Schorndorf

Ein Schorndorfer Tätowierer befürchtet langfristige Corona-Folgen bei den Tattoostudios

Bernd Dilger
Bernd Dilger ist Anfang des Jahres mit seinem Tattoostudio von Schorndorf nach Weiler umgezogen. © GAbriel Habermann

Tattoostudios haben besonders mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Auch Bernd Dilger hat es in diesen unsicheren Zeiten schwer. Der Inhaber von Deep Roots Tattoo in Weiler berichtet von finanziellen Engpässen und glaubt, dass viele politische Entscheidungsträger die Augen vor den tatsächlich Leidenden verschließen. Wann er sein Atelier wieder öffnen darf, weiß er selbst nicht genau.

Seit Monaten bleibt das Tattoostudio geschlossen

Rund sieben Monate lang konnte Bernd Dilger seiner großen Leidenschaft, dem Tätowieren, nicht nachgehen. Ende des vergangenen Jahres entschied er sich dazu, mit seinem Atelier aus der Vorstadtstraße in die Schorndorfer Straße nach Weiler umzuziehen. Dort hatte er, zusammen mit seinem Bruder, kurz zuvor das Haus seiner Mutter geerbt. Da er für sein neues Studio einiges renovieren und umbauen musste, konnte er auch während der kurzen Lockerungsphase im März nicht öffnen. „Das war viel zu kurzfristig“, sagt er rückblickend. Dass er seinen Betrieb wieder aufnehmen kann, wurde ihm nämlich erst einen Tag vorher mitgeteilt. Weil er diese lange Zeit nicht arbeiten konnte, sieht es für sein Studio wirtschaftlich nicht gut aus. Die Novemberhilfen des Bundes wurden ihm zunächst ohne Begründung nicht genehmigt. Seitdem er Einspruch erhoben hat, hat er nie wieder etwas von den zuständigen Behörden gehört.

Andere finanzielle Hilfen, die in der Zwischenzeit angeboten wurden, erhielt er hingegen völlig problemlos. Er erzählt, dass das Geld der Überbrückungshilfen innerhalb von zwei Tagen auf seinem Konto war. Das hilft zwar für einen kurzen Zeitraum, doch trotzdem verpufft es schnell. „Ich kann mich hier zwar schmal halten, aber trotzdem habe ich laufend Ausgaben“, sagt Bernd Dilger. Rund 12.000 Euro seines Ersparten hat ihn die Pandemie nach eigenen Angaben gekostet. Bei vielen seiner Freunde und Kollegen habe es unterdessen ganz ähnlich ausgesehen. „Viele Entscheider sind blind und sehen nicht die Leute, die tatsächlich hart von Corona getroffen sind“, meint Bernd Dilger.

Viele Tätowierer kämpfen um ihre Existenz

Dass sich die Corona-Zeit langfristig auf die Welt der Tattoostudios auswirken wird, ist seiner Meinung nach nicht zu verhindern: „Vielen wird die Kohle ausgehen und dann werden sie schließen müssen“, sagt er nachdenklich. Die Studios, die großen Motorradclubs gehören, werden sich allerdings halten können. Außerdem vermutet er, dass die Tattoobranche in Zukunft stärker auf ihre Hygienemaßnahmen kontrolliert werden wird. Das begrüßt Bernd Dilger, denn in seinen 20 Jahren als Selbstständiger hat er noch nie Besuch vom Gesundheitsamt bekommen. „Es gibt genügend, die sich nicht richtig darum kümmern. In diesem Fall geht aber ganz klar die Sicherheit von mir und meinen Kunden vor“, sagt er.

Trotz langer Schließung hatte Bernd Dilger vergangenes Jahr alle Hände voll zu tun. Als das Virus im Mai 2020 unter Kontrolle zu sein schien und er seine Arbeit wieder aufnahm, konnte er sich vor Aufträgen kaum retten. In den beiden Wochen nach dem ersten Lockdown arbeitete er doppelt so viel, erzählt er. Neukunden seien in dieser Zeit trotzdem kaum gekommen. An einen ganz Besonderen aus dieser Zeit erinnert er sich aber sofort. Ein 85-jähriger Mann, der noch untätowiert war, ließ sich eine Schwalbe als Symbol seiner Freiheit und Abenteuerlust stechen.

Vor seiner Zeit als Tätowierer hat Bernd Dilger im Außendienst gearbeitet. Da es vor über 20 Jahren noch lange nicht so viele Studios gab wie heute, war es nicht ganz so einfach, diese Kunst zu erlernen. Durch das Zeichnen von Plattencovern für befreundete Musiker stellte er aber sein Können unter Beweis und wurde von einem Tätowierer eingelernt. Das Piercen hat ihm später eine Kollegin beigebracht. Kurz darauf begann er, mit einem kleinen Bus drei Jahre lang durch Europa zu fahren. Sein rollendes Tattoostudio machte unter anderem Halt in Berlin, Hamburg und Zürich. Auch in Madrid und Barcelona tätowierte er. Seine Reiselust führte ihn sogar bis nach Neuseeland, doch aufgrund einer Krebsdiagnose seines Vaters kehrte er nach Schorndorf zurück und eröffnete sein eigenes Studio.

Ein Job, der körperlich viel abverlangt

Die Klischees, mit denen Tätowierer wie Bernd Dilger konfrontiert werden, haben sich in den letzten Jahren verändert. Die klassischen Vorurteile der rebellischen Verbrecher und Gefängnisinsassen sind in den jüngeren Generationen nicht mehr verbreitet, erzählt er. Vielmehr glauben viele Menschen heute, dass Tätowierer „wie Rockstars leben“ und mit ihren Studios ohne viel Arbeit das große Geld machen. Die Schuld daran gibt der 51-Jährige unter anderem den Fernsehsendungen rund ums Tätowieren. Dass dieser besondere Job aber gerade in den Anfangsjahren sehr hart ist und körperlich alles abverlangt, sei vielen Leuten nicht klar. Dass großflächige Tattoos gut und gerne Kosten im vierstelligen Bereich verursachen, ist dem hohen, individuellen Aufwand geschuldet. „Qualität hat eben ihren Preis“, sagt Bernd Dilger. Auch beim Piercen gehört ein gewisses Fachwissen dazu. Denn wie man einen Piercing-Ring problemlos öffnet, wissen laut Bernd Dilger selbst die meisten Ärzte nicht. „Ich erkläre mich gerne bereit, das zu zeigen“, sagt er lachend.

Da das Tätowieren in den Beschlüssen der Bundesnotbremse unter den Bereich körpernahe Dienstleistungen fällt, darf Deep Roots Tattoo trotz der Inzidenz unter 100 noch nicht öffnen. Diese sind nämlich nur mit medizinischem Zweck erlaubt. „Wann ich wieder anfangen kann, weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht so genau“, sagt Bernd Dilger.

Tattoostudios haben besonders mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Auch Bernd Dilger hat es in diesen unsicheren Zeiten schwer. Der Inhaber von Deep Roots Tattoo in Weiler berichtet von finanziellen Engpässen und glaubt, dass viele politische Entscheidungsträger die Augen vor den tatsächlich Leidenden verschließen. Wann er sein Atelier wieder öffnen darf, weiß er selbst nicht genau.

Seit Monaten bleibt das Tattoostudio geschlossen

Rund sieben Monate lang

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper