Schorndorf

Diskussion: Westumfahrung bleibt ein Projekt für die Ewigkeit

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Eine Grafik der Westumfahrung Winterbach. © Laura Edenberger

Winterbach. Die Diskussion über eine Umgehungsstraße im Westen Winterbachs ist gefühlt so alt wie das Automobil. Im Entwurf zum neuen Regionalverkehrsplan ist sie vorgesehen, allerdings unter ferner liefen, mit niedrigster Dringlichkeitsstufe. Außerdem sagt die Gemeinde Winterbach nun zum skizzierten Verlauf der Trasse: So kann sie nicht kommen. Wird sie auch nicht, beruhigt der Verband Region Stuttgart.

Das Thema Westumfahrung, das im Winterbacher Gemeinderat am Dienstagabend auf der Tagesordnung stand, hatte auch einige Bürger in den Sitzungssaal im Alten Rathaus geführt. Ein Winterbacher in fortgeschrittenem Alter bekundete schon in der Bürgerfragestunde sein Interesse. Als dann das Thema relativ weit hinten auf der Tagesordnung drankam, meinte Bürgermeister Sven Müller in seine Richtung: „Jetzt haben Sie lange warten müssen.“ Da antwortete der Mann: „Ich warte schon 40 oder 50 Jahre darauf.“

Gemeinde Winterbach muss Stellung nehmen 

Die Umgehungsstraße im Westen Winterbachs liegt jetzt mal wieder auf dem Tisch, weil eine neue Fassung des Verkehrsplans der Region Stuttgart in Arbeit ist. Und die Gemeinde Winterbach ist aufgefordert, dazu eine Stellungnahme abzugeben. Die Westumfahrung taucht im Plan als eine von mehr als 100 Straßenbaumaßnahmen in der Region auf. Die Stellungnahme, die die Gemeinde Winterbach nun dazu abgibt, ist ziemlich klar: Die im Plan dargestellte ortsnahe Umfahrung wird abgelehnt.

Nicht grundsätzlich gegen die Westumfahrung

Die Ablehnung betrifft aber nur den Trassenverlauf, so wie er jetzt aussieht. Generell verabschieden von der Idee der Westumfahrung wollen sich Verwaltung und die Mehrheit des Gemeinderats noch nicht. Sie muss aber, so die Forderung nicht ortsnah, sondern „ortsfern“ sein, das heißt, in etwa auf Höhe der Hebsacker Brücke, also auf halbem Weg zwischen Remshalden und Winterbach zu liegen kommen.

Westumfahrung bei den Regionalplanern weniger dringend 

„Für uns ist klar, dass das so nicht umsetzbar ist“, sagte Bürgermeister Sven Müller. Es stelle sich schon die Frage, was man sich in Stuttgart bei den Regionalplanern dabei gedacht habe. Müllers Vermutung: Da die Westumfahrung niedrigste Dringlichkeitsstufe habe, hätten sich die Planer „wahrscheinlich wenig Gedanken gemacht über die Problemlagen“.

Lärm und Abgase wären ein erstes Problem

Diese Problemlagen sind aus Sicht von Verwaltung und Gemeinderäten vielfältig. Die Trasse im Regionalplan verläuft unmittelbar an Engelberg und der Waldorfschule vorbei und auch direkt neben den Wohngebieten am westlichen Winterbacher Ortsrand. Wegen Lärm und Abgasen, meint Bauamtsleiter Rainer Blessing, wäre das so „gar nicht zulässig“. Weitere Entwicklungen von Gewerbe- und Wohnbauflächen wären durch die Umgehungsstraße unmöglich.

„Die Trasse müsste über unseren Faulturm drüber“

Außerdem soll die Westumfahrung laut Plan mitten über die Winterbacher Kläranlage verlaufen. „Die Trasse müsste über unseren Faulturm drüber“, sagte Blessing. „Das hätte den Vorteil: Unsere Kläranlage hätte künftig ein Dach.“ Der kleine Scherz des Bauamtsleiters zeigt ganz gut die Haltung, die Winterbach zum Trassenverlauf im Regionalplan hat: Das kann man eigentlich nicht ernst nehmen.

