Schorndorf

Digitale Krankmeldung verzögert sich: Warum Schorndorfer Ärzte doppelt arbeiten

Fax Kankmeldung
Die Krankmeldung in Papierform soll es in Zukunft nicht mehr geben – doch die Umsetzung läuft schleppend. © Gabriel Habermann

Seit dem 1. Oktober 2021 sollen Arztpraxen die Krankmeldungen digital an die Krankenkassen und Arbeitgeber übermitteln. Damit wäre der "Gelbe Zettel" Geschichte. Die Umsetzung sorgt jedoch für Probleme - und für einen erheblichen Mehraufwand für Ärzte und Patienten. Über die Gründe der Verzögerung und wann die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) wirklich an den Start geht.

Mehrere Hunderttausend Krankmeldungen am Tag

Wohl jeder kennt ihn: den „Gelben Zettel“. Liegt man krank zu Hause oder kann aus anderen Gründen nicht bei der Arbeit erscheinen, stellt der Arzt eine Krankmeldung aus. Der Patient erhält diese in dreifacher Ausfertigungen: einmal für die Krankenkasse, einmal für den Arbeitgeber sowie eine Kopie für die eigenen Unterlagen. Das verursacht Papiermüll ohne Ende, mehrere Hunderttausend Krankmeldungen werden laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg täglich ausgestellt.

Um diesen Papierberg zu vermeiden und Bürokratie abzubauen, wurde die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (kurz eAU) eingeführt. Das Ziel: Krankmeldungen sollen künftig digital ausgestellt werden. Mit nur einem Mausklick soll diese online an die Krankenkasse und den Arbeitgeber übermittelt werden. Der Patient kann auf eigenen Wunsch eine ausgedruckte Version erhalten. Somit könnte die Anzahl der Krankmeldungen um zwei Drittel reduziert werden, rund 70 000 Ausdrucke könnten dadurch eingespart werden.

Digital und ausgedruckt: Arztpraxen müssen doppelt arbeiten

Doch die Umsetzung läuft schleppend. Seit dem 1. Oktober 2021 sollen Arztpraxen die Krankmeldung im ersten Schritt digital an die Krankenkassen verschicken - die technischen Voraussetzungen dafür sind gegeben. Der zweite Schritt, die Übersendung an den Arbeitgeber, klappt allerdings noch nicht. Deshalb muss der Patient die Krankmeldung nach wie vor per „Gelbem Zettel“ einreichen. Spätestens im Juli 2022 soll auch der zweite Schritt digitalisiert sein, heißt es von Seiten des Gesetzgebers.

Bis dahin bedeutet das für die Arztpraxen aber einen großen Mehraufwand. „Für uns ist das doppelt Arbeit“, meint die Schorndorfer Hausärztin Dr. Ingrid Fetzer. Sie müsse die Krankmeldung zunächst in zweifacher Ausfertigung ausdrucken und unterschreiben, um sie den Patienten mitzugeben - also fast wie immer. Doch dann kommt der digitale Haken: „Unsere Arzthelferinnen senden den Ausdruck für die Kasse dann zusätzlich noch digital.“

Von einer Vereinfachung des Arbeitsablaufs könne also keine Rede sein. „Es läuft noch nicht optimal. Vor allem bezüglich des Papierverbrauchs und der Druckerpatronen gibt es keinerlei Einsparungen“, meint die Hausärztin. Zudem funktioniere die digitale Übermittlung bei kleineren Krankenkassen noch nicht. In diesen Fällen bekommt der Patient die Krankmeldung also weiterhin in dreifacher Ausfertigung.

Bei großen Krankenkassen wie der Barmer oder AOK klappe die Übermittlung zwar ganz gut, es gebe aber immer wieder Ausfälle. „Woran das liegt, kann uns niemand sagen“, so Fetzer. Das erschwert den Alltag in den Arztpraxen ungemein. Bei welcher Krankenkasse ist der Patient? Kann diese Krankenkasse die Krankmeldung digital erhalten? Muss die Krankmeldung in zwei- oder dreifacher Ausfertigung herausgegeben werden? Das klingt kaum nach weniger Bürokratie.

