Schorndorf

Dr. Wolfgang Weigold geht in den Ruhestand

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Schnipp, schnapp: So gerne Dr. Wolfgang Weigold auch immer operiert und kleinere chirurgische Eingriffe vorgenommen hat, so froh ist er jetzt, mit seinen 77 Jahren ein großes Stück der Last und Verantwortung, die ein Mediziner nun mal zu tragen hat, abgeben zu können. © Ralph Steinemann Pressefoto

Schorndorf-Buhlbronn. Vor zehn Jahren hat der Buhlbronner Landarzt Dr. Wolfgang Weigold seine Kassenzulassung zurückgegeben, jetzt schließt er auch seine privatärzliche Praxis, die er seither noch betrieben hat. „I muss nemme jeden Dag am Siebane auf dr Madde schdanda“, sagt der 77-Jährige und verweist mit Stolz darauf, dass er in 50 Jahren als Arzt keinen einzigen Tag wegen Krankheit gefehlt hat. Und wenn schon mal eine Grippe, dann hat er sie sich an Heiligabend genommen.

Als er vor 41 Jahren – eine Woche vorher hatten er und seine Frau Erika geheiratet – das Krankenhaus verlassen und seine Praxis in Buhlbronn eröffnet hat, da haben ihm manche ein schnelles Ende seiner Landarzt-Träume prophezeit.

50 bis 60 Hausbesuche pro Woche

Es ist ganz anders gekommen: Schon nach dem ersten Quartal hatte er 674 karteimäßig erfasste Patienten, nach drei bis vier Jahren hat er pro Quartal bis zu 1700 Patienten versorgt und pro Woche 50 bis 60 Hausbesuche gemacht – bei Wind und bei Wetter, bei Tag, und wenn es sein musste, auch bei Nacht.

Wie oft hat ihn seine Frau, die immer dann Telefonbereitschaft hatte, wenn ihr Mann anderweitig unterwegs war, aus einer Sitzung seiner FDP/FW-Gemeinderatsfraktion, der er 29 Jahre lang angehört hat, herausgeholt und zu einem Patienten beordert – irgendwo zwischen Schorndorf und Winnenden und zwischen Grunbach und Waldhausen?!

Der Landarzt als Geburtshelfer

An ein paar solcher Notfälle kann sich Wolfgang Weigold noch gut erinnern. Eines späten Abends zum Beispiel hat ein Buhlbronner an der Tür geklingelt und gesagt: „Wolfgang, komm schnell, mei Bua will schderba. Musch’s aber nedd omsonschda macha, do hosch zwoi Oier.“ Dann gab’s da auch die Frau, die wegen ihrer Herzbeschwerden lieber gleich den Doktor angerufen hat, anstatt zuerst ihren erwachsenen Sohn zu wecken. Begründung: „I kann den Bua nedd wegga, der muss scho am Sechse wieder aufschdanda.“

Und in ganz wenigen Ausnahmefällen ist’s auch vorgekommen, dass Wolfgang Weigold Geburtshelfer spielen musste – einmal sogar bei einer Zwillingsgeburt. Da seien ihm schon die Schweißperlen auf der Stirn gestanden, bekennt der 77-Jährige, der dann auch noch, als er die beiden Neugeborenen sicherheitshalber in einem Krankenhaus abgeliefert hat, noch als glücklicher Vater begrüßt worden ist.

Manche wollen bis zum Tod von Weigold betreut werden

„Eigentlich müsste ich jetzt ein Buch schreiben“, sagt Weigold, der viele solcher Geschichten erzählen könnte – auch weniger amüsante. Denn schließlich war der Allgemeinmediziner auch viele Jahre als Polizeiarzt im Einsatz und hat vieles gesehen, auf das er gerne verzichtet hätte: Suizide auch von Menschen, die er als Patienten gekannt hat, Wasserleichen, Opfer von Gewalttaten und Unfällen.

„Das ist halt ein Beruf, bei dem Freud und Leid ganz nah beieinanderliegen“, sagt Weigold, der, wenn er seine Praxis jetzt endgültig aufgibt, nicht davon ausgeht, dass er in Depressionen verfällt, sondern der ganz im Gegenteil spürt, dass auch ein Stück Last und Verantwortung von ihm abfallen.

Schließlich habe sich die Medizin gerade in den letzten zehn Jahren „fulminant“ verändert - bezüglich neuer Medikamente genauso wie bezüglich neuer Operationsmethoden –, und wer da nicht ständig am Ball sei, der bleibe ganz schnell auf der Strecke.

Wobei der Buhlbronner Arzt keiner ist, der sein Engagement von jetzt auf nachher von 100 auf Null zurückfährt. Das war vor zehn Jahren nicht so, als er seine kassenärztliche Zulassung zurückgegeben hat – was er mit 68 ohnehin hätte tun müssen, weil damals die Vorschriften so waren –, und das ist jetzt so, da er seine privatärztliche Praxis aufgibt.

