Schorndorf

Die Klingele Papierwerke stecken in der Klemme

1/2
bceb68df-f10d-40bb-b21c-3a99f6200bf1.jpg_0
Seit August wächst die neue Klingele-Lagerhalle rasant. Unter dem zwölf Meter hohen Dach sollen 4700 Tonnen Papier Platz finden. © Schneider / ZVW
2/2
_1
Besprechung auf der Baustelle der neuen Klingele-Lagerhalle (von links): Robert Tschullik, der Technische Leiter am Standort Remshalden, Marketingleiterin Sylvia Huber und Ekkehard Dürr, Werkleiter für Remshalden und Werne.

Remshalden. Wellpappe, das ist, wenn man den Verantwortlichen bei Klingele glaubt, das Verpackungsmaterial der Zukunft. Sie haben gute Argumente: Pappe, wie sie das Unternehmen herstellt, ist zu 100 Prozent wiederverwertbar und das Geschäft wächst durch den Online-Handel rasant. Um mithalten zu können, will Klingele seine Lagerkapazitäten stark ausbauen – muss dafür aber noch Überzeugungsarbeit leisten.

So ein Karton aus Wellpappe ist ziemlich flexibel, sehr viele verschiedene Produkte können darin verpackt werden. Bevor jedoch etwas darin verpackt wird, enthält so ein Karton vor allem eines – und das bei der leichtgewichtigen Wellpappe auch in zusammengefaltetem Zustand zwischen den Papierlagen, nämlich: ziemlich viel Luft. Man könnte also sagen, dass die Lastwagen, die das Gelände von Klingele im Remshaldener Ortsteil Grunbach verlassen, neben gut gearbeiteter Wellpappe auch sehr viel Luft transportieren. Trotzdem kommen sie natürlich ziemlich schwergewichtig daher, das gilt auch für ihre Zahl: Etwa 70 Lkw-Bewegungen gibt es in der Alfred-Klingele-Straße täglich, die den Stammsitz des Unternehmens ansteuern und verlassen. Eine Tatsache, die den Verantwortlichen beim Wellpappe-Hersteller nicht gefällt. Denn: Ein großer Teil der Transporte ist interner Verkehr und enthält fertig produzierte Ware auf dem Weg zu Außenlagern.

Interne Transporte schlecht für Okobilanz und Kosten

„Das ist nicht nur von der Ökobilanz eine Katastrophe“, sagt der Remshaldener Werkleiter Ekkehard Dürr, „sondern auch kostentechnisch.“ All die Transporte zu den Klingele-Außenlagern belasten nicht nur die Straßen im Remstal und der Umgebung mit Schwerlastverkehr, sondern den Standort Remshalden finanziell mit einer siebenstelligen Summe pro Jahr. Es sei daher „existenziell wichtig“, die Lagerkapazitäten am Produktionsstandort zu erweitern, sagt Ekkehard Dürr.

Ein erster Baustein dazu entsteht seit August mit einer neuen Halle im Südwesten des Werksgeländes an der Alfred-Klingele-Straße. Zwölf Meter hoch mit einer Grundfläche von 60 auf 40 Meter ist die Halle, die Ende Februar bezogen werden soll. Bis zu 4700 Tonnen Papier sollen dann dort Platz finden. Bisher ist der größte Teil des Rohmaterials auf der anderen Seite des Betriebsgeländes gelagert, es muss also mühsam über das ganze Areal zur Produktion gekarrt werden. Entscheidend ist jedoch, dass durch die neue Halle das alte Lager überflüssig und eine Fläche für den viel wichtigeren Neubau frei wird: ein Hochregallager, in dem die fertig produzierten Waren Platz haben.

Lagerfläche ist nötig, um schnell auf Bestellungen reagieren zu können

Das Kundenverhalten habe sich dahingehend verändert, dass diese ihre Lager zu den Lieferanten auslagern, erklärt Sylvia Huber, die Marketingleiterin von Klingele. Die Kunden erwarten eine Lieferung „just in time“. Das heißt zugespitzt: Sie bestellen in dem Moment, in dem sie die Ware brauchen, und erwarten, dass sie sofort da ist. „Wir wissen immer erst wenige Tage vorher, was wir liefern müssen“, sagt Werkleiter Ekkehard Dürr. Da es aber nicht möglich ist, so kurzfristig alles fertigzustellen, muss Klingele ein bestimmtes Kontingent seines Angebots immer auf Lager haben.

