Schorndorf

Ein besonderer Büchereileiter: Tierfreund Thomas Porada nimmt seinen Abschied

Thomas Porada
Büchereileiter Thomas Porada geht in den Ruhestand. © Gabriel Habermann

Es gibt Menschen, für die gibt es keine halben Sachen. Was sie angehen, machen sie aus vollster Überzeugung, mit ganzer Kraft und immer im Turbo-Gang. So einer ist Thomas Porada, bekennender Tierfreund, vor allem aber größter Fan und Unterstützer „seiner“ Schüler. „Ich will sie alle haben, nicht nur die Pflegeleichten“, hat er mal gesagt, und das ist sein Credo. 15 Jahre lang leitete er die Bibliothek am Berufsschulzentrum, die er von Grund auf aufgebaut und zu einem Ort gemacht hat, an dem die Schüler nicht nur Lesestoff finden, sondern auch Wärme und Verständnis. Jetzt aber ist Schluss. Ende des Monats nimmt der Herr der Bücher seinen Abschied. Thomas Porada geht in den Ruhestand.

Sein Versprechen an einen sterbenden alten Mann

Er ist gerade 63 geworden und hätte gut noch ein paar Jahre weitermachen können. Aber er will nicht. Den Abgang, den hat er sich gut überlegt. „Ich bin seit Jahren ein Getriebener“, sagt er. „Ich habe private Verpflichtungen, die beanspruchen mich sehr.“ Er will und braucht mehr Zeit für seine zweite Passion: seinen Einsatz für alte und verletzte Tiere. Nicht um die Hübschen und Süßen geht es Porada, sondern um die kranken, ausgesetzten, einäugigen oder einbeinigen Tiere, um die, die keiner haben will und keiner braucht. Vor einigen Jahren habe er einem sterbenden alten Mann versprochen, sich um dessen Tiere zu kümmern, erzählt er. Nun unterhält er in einem Garten bei seinem Wohnort Plieningen eine Art Gnadenhof, auf dem er an die 100 Tiere betreut. Das Engagement hat Konsequenzen. Um vier Uhr steht er morgens auf, im Sommer wie im Winter, und fährt zu seinem Garten, um sich um die Tiere zu kümmern.

Stunden später und 40 Kilometer weiter östlich beginnt dann seine Arbeit in der Bibliothek, die er noch immer als seinen Traumjob und sein Ein und Alles bezeichnet. Gefallen hat ihm an seiner Stelle im Berufsschulzentrum die Möglichkeit, selbstständig arbeiten zu können und so die anfangs höchst unfertige Bibliothek immer weiter voranzubringen und den Medienbestand auszubauen. Ein Schüler, erinnert er sich, habe mal zu ihm gesagt, ,Porada, du verbringst dein Leben in Bibliotheken. Wenn ich 40 bin, will ich einen Lamborghini fahren’. Was er geantwortet hat, weiß Porada noch genau, und geändert habe sich das nie für ihn: „Es ist genau das, was ich machen wollte.“

Kollegin Sibylle Hölzle-Spaney war „ein Geschenk“ für ihn

Dass er in den letzten 15 Jahren so zufrieden war, ist aber nicht zuletzt seiner Kollegin Sibylle Hölzle-Spaney zu verdanken, die, so sagt er, „ein Geschenk“ für ihn war. Über all die Jahre sei ihre Zusammenarbeit etwas ganz Besonderes gewesen, geprägt von Zuverlässigkeit und Loyalität: „Wenn es eine berufliche Liebe gibt“, sagt er, „ist sie meine große Liebe.“