Noch keine konkrete Planung 

Muss man auch nicht unbedingt, wie ein Anruf unserer Zeitung beim Verband Region Stuttgart aufklärt. Klaus Lönhard, Referent für Verkehrsfragen, erklärt zwar: „Ganz aus der Luft gegriffen ist der Verlauf der Trasse nicht.“ Aber man habe noch keine konkrete Planung dafür durchgeführt. Es gehe derzeit nur darum, einen „Korridor“ für eine mögliche Trasse frei zu halten. „Das ist kein Projekt, das man in den nächsten Jahren angehen wird“, sagt Lönhard.

Gemeinde entscheidet, ob Umgehungsstraße gebraucht wird 

Es sei eine „Trassenfreihaltung“, damit künftige Generationen die Chance hätten, dort eine Umgehungsstraße zu planen, wenn sie gebraucht wird. Und ob sie gebraucht wird, das liege vor allem im Ermessen der Gemeinde Winterbach: „Winterbach müsste den Ball ins Spielfeld werfen.“ Das heißt: Bevor die Gemeinde nicht auf den Verband zugeht und nach der Umfahrung ruft, bewegt sich dort niemand.

Einige Gemeinderäte hätten die Möglichkeit allerdings sogar gerne für alle Zeiten ausgeschlossen. Klaus Dieter Gawaz (CDU) sagte: „Ich halte es für ökologisch unvertretbar, überhaupt eine Straße über das Gebiet zu führen. Das wäre ein ganz gewaltiger Eingriff.“ Aus Gawaz’ Sicht müsste eine Schurwaldquerung von der Schorndorfer Umgehungsstraße über den Tuscaloosa-Kreisel ausgehen.

Durch eine neue Straße kommt mehr Verkehr 

Die Grüne Heidemarie Vogel-Krüger stellte gleich einen Beschlussantrag dazu: Die Gemeinde solle fordern, dass die Westumfahrung ganz rauskommt aus dem Regionalverkehrsplan. Denn die mögliche Entlastung des Ortskerns hat für sie auch eine Kehrseite: „Durch eine neue Straße kommt auf jeden Fall mehr Verkehr.“

Keine Mehrheit für Beschlussantrag

Der Beschlussantrag fand jedoch keine Mehrheit, nur sechs von 20 möglichen Ratsmitgliedern stimmten dafür. „Ich möchte es nicht jetzt für alle Zukunft verbauen“, begründete zum Beispiel Norbert Raisch (CDU) sein Votum gegen die Totalverweigerung. Man wisse nicht, was in 20, 30 oder 40 Jahren sei und ob dann die Umgehung in irgendeiner Form doch Sinn mache. Das war auch die Argumentation der Verwaltung.

Entlastung für die Ortsdurchfahrt

Andere Räte plädierten sogar für das Gegenteil: die Region zu bitten, eine „ortsferne“ Westumfahrung auf eine höhere Dringlichkeitsstufe zu setzen, weil aus ihrer Sicht die Ortsdurchfahrt unter dem Verkehr ächzt und dringend Entlastung benötigt. Es setzte sich jedoch der Beschlussvorschlag der Verwaltung durch. Dieser besagt zum weiteren Vorgehen auch: Eine endgültige Entscheidung über das Thema soll erst getroffen werden, wenn das Verkehrsgutachten vorliegt, das die Gemeinde noch in diesem Jahr beauftragen will, um die Verkehrsströme durch den Ort zu untersuchen. „Wenn wir das Ergebnis haben, dann kann man detaillierter etwas zu dieser Trasse sagen“, sagte Bauamtsleiter Rainer Blessing.

Ob die, die schon 50 Jahre auf den Bau der Umfahrung warten, diesen noch erleben, steht also derzeit noch in den Sternen.

Der Entwurf des Regionalverkehrsplans ist online einsehbar unter www.region-stuttgart.org/regionalverkehrsplan. Die Westumfahrung hat die Projektnummer 354 und findet sich im Anhang zum Plan auf Seite 321.

Nicht nur die Gemeinde, auch jeder Bürger kann bis zum 23. April Stellungnahmen dazu abgeben und Einwände oder Bedenken formulieren.