„Die Leid kann mr doch nedd hengalassa“

Denn so wie er sich in den letzten Jahren auch weiterhin um einen Stamm alter Kunden aus kassenärztlichen Zeiten gekümmert und sie teilweise auch noch regelmäßig im Pflegeheim besucht hat, so wird er auch jetzt noch ein paar ältere Menschen betreuen, die sich einfach nicht vorstellen können, in den letzten Jahren noch einmal einen neuen Arzt zu suchen.

„Die Leid kann mr doch nedd hengalassa“, sagt Weigold, der auch seinen betriebsärztlichen Pflichten, die sich auf etwa 25 Firmen erstrecken, noch das eine oder andere Jährchen nachkommen will.

„Du kannst die Leute doch nicht einfach hängenlassen“: Diesen Satz hat Wolfgang Weigold auch schon vor zwölf Jahren gesagt, als er in der Fernsehdokumentation „Patient Landarzt“ einer von zwei Hauptdarstellern war. Der andere war ein junger Arzt aus der Pfalz, der sich schon damals nicht hatte vorstellen können, dass er die „Ochsentour“ als Landarzt noch weitere zehn Jahre durchhält.

„Ich habe das 50 Jahre mit Begeisterung gemacht"

Ganz anders Weigold, der Landarzt aus Überzeugung, der damals den Anspruch formuliert hat, abends, wenn gegen 20 Uhr der letzte Patient mit einem munteren „Gute Nacht, Wolfgang“ die Praxis verlässt, genauso konzentriert und höflich zu sein wie morgens um acht oder noch früher, wenn der erste Patient hereingeschneit kommt. Der Traum des damals 65-Jährigen freilich, dass sich für seine Landarztpraxis ein Nachfolger würde finden lassen, hat sich nicht verwirklichen lassen.

Was Weigold sehr bedauert, weil es für ihn keinen schöneren Beruf gibt. „Ich habe das 50 Jahre mit Begeisterung gemacht und würde alles genauso wieder machen“, sagt er – aber natürlich nur mit genau dieser Frau an seiner Seite, die das alles aktiv mitgetragen hat und die jetzt selber sehr gespannt ist, was ihr Mann auf die Frage sagt, was er mit seiner zusätzlichen Freizeit anzufangen gedenkt. Schließlich fängt die Gartenarbeit erst im Frühjahr wieder so richtig an.

Vier Enkel und Hunderte von Rosenstöcken brauchen Zuwendung

Lesen und Reisen fallen Wolfgang Weigold als Erstes ein, wenn es um künftige Freizeitbeschäftigungen geht. Nicht zu vergessen natürlich, die vier – und bald fünf – Enkelkinder (einer von Weigolds beiden Söhnen ist ebenfalls Arzt), die sich auch freuen, wenn der Opa künftig ein bisschen mehr Freizeit hat.

Fürs Fernsehen werde er mit Ausnahme von Nachrichtensendungen und Sportübertragungen wohl auch künftig wenig Zeit aufbringen, meint der 77-Jährige, der eine VfB-Dauerkarte hat und zu dieser Leidenschaft sagt: „Der VfB gewinnt und verliert mit mir.“

Und dann ist da natürlich der große Garten, in dem 220 Rosenstöcke und 18 Rosenbäume darauf warten, sorgsam und liebevoll gepflegt zu werden. Und sein Amt als Vorsitzender des Freundeskreises der Rems-Murr-Klinik Schorndorf will er auch noch mit Herzblut ausüben, nachdem es ihm auch als Hausarzt immer ein besonderes Anliegen war, zu den beiden Rems-Murr-Kliniken und zu den Kolleginnen und Kollegen in den beiden Häusern in einem guten persönlichen Kontakt zu sein.


Kommunalpolitik

  • 29 Jahre lang, von 1975 bis 2004, war Dr. Wolfgang Weigold, der 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist, Mitglied des Schorndorfer Gemeinderats, seit 1994 sitzt er als Mitglied der FDP/FW-Fraktion im Kreistag des Rems-Murr-Kreises.
  • Wer denkt, 25 Jahre Kreispolitik am Ende der Legislaturperiode im Jahr 2019 seien genug, der kennt Wolfgang Weigold nicht. Er habe vor und habe es auch seiner Fraktion schon versprochen, dass er 2019 noch einmal für den Kreistag kandidiere. Nicht zuletzt natürlich auch mit Blick auf seine Aufgabe im Aufsichtsrat der Kliniken. Aber auch im Interesse der FDP/FW-Fraktion, die ohne die Älteren und Alten wie ihn „bald dr Huat lupfa“ könne.