Schorndorf

Ein Leben für die Suchtberatung

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Ist jetzt in Rente, macht aber ehrenamtlich weiter in der Suchtberatung des Kreisdiakonieverbands: Eckhard Mack. © Habermann/ZVW

Schorndorf. Rund 200 Klienten im Jahr hat Eckhard Mack betreut. Rund 38 Jahre war er in der Sucht- und Drogenberatung des Kreisdiakonieverbandes tätig. Macht also rein rechnerisch 7600 Beratungsgespräche, die er geführt hat. Viele waren erfolgreich, viele leider auch nicht. Jetzt ist der 65-Jährige in Rente gegangen. Ans Aufhören denkte Mack aber nicht. Er macht ehrenamtlich weiter. Im Sucht-Jargon könnte man von einer Art „sanftem Entzug“ sprechen.

Wer sich mit Eckhard Mack unterhält, merkt sehr schnell: Das ist einer, dem die Menschen, mit denen er zu tun hat, am Herzen liegen. Denen er helfen will in ihrer Verzweiflung, hervorgerufen durch die Sucht, die sie gepackt hat. Alkohol vor allem, jene Droge, die legalisiert ist. Deren Genuss nicht unter Strafe steht. Und das, obwohl nach dem neuesten Jahrbuch in Deutschland jährlich 74 000 Menschen an den direkten Folgen des Alkohols sterben. An den direkten, wohlgemerkt. Nicht berücksichtigt in dieser Zahl sind die Dunkelziffer und die Todesfälle, in denen Alkohol ebenfalls eine Rolle spielte. Vielleicht der Ausgangspunkt war, der Anfang vom Ende.

„Nur du allein schaffst es, aber du schaffst es nie allein“

„Empirisch belegt“ ist nach den Worten des Diplomsozialpädagogen, der in Heidenheim an der Brenz geboren wurde und in Esslingen studiert hat, zum Beispiel, „dass 20 bis 30 Prozent der Patienten, die auf der Inneren Abteilung eines Krankenhauses liegen, ein Suchtproblem haben“. Das könnte man ja gleich angehen. Eigentlich. Geht nicht, sagt Mack und nennt auch den Grund: „Die Ärzte haben keine Zeit, sich darum zu kümmern.“ Hier kommt dann der sogenannte „Liaison-Dienst“ der „Psychosozialen Beratungs- und ambulanten Behandlungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke des Kreisdiakonieverbandes Rems-Murr-Kreis“ (so heißt Macks Arbeitsstelle offiziell, kurz PSB) zum Tragen. Unter diesem Dienst versteht man die Verknüpfung von Medizin und Psychosozialem. Eine Kollegin von Eckhard Mack hat eigens dafür ein Büro im Schorndorfer Krankenhaus und führt Beratungsgespräche, um die Menschen frühzeitiger zu erreichen.

Der Wille zur Veränderung

Aber auch hier gilt wie überall in der Suchtberatung der Satz: „Nur du allein schaffst es, aber du schaffst es nie allein.“ Andererseits muss der Wille zur Veränderung des eigenen Lebens sehr wohl da sein, er muss aus dem Suchtkranken kommen und nicht von außen an ihn herangetragen werden. Denn Letzteres führt in den allermeisten Fällen nicht zum Erfolg. Ein Beispiel: Der Arbeitgeber sieht die Alkoholproblematik eines Mitarbeiters und stellt ihn vor die Wahl: Entweder Entzug oder es gibt richtig Probleme mit dem Arbeitsplatz. Der auf diese Art und Weise unter Druck Gesetzte entscheidet sich – im Grunde gegen seinen Willen – für den Entzug. Nachhaltig ist die Abstinenz, so sie überhaupt erreicht wird, dann in den wenigsten Fällen.

Hilfe zu Selbsthilfe, Unterstützung, um wieder auf die Beine zu kommen – das ist es, was die PSB (in Schorndorf sind es derzeit fünf volle Stellen, verteilt auf sieben bis acht Fachkräfte) anbietet. Die Krise auch als Chance zu begreifen, das wollen Eckhard Mack und die anderen Mitarbeiter den Suchtkranken vermitteln. Dass es jemand ohne professionelle Hilfe schafft, von Alkohol oder Opiaten wegzukommen, ist nicht der Alltag. Vielleicht gelingt es dem einen oder anderen, sich wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Einmal, sagt Mack, geht das unter Umständen, „aber es funktioniert nicht auf Dauer“.