Die Wellpappe-Branche ist auf Wachstumskurs. Das liegt einerseits an der brummenden Konjunktur und dem dadurch florierenden Warenverkehr. Andererseits treibt der Online-Handel die Nachfrage nach Pappe in die Höhe. Das liege nicht nur an Giganten wie Amazon, sondern genauso an den vielen kleinen Gewerbetreibenden, auch hier in der Region, für die der Online-Vertrieb immer wichtiger werde, so Sylvia Huber. Und: „Die Kunststoffdiskussion wird die Wellpappe-Industrie weiter pushen“, sagt Ekkehard Dürr. Die Pappe sei gegenüber den zunehmend kritisch gesehenen Plastikverpackungen ein ökologisches Produkt: in einem geschlossenen Kreislauf zu 100 Prozent wiederverwertbar. Sprich: Es ist mit einem weiteren guten Wachstum zu rechnen.

Wer Fläche sparen will, muss in die Höhe bauen

Klingele hat in Remshalden nun das Problem, dass der Standort eigentlich kein Wachstum zulässt. „Wir sitzen hier im Remstal so ein bisschen in der Klemme“, sagt Sylvia Huber. Das heißt: Für eine großflächige Halle ist zwischen Bahnlinie auf der einen und Rems auf der anderen Seite kein Platz. Ein Bau in die Tiefe wäre unbezahlbar. Deswegen ist ein Hochregallager die einzige Alternative. Der ursprüngliche Wunsch von Klingele war eine 40 Meter hohe Halle. Als man jedoch bei einem Ortstermin mit Gemeinderäten Luftballons auf diese Höhe habe steigen lassen, um die Dimensionen sichtbar zu machen, sei jedoch schnell klar gewesen, dass das nicht genehmigungsfähig sein werde, sagt Ekkehard Dürr. Inzwischen hat Klingele seine Pläne auf 25 bis 27 Meter eingedampft. Dürr weiß jedoch: „Momentan ist im Gemeinderat die politische Stimmung so, dass auch das keine Zustimmung findet.“

Die Zustimmung von Bürgermeister Reinhard Molt hätte das Hochregallager mit der Höhe, die jetzt zur Debatte steht. Er sagt: „Aus meiner Sicht ist das vorstellbar.“ Das Remstal sei vollgebaut. „Wenn wir im Außenbereich Fläche sparen wollen, müssen wir in die Höhe denken.“

„Der Standort ist dann in Gefahr“

Ohne neues Warenlager geht es nicht, das machen die Klingele-Verantwortlichen sehr deutlich: „Wir sind in einem superhart umkämpften Markt“, sagt Sylvia Huber. „Lieferfähigkeit ist eines der wichtigsten Kriterien unserer Kunden. Wenn ihre Verpackung nicht da ist, stockt ihr Absatz.“ Werkleiter Ekkehard Dürr fasst die Notwendigkeit mit dringlichen Worten zusammen: „Ohne Fertigwarenhalle können wir hier nicht weiter existieren. Der Standort ist dann in Gefahr.“


Die Klingele Papierwerke

Der Vorläufer der Klingele Papierwerke wurde 1920 in Wiesloch als „Badische Wellpapierfabrik Klingele und Holfelder“ gegründet und kam 1936 mit dem Bau einer zweiten Betriebsstätte nach Grunbach. 1952 gingen Klingele und Holfelder getrennte Wege und Grunbach wurde zum Stammsitz der Klingele-Gruppe.

Mit Jan Klingele als geschäftsführendem Gesellschafter ist Klingele in dritter Generation auch heute noch Inhabergeführt – mit weltweiter Ausdehnung: Die Klingele-Gruppe hat Standorte weltweit, außerhalb von Europa auch in Afrika und auf Kuba, beschäftigt mehr als 2400 Mitarbeiter (182 in Remshalden) und machte 2017 einen Jahresumsatz von 805 Millionen Euro. Das Unternehmen produziert im Jahr 990 Millionen Quadratmeter Wellpappe (122 Millionen in Remshalden) und 634 000 Tonnen Papier.

Im Verbund mit drei weiteren inhabergeführten Unternehmen in Belgien, Spanien und Italien, den „Blue Box Partners“, deckt Klingele den europäischen Markt ab: mit 68 Produktionsstätten und 2017 einem Jahresumsatz aller Partner zusammen von rund 2,3 Milliarden Euro.