert sich die 79-Jährige. Doch die Sorge war unbegründet: „Die Leute sind geströmt.“ Sie zeigt mit einer Handbewegung in Richtung Kaminofen: Hier waren ansteigende Sitzreihen aufgebaut. Den Besuchern gefiel die Atmosphäre, das Gefühl, zu Hause beim Meister zu sein, in der Werkstatt hinter die Kulissen blicken zu können. Nach seinem Tod im April 2011 lag Albrecht Roser hier zwischen seinen Puppen aufgebahrt.

Die größte Freude am Spielen

„Ich wurde immer beneidet“, sagt Ingrid Höfer über ihr Leben an der Seite des Marionettenmeisters. Aber es war auch harte Arbeit. Sie hatte die Verantwortung dafür, dass auf den Reisen alles funktioniert. Dass das Umfeld in den Veranstaltungsorten stimmt. Dass die sechs bis acht Koffer nicht verlorengehen. Die größte Freude, das war bei ihr nicht anders als bei Albrecht Roser, hatte sie beim Spielen.

Mit 79 Jahren hat sie noch einiges vor

Einige der Marionetten im Buocher Studio bewegt sie heute noch regelmäßig. Sie betrachtet es als Geschenk, dass sie mit 79 Jahren noch fit ist. Und sie hat noch einiges vor. Sie arbeitet zusammen mit dem Puppenbauer Michael Mordo, einem anderen Roser-Schüler, an einem Fachbuch über das Puppenspiel, das Albrecht Roser selbst nicht mehr vollenden konnte. „Das ist eine sehr große Aufgabe“, sagt sie. Solange es geht, will sie die Marionetten in Buoch behalten.

Marionetten können nicht in irgendein Museum

Was aus ihnen wird, wenn sie nicht mehr kann, darum hat sie sich schon gekümmert. Sie wird alles an das Museum für Puppentheater-Kultur in Bad-Kreuznach geben. Dort sind schon andere Roser-Puppen ausgestellt. Die Marionetten können nicht in irgendein Museum, sagt Ingrid Höfer, es brauche Fachleute, die damit umgehen könnten. Bei vielen Museen, bei denen sie anfragte, bestand außerdem gar kein Interesse. Vielen sei gar nicht bewusst, welche Bedeutung das deutsche Marionettenspiel habe: „Das ist eine einmalige Geschichte, die in Deutschland erfunden wurde.“ Eine Geschichte, die zum Teil auch in Buoch spielte, deren Zauber dort heute noch nachhallt und den Ingrid Höfer lebendig hält.

Albrecht Roser und seine Kunst

Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt, die Oma aus Stuttgart, Clown Gustaf und sein Ensemble – diese Titel und Puppen machten Albrecht Roser nicht nur in Deutschland, sondern weltweit berühmt.

Geboren 1922 in Friedrichshafen, aufgewachsen in Stuttgart, kam er nach dem Krieg mit der Marionetten-Kunst von Fritz Herbert Bross in Berührung. Dieser erfand ein völlig neues System für die Marionetten, das sich an physikalisch-kinetischen Gesetzmäßigkeiten orientierte: Die Puppen haben einen Schwerpunkt, sie bewegen sich organisch, aus sich heraus. „Poetisch ausgedrückt, kann man sagen: Man spielt mit der Schwerkraft“, sagt Ingrid Höfer. Die Entwicklung, weiß sie, ist weltweit einzigartig.

Albrecht Roser entwickelte das System von Bross weiter. Clown Gustaf war 1951 seine erste selbst gebaute Puppe: Ein Moment, den er selbst als Erweckungserlebnis beschreibt: „Ich musste einfach diese Marionette bewegen, um ihr im Speigel zuschauen zu können und mit täglich neuer Verwunderung Leben zu erleben, wo realiter keines ist“, schrieb er später. Fortan habe es für ihn nur noch eines gegeben, sagt Ingrid Höfer: Er wollte spielen.

Gustaf blieb der Star in dem Ensemble, mit dem Albrecht Roser durch die Welt reiste. Außerdem gab er sein Wissen und seine Kunst weiter, indem er weltweit an Hochschulen lehrte und Kurse gab. In Stuttgart richtete er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst einen Studiengang für Figurentheater ein und baute das Fitz-Figurentheater mit auf.

Im Fernsehen liefen unter seiner Führung und Beteiligung entstandene Puppenfilme und Serien wie „Telemekel und Teleminchen“, „Der starke Wanja“, oder „Die Nachtigall“.

Ingrid Höfer bietet auf Anfrage Führungen und Kurse für Gruppen im Buocher Marionettenstudio an. Kontakt: 0 71 51/6 04 60 72 oder 01 70/6 31 13 33, E-Mail albrecht-roser@t-online.de.