Sucht kommt nicht von „suchen“, sondern von „siech“ (= „krank“)

„Wir fangen auch gerne wieder von vorne an“, antwortet der 65-Jährige auf die Frage, ob’s nicht frustrierend ist, wenn er immer und immer wieder mit Rückfällen konfrontiert wird. „Ein Herzspezialist sagt ja auch nicht, ,jetzt kommt der schon wieder‘.“ Nein, er behandelt den Patienten, weil er krank ist. Und krank ist der Süchtige auch. Denn, klärt Mack auf: „Sucht kommt nicht von ,suchen‘, sondern von ,siech‘.“ Und „siech“ heißt „krank“. Gleichwohl „können wir nicht jedem das Heil vermitteln“. Er zitiert aus der Bibel, genauer gesagt Jesus, der am Teich Bethesda einen Siechenden gefragt haben soll: „Willst du gesund werden?“ Und Eckhard Mack stellt klar: „Wir fragen auch: Bist du bereit, immer zu kommen, gehst du zum Doktor?“ Denn „das Suchthilfesystem besteht nicht nur aus ein paar versprengten Profis bei der PSB, sondern aus einem guten Netz von Selbsthilfegruppen“. Und aus der Ärzteschaft, aus anderen Beratungsstellen (Familien- oder Sozialtherapie, Wohnungsstellen, Arbeitsamt, Jugendamt, Sozialamt) sowie dem klinischen Bereich. Zum Beispiel Winnenden, wo die meisten Entgiftungsfälle zuerst landen, bevor dann die Therapie ansteht.

Schorndorf: Erste Stelle mit ambulanter Therapie

Hier favorisiert Mack eine Kombination aus bis zu acht Wochen stationärem Aufenthalt und bis zu einem Jahr ambulante Betreuung („damit habe ich die beste Erfahrung gemacht“). Offiziell anerkannt vom Rententräger und den Krankenkassen ist die Ambulante Therapie erst seit dem Jahr 2004. In Schorndorf freilich wurde sie schon früher praktiziert, weil Gerhard Rall (heute Geschäftsführer des Kreisdiakonieverband Rems-Murr-Kreis in Waiblingen), Barbara Urbaniak (Diplompsychologin und Psychotherapeutin) und Eckhard Mack entsprechende Wege und vor allem Mittel gefunden haben. Schorndorf war damals die erste Stelle im Bereich des Diakonischen Werkes Württemberg, die eine Ambulante Therapie anbot.

Fast 38 Jahre in der Suchtberatung – da gab’s auch „dunkle Seiten“ im Leben des Eckhard Mack. Er konkretisiert: „Dass Menschen wegen ihrer Sucht das Leben verlieren.“ Vor allem in der 80er Jahren „stand ich an Gräbern von jungen Menschen, die Opiate nahmen und nicht sterben wollten“. Mack macht eine kurze Pause, sagt dann: „Das war schon hart.“ Und fügt hinzu: „Das war schwer auszuhalten.“ Aber „summa summarum“ hat der Mann, der verheiratet ist und zwei erwachsene Töchter hat, „meine Arbeit ausgesprochen gern gemacht und die Freude nie verloren“. Und noch etwas sagt Mack: „Es lohnt sich, dranzubleiben, auf dem Weg zu bleiben, seine Chance zu nutzen. Das sage ich auch meinen Klienten.“

Er wird es ihnen weiterhin sagen. Ehrenamtlich, beziehungsweise als freier Mitarbeiter des Kreisdiakonieverbands. Wie lange noch? Ende offen.

„Fixer“ – „Spießer“

Seine Diplomarbeit hat Eckhard Mack seinerzeit über den Ringgenhof, eine Fachklinik für suchtkranke Männer in Wilhelmsdorf bei Ravensburg, geschrieben. Dort wurden schon damals zwei Drogenabhängige pro Gruppe aufgenommen. Es kam dann durchaus vor, dass der alkoholkranke Geschäftsmann den Drogenabhängigen beschimpfte: „Du Fixer“. Der freilich konterte locker: „Du Spießer“.

Nicht selten entwickelten sich während des Aufenthalts zwischen diesen beiden Menschen, die aus völlig verschiedenen gesellschaftlichen Schichten stammten, nach anfänglicher Feindschaft Freundschaften. Freundschaften fürs Leben. Schließlich hatten sie ja etwas Verbindendes: die Sucht. Diese Entwicklung während einer Therapie „hat mich fasziniert und ein Leben lang begleitet“, sagt Mack.