Schorndorf

Drei Jahre nach dem Brand im Löwenkeller Schorndorf: Abriss der Brandruine geplant

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Löwenkeller-Ruine nach dem Brand im April 2019: Nach Ostern endlich soll sich hier was tun. © Ralph Steinemann Pressefoto

Als es im April vor drei Jahren im Löwenkeller brannte, dicht-gelber Qualm über ganz Schorndorf lag und die Feuerwehr die Flammen erst nach vielen, vielen Stunden löschen konnte – wer hätte da gedacht, dass die Brandruine heute noch immer steht. Auf dem Nachbargrundstück hat die Beisswanger-Grundstücksgesellschaft in der Zwischenzeit ein Zehn-Familien-Haus direkt an der Göppinger Straße fertiggestellt. Nebenan ist nur der Schutthaufen größer geworden – mit illegal über den Bauzaun entsorgten Matratzen, Fahrrädern, Kinderwagen, Bürostühlen und anderem Müll. Doch Eigentümer Arthur Beisswanger hofft jetzt, dass der Abriss des noch stehenden Gebäudeteils nach Ostern beginnen kann und die Brandstelle endlich geräumt wird.

Das Feuer, das am 16. April 2019 wütete, war nicht nur zerstörerisch, es hat damals auch die Pläne der Beisswanger-Grundstücksgesellschaft durcheinandergewirbelt: Eigentlich sollte der vordere Bereich des ehemaligen Löwenkellers umgebaut und der hintere Gebäudeteil im Bestand saniert werden. Doch dann hat es ausgerechnet hinten gebrannt. Und zwar so verheerend, dass während der Löscharbeiten ein Abbruchunternehmen anrücken musste, damit die Feuerwehr überhaupt an die Brandherde im Keller, in den Zwischendecken und den Verschalungen herankam. Als sich dann abzeichnete, dass mit der Versicherung keine schnelle Einigung zustande kommt, hat die Beisswanger-Grundstücksgesellschaft umdisponiert: Der Kopfbau im ehemaligen Löwenkeller wurde zurückgestellt und das nebenan geplante dreigeschossige Mehrfamilienhaus vorgezogen.

Längst hat auch die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen unbekannt eingestellt. Großes Glück war damals, dass sich die fünf Leiharbeiterinnen und -arbeiter, die in der Brandnacht ohne Beisswangers Wissen in den von einem deutsch-türkischen Kulturverein genutzten Kellerräumen übernachtet hatten, am Brandmorgen übers Treppenhaus und den Lichtschacht retten konnten.

Schorndorfer Stadtrat sah im Brauereigeschäft wenig Zukunft

Und es jährt sich noch ein Ereignis: In diesem Jahr wäre die Löwenbrauerei 200 Jahre alt geworden. Daran erinnert Erhard Schaukal, der sich für die Schorndorfer Vergangenheit interessiert und eine beeindruckende Sammlung alter Postkarten hat: Als im Jahre 1822 dem Löwenwirt Mathäus Schlangenhauf in Schorndorf die Braugerechtigkeit erteilt wurde, fürchtete der Stadtrat noch, dass die Brauerei keine große Aussicht auf längeres Bestehen habe, denn zu jener Zeit war für die Bevölkerung im Remstal noch der Wein das Hauptgetränk. Zum Löwen gehörte damals auch das Gebäude „Konstanzer Pflegehof“ – und bald roch es in der Konstanzer Hofgasse nach Hopfen und Malz.

Tatsächlich hatte die Brauerei in den ersten Jahren einen sehr schweren Stand. Erst als 1877 der Wirt und Bierbrauer Adolf Friedrich Riehle aus Haslach das gesamte Anwesen übernahm, kam es zum Umschwung. Mit viel Fleiß und Einsatz konnte der Bierumsatz gesteigert werden. Die Brauerei, die sich noch immer hinter dem Rathaus befand, konnte dem Bedarf nicht mehr nachkommen, also erwarb man 1893 von der Stadt ein großes Grundstück an der Göppinger Straße.

Durch die neuen, großen Räumlichkeiten und die technische Einrichtung, die für die damaligen Verhältnisse sehr fortschrittlich war, konnte man verschiedene neue Biersorten anbieten. Es wurden, wie früher üblich, wieder Lager- und Spezialbiere mit einem Stammwürzgehalt von bis zu 14 Prozent und vier Prozent Alkohol zum Verkauf angeboten. Beliebt war auch das dunkle Bier, das nur mit hartem Wasser gebraut werden durfte. Zum Glück hatte die Löwenbrauerei zwei Brunnen, von denen einer weiches, der andere hartes Wasser spendete. In der Zwischenzeit hatte man die erste Dampfmaschine in Schorndorf angeschafft sowie eine moderne Kälteanlage einbauen lassen.

