Schorndorf

Ein Nachbar zum Fürchten

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf/Alfdorf. Dutzende Male beschädigte Andreas F. die Weidezäune seiner Nachbarin, fast täglich beleidigte er sie unflätig– und drohte gar damit, ihr Haus anzuzünden und die Pferde zu töten. Sie trachte ihm nach dem Hof, so seine Begründung. Das Gericht verurteilte ihn dafür zu einer Haftstrafe. Nach seiner Entlassung will er den Privatkrieg fortsetzen.

Für Evelin H. war es der große Traum: ein Pferdehof auf dem Land. Und lange hat die 52-Jährige nach einem passenden Ort gesucht, um sich gemeinsam mit ihrem Mann zur Ruhe zu setzen, Pferde zu züchten und das Leben zu genießen. Im Welzheimer Wald wurden sie schließlich fündig. In jahrelanger Arbeit richteten sie das Gebäude her, renovierten es an Wochenenden, neben der Arbeit. Seit einigen Jahren leben sie nun dort. Doch der Traum von der dörflichen Idylle wurde zuletzt immer mehr zum Albtraum. Der Grund dafür ist Andreas F. Der Landwirt ist direkter Nachbar – und hat sich seit geraumer Zeit auf die Ansicht versteift, dass an all seinem Elend Evelin H. schuld sei.

Innerfamiliäre Konflikte und unzumutbare hygienische Zustände

Nun sind die Lebensumstände des 36-jährigen Junggesellen, der mit seinen Eltern auf dem Hof wohnt, tatsächlich prekär. Ein Polizist, der mit dem Fall betraut ist, bezeichnet sie vor Gericht als „ärmlich“: Eine Duschmöglichkeit gebe es dort nicht, Klamotten lägen überall im Haus verteilt, die hygienischen Zustände seien im Grunde unzumutbar. Außerdem berichtet er von einem heftigen innerfamiliären Konflikt. „Der taugt nichts“, würde der Vater über seinen Sohn sagen. Verwandte hätten ihn immer wieder übers Ohr gehauen. Ein neutraler Beobachter würde sagen, dass eher aus der eigenen Familie Ungemach drohe. Um seinen Betrieb ängstigt sich Andreas F. aber wegen Evelin H., auf die er sich stur fixiert: „Er verrennt sich in der Ansicht, dass sie für alles, was er erleiden muss, verantwortlich ist.“ Für andere Argumentationen sei der Angeklagte nicht mehr zugänglich. Im Ort sei er für seine Sturheit bekannt – und gefürchtet. Vor Jahren habe ein Brief kursiert, der die Behörden zum Handeln aufgefordert habe. Gebracht habe es nichts, wie der Fall nun zeige.

Mit der Nachbarin im Krieg: „Demnächst gibt es Leichen“

Mit entsprechenden Konsequenzen: Die Medizinerin bezeichnet er seit geraumer Zeit nur noch als „Dreckshure“. Den Ausdruck richtet er nicht nur lautstark an sie direkt, er benutzt ihn auch gegenüber Dritten: dem Polizisten, dem psychiatrischen Sachverständigen oder der Hausärztin. In ihrer Praxis hat er auch die Drohung geäußert, den Hof anzünden und die Pferde töten zu wollen. Mit Evelin H. befindet er sich „im Krieg“: „Demnächst gibt es Leichen“, hat er zum Polizist gesagt.

Weidezäune durchtrennt - Pferde entkommen

Doch damit nicht genug: Im Sommer hat der Landwirt damit angefangen, Weidezäune seiner Nachbarn zu durchtrennen. Mal hat er den Draht mit einem Messer durchtrennt, mal mit dem Feuerzeug, und mal riss er Metallpfosten aus der Erde. In zwei Fällen standen zum Tatzeitpunkt auch Pferde auf der Weide. Und in einem Fall entkamen die Tiere. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, die Weide befand sich unweit einer vielbefahrenen Landstraße.

Schuld sei nur die Nachbarin

„Dabei hat eine ständige Steigerung stattgefunden“, sagt der Polizist vor Gericht. Die Tatzeiten hätten sich immer weiter verkürzt – und irgendwann habe er keinen Zugang mehr zum Angeklagten bekommen. Als der Psychoterror im Oktober überhandzunehmen drohte, kam Andreas F. in Untersuchungshaft. „23 Stunden lang eingesperrt, das ist nicht schön“, sagt er vor Gericht. Auf die Vorwürfe reagiert der alles andere als geknickt wirkende Mann gereizt. Er wird einige Male laut. Schuld an seiner Situation, das macht er sehr deutlich, sei einzig und allein seine Nachbarin.

Die Beleidigungen? „Wenn ich mich ärgere, dann sage ich halt was. Und auf meinem Grund und Boden darf ich doch sagen, was ich will“, empört er sich. „Das dürfen Sie nicht“, belehrt ihn sein Verteidiger.