Es scheitert an der organisatorischen, nicht an der technischen Umsetzung

Auch ihr Kollege, Dr. Jan Herbst, hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Seine Praxis in der Karlstraße habe zwar die technischen Anpassungen vorgenommen. „Es gibt allerdings noch keine näheren Informationen, wie die Umstellung weitergeht“, meint der Hausarzt. Auch hier scheitert es weniger an der technischen, sondern an der organisatorischen Umsetzung.

Durch eine Nachfrage bei der Barmer Krankenkasse verfestigt sich zudem der Eindruck, dass die eAU auch bei den Patienten noch nicht voll angekommen ist. In der Schorndorfer Geschäftsstelle seien die Mitarbeiter bislang „kaum von Kundinnen oder Kunden auf das Thema angesprochen worden“, heißt es aus der Presseabteilung. Woran liegt es also, dass die Umstellung auf die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung so holprig verläuft? Und wie viele Arztpraxen nutzen die eAU überhaupt? „Da die Krankmeldung sowieso ausgedruckt werden muss, wissen wir nicht, wie viele Arztpraxen das neue System tatsächlich verwenden“, sagt Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg.

„Die letzte valide Zahl stammt vom Oktober 2021. Damals hatten etwa 70 Prozent unserer Praxen die technische Möglichkeit, eine eAU auszustellen.“ Aktuell gehe die Kassenärztliche Vereinigung davon aus, dass der überwiegende Teil der Praxen dies umgesetzt hat. „Die Zahlen werden sich in der Zwischenzeit deutlich erhöht haben“, meint Kai Sonntag.

Doch selbst wenn einzelne Praxen die Krankmeldung nach wie vor nur in gedruckter Form aushändigen, sei das in Ordnung. „Die Arztpraxen sind nicht verpflichtet, die eAU zu nutzen, weil das System aktuell noch nicht richtig funktioniert.“ Erst ab Juli 2022 müsse die Krankmeldung per Gesetz digital an den Arbeitgeber übermittelt werden. Es gebe also „eine Übergangsfrist, in der noch mit Papier gearbeitet werden kann“. Erst wenn es technisch möglich ist und alle Krankenkassen und Arbeitgeber ans System angeschlossen wurden, sei die digitale Variante verpflichtend. Für die Patienten ändere sich also vorerst nichts.

Krankmeldung noch auf dem Papier? Ärzte kommen ohne Sanktionen davon

Der Grund, warum die Umsetzung so langsam voranschreitet, macht Sonntag vor allem an einem Faktor fest: „Es gibt noch keinen definierten Prozess, wie alle Arbeitgeber die eAU digital empfangen können.“ Durch die Arztpraxis könne eine Übermittlung an den Arbeitgeber jedenfalls nicht erfolgen. „Der Hausarzt weiß ja gar nicht, wo der Patient arbeitet. Das weiß nur die Krankenkasse.“ Deshalb müsse diese die eAU weiterleiten - und daran scheitere es eben aktuell.

Ob die digitale Umsetzung der eAU wirklich bis zum 1. Juli 2022 komplett gelingt, hängt davon ab, wie schnell der zweite Schritt umgesetzt werden kann. Sollte es zu weiteren Verzögerungen kommen, müssen sich Arztpraxen laut Kai Sonntag trotzdem keine Sorgen machen. „Der Gesetzgeber hat keine Sanktionen vorgesehen, wenn Arztpraxen auch im Sommer 2022 noch die ausgedruckte Krankmeldung verwenden.“

Seit dem 1. Oktober 2021 sollen Arztpraxen die Krankmeldungen digital an die Krankenkassen und Arbeitgeber übermitteln. Damit wäre der "Gelbe Zettel" Geschichte. Die Umsetzung sorgt jedoch für Probleme - und für einen erheblichen Mehraufwand für Ärzte und Patienten. Über die Gründe der Verzögerung und wann die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) wirklich an den Start geht.

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