Riehles Ehefrau Minna hat den Betrieb in jahrzehntelanger, mühevoller Arbeit weiter vorwärtsgebracht und das „gute Löwenbräu“ im ganzen Land bekannt und beliebt gemacht. Um 1900 gehörten 16 Wirtschaften zur Brauerei. Riehle selbst war ein streitbarer Mensch, der am liebsten seine Meinung durchsetzen wollte. Als er in seiner Gaststätte „zum Löwen“ eine Kegelbahn einrichtete, wollte der Schorndorfer Gemeinderat das Kegeln nur bis 21 Uhr genehmigen. Die Stadträte machten ihm den Vorschlag, Gummikugeln und mit Gummiringen versehene Kegel zu benutzen. Er legte Widerspruch ein und stritt so lange mit der Stadt, bis der Gemeinderat einlenkte und das Kegeln bis 22.30 Uhr genehmigte.

Riehles Sohn Karl eignete sich nicht als Geschäftsmann, deshalb übernahm seine Schwester Auguste die Brauerei. Sie hatte mit 18 Jahren den Bürgermeister Beisswanger aus Geradstetten geheiratet, der bereits 1912 verstarb. Nun lenkte sie allein bis 1948 die Geschäfte. Danach übernahm der Enkel Arthur Beisswanger die Geschäfte.

Biergarten: Frühschoppen bei Blasmusik unter Kastanienbäumen

50 Jahre nachdem Riehle ins Brauereigeschäft eingestiegen war, fand am 14. Januar 1927 die Eröffnungsfeier der Gaststätte und des Löwenkellersaals statt. Damit hatte man in Schorndorf eine Lücke an geeigneten Veranstaltungs- und Versammlungsräumen geschlossen. Besonders beliebt war im Sommer der Biergarten. Sonntags konnte man unter den Kastanienbäumen den Frühschoppen bei Blasmusik genießen. In den 1950er und 1960er Jahren war der Löwenkellersaal der Veranstaltungsort in Schorndorf – für Abschlussbälle der Tanzschule Grabe, Abiturentenbälle, für den beliebten Blumenball, Auftritte von bekannten Künstlern und Kapellen, Theateraufführungen der Württembergischen Landesbühne Esslingen, ASV-Ringkämpfe vor 900 Zuschauern und Wahlveranstaltungen. Später eröffnete im oberen Saal die erste Schorndorfer Diskothek, das berühmte „Penny Lane“.

Irene Beisswanger übernahm 1958 das Ruder

Bei einer Veranstaltung des Brauereiverbandes in Stuttgart lernte Arthur Beisswanger seine spätere Ehefrau Irene kennen. Ihre Eltern betrieben in Nagold eine kleine Brauerei mit Gaststätte. Nach dem Besuch des Wirtschaftsgymnasiums legte sie später die Prüfung zur Bilanzbuchhalterin ab, außerdem arbeitete sie sich in die betriebswirtschaftliche Berechnung des Brauereiwesens ein. 1957 heiratete sie den 25 Jahre älteren Arthur Beisswanger. Aus der Ehe waren drei Kinder – zwei Söhne und eine Tochter – hervorgegangen. 1958 übernahm Irene Beisswanger das Ruder in einer bis dahin von Männern dominierten Geschäftswelt.

Arthur Beisswanger sah es kommen, dass das Bier nicht allein zum Leben reichen wird, und entdeckte eine Marktlücke: Nach dem Krieg waren Großzelte Mangelware. Er konstruierte und baute Zelte bis zu einer Größe von 50 000 Quadratmetern und verlieh sie an Messen, Volksfeste und Bierfeste. Zu dem kompletten Auf- und Abbau gehörte auch die gesamte Innenausstattung. Anfang der 1950er Jahre bestückte die Firma das „Cannstatter Volksfest“. Beisswangers waren mit ihren Zelten in ganz Deutschland und ab 1960 auch in Frankreich unterwegs. Irene Beisswanger war für die Organisation des Auf- und Abbaus zuständig. Als Arthur Beisswanger 1982 starb, führte Irene Beisswanger mit großem Einsatz und Ehrgeiz die Geschäfte allein weiter.

Doch sie konnte letztendlich nicht verhindern, dass 1986 das letzte Bier der Löwenbrauerei gebraut wurde. Die Brauerei wurde abgerissen und es wurde ein Wohn- und Geschäftshaus erstellt, nur die Gaststätte mit dem großen Saal blieb stehen. Irene Beisswanger starb am 20. April 2012 nach einem erfolgreichen und umtriebigen Arbeitsleben. Nachdem auch die Gaststätte geschlossen hat, wurden die Räume im Untergeschoss des Gebäudes vor dem Brand von einem deutsch-türkischen Kulturverein genutzt und das Erdgeschoss vom Shaolinzentrum Qi Lu.

Als es im April vor drei Jahren im Löwenkeller brannte, dicht-gelber Qualm über ganz Schorndorf lag und die Feuerwehr die Flammen erst nach vielen, vielen Stunden löschen konnte – wer hätte da gedacht, dass die Brandruine heute noch immer steht. Auf dem Nachbargrundstück hat die Beisswanger-Grundstücksgesellschaft in der Zwischenzeit ein Zehn-Familien-Haus direkt an der Göppinger Straße fertiggestellt. Nebenan ist nur der Schutthaufen größer geworden – mit illegal über den Bauzaun entsorgten

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