„Was mit den Pferden ist, das war mir in dem Moment egal.“

Und der Weidezaun? Den habe er nur kaputt gemacht, weil ein Überfahrtsrecht bestehe, das ihm die Nachbarsfamilie mit Absicht verweigere. „Was mit den Pferden ist, das war mir in dem Moment egal.“ Und das Feuerzeug habe er nur aus einem Grund benutzt: „Es geht schneller auseinander, wenn ich es anzünde.“ Der Einwand, dass er deutlich mehr als einen Weidezaun beschädigt habe, und nicht nur jenen, auf dem angeblich ein Durchfahrtsrecht bestehe, stößt bei dem Angeklagten aber nur auf taube Ohren. Genauso wie der Hinweis seines Verteidigers, dass er selbst bei bestehendem Durchfahrtsrecht nicht einfach Zäune durchtrennen dürfe.

Im „Dauerstresszustand“ habe sie sich deshalb in den vergangenen Monaten befunden, berichtet Evelin H. vor Gericht. Panikattacken, Schlafprobleme und eine mittelschwere depressive Störung seien die Folge gewesen. Die dunklen Ringe unter ihren Augen lassen etwas davon erahnen. Vor seiner Inhaftierung sei es „Terror jeden Tag“ gewesen. „Wenn er mich sah, ging es los mit den Beleidigungen. Entweder sehr laut oder im Singsang.“ Das Belastendste sei jedoch etwas anderes gewesen: „Die Vorstellung, dass Pferde in Autos laufen und Menschen dabei zu Schaden kommen.“

Nachbarin hält den Angeklagten für „eine tickende Zeitbombe“

Dabei habe sie es mit dem Nachbarn lange im Guten versucht, Anzeigen zurückgezogen, immer wieder den Dialog gesucht. Doch Andreas F. sei nicht normal in seinen Reaktionen. „Wir erreichen ihn nicht mehr.“ Den Angeklagten hält sie darum auch für eine „tickende Zeitbombe“.

Der psychiatrische Sachverständige hält Andreas F. hingegen für durchaus einsichtsfähig. Sein Denken sei sicherlich thematisch eingeschränkt, Anzeichen einer Psychose könne er jedoch nicht erkennen. Zwar sei der Angeklagte in der Vergangenheit bereits wegen einer akuten Psychose, paranoider Schizophrenie sowie dem Verdacht auf Liebeswahn in der Psychiatrie gewesen, weshalb er auch regelmäßig Neuroleptika nehme. In diesem Fall jedoch sei das Problem nicht durch einen therapeutischen Prozess zu lösen.

Verteidiger attestiert Angeklagtem „wahnhafte Vorstellungen“

Bleibt also die Frage: Bewährung oder nicht? Aufgrund der „besonderen Gefährlichkeit und Hartnäckigkeit“ sah der Staatsanwalt dafür keine Möglichkeit mehr und forderte eine Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Der Verteidiger hingegen ordnete die Taten seines Mandanten als „weniger schwerwiegend“ ein. Wiewohl er es sich nicht nehmen ließ, seinen Mandanten ausführlich zu belehren und ihm „wahnhafte Vorstellungen“ zu attestieren. Ein Jahr auf Bewährung seien daher für Tat und Schuld angemessen. Andreas F. zeigte sich davon jedoch wenig beeindruckt. „Ich bin hier der Geschädigte“, wiederholte er zum Schluss nochmals eindringlich.

Das Gericht stellte dem Angeklagten daher keine allzu günstige Prognose aus. Und verurteilte ihn schließlich zu einer Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten ohne Bewährung.

Nachbarstreite und illegale Traktorfahrten

Wegen Diebstahl, Sachbeschädigung, Körperverletzung und Beleidigung wurde Andreas F. schon einmal verurteilt. Vor sieben Jahren hatte er den Roller eines Nachbarn entwendet, der ihm angeblich Geld geschuldet habe. Dabei hat er auf das Fahrzeug eingeschlagen und sich auch körperlich mit dem Geschädigten angelegt.

In 40 Fällen ist der Landwirt zudem dabei erwischt worden, wie er ohne Führerschein mit dem Traktor unterwegs war. Einen Führerschein hat Andreas F. nie gemacht, fährt aber nach wie vor regelmäßig mit dem Traktor durch die Gegend. „Ich muss ja meinen Hof schaffen, was soll man tun“, sagte er vor Gericht. „Außerdem sind die Flächen ja nur im Kaff rum.“

Die Polizei hat ihm deshalb bereits eine Geschwindigkeitsauflage von 6 km/h verordnet – und einen entsprechenden Aufkleber an seinen Traktor gemacht. Aber auch daran hat sich der 36-Jährige nicht gehalten. „Wie soll ich da bei Matsch oder Schlaglöchern vorankommen?“

Dass er bei seinen illegalen Fahrten von Nachbarn fotografiert wurde, empört Andreas F. sehr: „Ich fühle mich dadurch in meiner Ehre herabgewürdigt.“ Er wolle nicht von jedem fotografiert werden. Deshalb habe er den Fotografen auch den Mittelfinger gezeigt.