Seinen Traum vom selbstständigen Arbeiten in einer Bücherei hat er verwirklicht – weniger zufrieden ist er mit dem Erfolg seiner Mission, den Verantwortlichen die wahre Bedeutung und den Wert von Schulbibliotheken zu vermitteln. Woanders, etwa in England, würden die Büchereien deutlich mehr ausgebaut, sagt er. Für Thomas Porada war seine Bibliothek viel mehr als der Ort, an dem er und seine Kollegin die Schüler und Schülerinnen vor Referaten nahezu perfekt mit Materialien und Lesestoff für die Freizeit versorgten. Klar: Auf den 240 Quadratmetern der Bibliothek stehen Sach- und Fachbücher in den Regalen, eine stattliche Auswahl an Romanen gibt es, außerdem Hörbücher und Zeitschriften. Doch zwischen Bücherregalen, Sofas und PCs erfuhr Porada auch Geschichten von „Suizidgedanken, Ehrenamtsgedöns, Alkoholproblemen und Alleingelassenwerden“. Wir Mittelstandsmenschen, sagt er, „können uns gar nicht vorstellen, in welchen Verhältnissen manche Schüler aufwachsen“. Porada hat sich für sie alle interessiert – auch für die Schüler und Schülerinnen, die sonst selten in einer Bücherei auftauchen.

Er wird als Mensch und Büchereileiter fehlen

Das weiß auch Serkan Degirmenci, stellvertretender Schulleiter der Johann-Philipp-Palm-Schule. Er bedauert es sehr, Thomas Porada gehen lassen zu müssen. Porada habe sich nicht nur für Tiere interessiert, sondern auch für die Menschen und deren Bedürfnisse. Er habe zugehört und allen Gästen in der Bibliothek seine Aufmerksamkeit geschenkt. Dies sei nicht selbstverständlich, sagt Serkan Degirmenci. „Deshalb schätzen wir Herrn Porada sehr. Er war mehr als nur ein Bibliothekar und wird uns auch als Mensch sehr fehlen.“

Klar, dass dieser Abschied auch Thomas Porada nicht leicht fällt. „Wegen der Schüler gehe ich weinenden Herzens. Die haben mich jung gehalten.“ Andererseits habe er zuletzt immer größere Probleme gehabt, das Lebensgefühl der Schüler nachzuvollziehen, bekennt der gelernte Sozialarbeiter. Zehn Jahre lang hatte er in einem Jugendhaus in einem Stuttgarter sozialen Brennpunkt gearbeitet und sich dort um Kinder gekümmert, die keiner haben wollte, wie er sagt. Erst Mitte 30 begann er sein zweites Studium, um Bibliothekar zu werden. Er leitete mehrere Jahre lang die Stadtbücherei Weinstadt und wechselte dann nach Schorndorf ans Berufsschulzentrum. So hat sich für ihn am Ende der Kreis auf wunderbare Weise geschlossen: „Ich bin wieder bei meinen jungen Leuten“, sagt Porada.

Das Vertrauen der Schüler hat ihn geehrt

Sie werden ihm fehlen. „Was habe ich für liebenswerte Menschen kennengelernt“, sagt er. Das Vertrauen der Schüler und Schülerinnen habe ihn geehrt. Hochachtung hat er aber auch vor den Lehrern, die der ehemalige Bundeskanzler Schröder einmal respektlos als faule Säcke bezeichnet hatte. „Für mich sind sie Helden“, stellt Porada klar. „Vor den meisten verbeuge ich mich." Nun aber ist Schorndorf Geschichte für ihn. Mehr Zeit für seine Tiere haben, das war sein Ziel, und darauf freut er sich. Denn bei seinen Tieren, sagt er, fühle er sich Gott nah. „Das ist mein Glück.“

Es gibt Menschen, für die gibt es keine halben Sachen. Was sie angehen, machen sie aus vollster Überzeugung, mit ganzer Kraft und immer im Turbo-Gang. So einer ist Thomas Porada, bekennender Tierfreund, vor allem aber größter Fan und Unterstützer „seiner“ Schüler. „Ich will sie alle haben, nicht nur die Pflegeleichten“, hat er mal gesagt, und das ist sein Credo. 15 Jahre lang leitete er die Bibliothek am Berufsschulzentrum, die er von Grund auf aufgebaut und zu einem Ort gemacht hat, an dem

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