Schorndorf

Eine pragmatische Idealistin

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Jung, grün, feministisch: Melissa Zier (rechts) im Gespräch mit Sofia Anders, Praktikantin bei unserer Zeitung. © Alexandra Palmizi

Schorndorf/Welzheim. Einen jungen Grünen in Schorndorf zu finden, war gar nicht so leicht, genauer gesagt: unmöglich. Die einzig aktive Jungpolitikerin im Ortsverband wohnt nämlich in Welzheim. Was sie umtreibt und wie sie sich eine grüne Politik der Zukunft vorstellt, hat die 19-Jährige im Gespräch mit uns erläutert.

Video: Melissa Zier glaubt an zehn Prozent für die Grünen bei der Bundestagswahl.

Bioprodukte kaufen, sich vegetarisch ernähren, Lebensmittel nicht einfach wegwerfen, Bahn, Bus und Fahrrad nutzen, sich dem Konsum verweigern: All das ist für Melissa Zier eine Selbstverständlichkeit. Die 19-Jährige ist durch die Familie grün sozialisiert, lebt grün und ist seit anderthalb Jahren auch Mitglied der Partei „Die Grünen“. Inzwischen ist sie sogar Sprecherin der Grünen Jugend im Kreis.

Politisch sozialisiert wurde Zier durch den Protest gegen Stuttgart 21

Durch den Protest gegen Stuttgart 21 wurde Zier bereits in jungen Jahren politisiert: „Ich finde es wichtig, auszusprechen, was einem nicht passt. Demokratie braucht Widerspruch“. Da sich die Befürworter in einer Volksabstimmung durchgesetzt haben, ist für die junge Demokratin der neue Bahnhof aber kein Thema mehr.

Dass mit Kretschmann und Kuhn jetzt ausgerechnet zwei Grüne das von ihnen abgelehnte Projekt durchführen müssen, sei zwar ärgerlich, schließlich sei das Projekt „auf dem Misthaufen von Schwarz-Gelb gewachsen“. Doch im Großen und Ganzen würden Ministerpräsident („der passt gut zu seinem Land“) und OB das schon gut machen. Auch wenn die beiden Realos, die sie als „kleineres Übel“ bezeichnet, sicher nicht der Grund waren, der Partei beizutreten. Und sie sich eher an Politikern wie Hofreiter, Trittin oder Peter orientiert.

Ideale sind wichtig, Kompromissbereitschaft auch

Ganz grundsätzlich findet es Zier aber gar nicht so schlecht, dass sich die Grünen von einer links-alternativen Anti-Parteien-Partei zu einer in alle Lager anschlussfähigen Systempartei entwickelt haben. Ideale seien ihr wichtig, aber „man muss kompromissbereit sein“, findet die 19-Jährige. Deshalb ist es für sie auch nicht schlimm, wenn grüne Positionen von anderen Parteien aus wahltaktischen Gründen aufgenommen werden – auch wenn es im Grunde unehrlich sei. Wenn dabei so etwas herauskomme wie bei der Abstimmung über die Ehe für alle, geht das für die Grüne in Ordnung.

Rot-Rot-Grün: Unter den Jungpolitikern schon länger ein Thema

Dass die Gleichstellung jetzt kommt, ist ihr deshalb auch wichtiger, als der kuriose Umstand, dass Merkel (die im Bundestag dagegen gestimmt hat) in den Geschichtsbüchern dereinst als Urheberin des Gesetzes eingehen wird. Denn Inhalte stehen bei ihr definitiv über Parteitaktik und -räson.

Auch deshalb ist die Kreissprecherin der Grünen Jugend eine Befürworterin des Projekts Rot-Rot-Grün. Auf Kreisebene gebe es unter den Jungpolitikern schon länger einen Gesprächskreis zwischen den Parteien. Aber auch im Bund ist das ihre bevorzugte Koalition. Denn „mit der SPD gibt es die meisten Übereinstimmungen“. Außerdem ergänze sich das aus ihrer Sicht ganz gut: Bei den Grünen sei die Umwelt, bei den Sozialdemokraten der Mensch im Mittelpunkt – „den Umweltschutz haben die nicht auf dem Kasten“. Mit den Linken und ihren Maximalforderungen sei es im Moment zwar bisweilen etwas schwierig, „aber auch sie braucht man für eine Mehrheit.“

Von Bildungs- bis Umweltpolitik: Nur Rot-Rot-Grün kann das ändern

Denn nur gemeinsam könnten die Parteien das voranbringen, was Zier politisch um- und antreibt: Die Entwicklung eines generationengerechten Rentensystems, eine liberalere Drogenpolitik, den schnellen und erfolgreichen Umstieg auf E-Mobilität, einen schnelleren Kohleausstieg, mehr Chancengleichheit durch ein einheitliches Bildungssystem oder die Beendigung der Diskriminierung von Transgender-Personen (Menschen also, die mit traditionellen Geschlechtszuschreibungen nichts anfangen können) und Frauen.

Letzteres ist für die Feministin eine Herzensangelegenheit. Dass Frauen heute im Schnitt immer noch weniger verdienen als Männer und von der Gesellschaft in traditionelle Rollenmuster gezwängt werden, missfällt der Grünen. Sie bedauert, dass viele Frauen in ihrer Generation gar kein Bewusstsein mehr entwickeln für diese Ungleichheiten. Wie überhaupt das politische Bewusstsein bei den meisten jungen Menschen eher schwach ausgeprägt sei. Ihre Erfahrung aus persönlichen Gesprächen: „Viele sind uninformiert.“

Letztlich, so ihre Grundhaltung, sollten gesellschaftliche Veränderungen immer bei einem selbst anfangen. „Man muss Ideale vorleben.“ Zier versucht das im Alltag, indem sie einen möglichst grünen Lebensstil pflegt. Ein möglichst geringer ökologischer Fußabdruck ist ihr ein großes Anliegen. Produkte mit einem hohen CO2-Ausstoß meidet sie aus Prinzip.

Der öffentliche Nahverkehr sollte ausgebaut werden

Weil Zier auf dem Land lebt, ist sie nicht nur auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, sie nutzt sie auch aus Überzeugung. Und weiß daher aus eigener Anschauung, dass es jenseits von Schorndorf eng wird für jene, die kein Auto besitzen. Die 19-Jährige ist oft in Schorndorf, wo mehr los ist als in Welzheim, alleine schon wegen des grünen Ortsverbands, in dem sie Mitglied ist. Sie fühlt sich mit der Stadt verwurzelt. Außerdem geht sie auf das sozialwissenschaftliche Gymnasium in Backnang, muss also täglich durch das Remstal. Hier sei ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs dringend erforderlich. Ein Radweg nach Welzheim, auch das würde sie sich wünschen.

Die Grünen, findet sie, werden darum nach wie vor dringend gebraucht. Und seien auch gar nicht so langweilig-spießig, wie das manchmal wirke. Im Gegenteil: „Ich denke, dass wir mutig sind.“ Weil die Partei gegen den Trend auf Umweltinhalte setze und nicht populistisch agiere. Auch die sehr realistisch formulierten Forderungen für die Bundestagswahl hätten sie deshalb restlos überzeugt. Ein Regierungswechsel sei nun an der Zeit. Denn Opposition sei zwar wichtig, doch „das Nonplusultra ist das Regieren.“



Schorndorf. Die Grünen stellen in Baden-Württemberg seit sechs Jahren den Ministerpräsidenten. Winfried Kretschmann ist einer der beliebtesten Politiker im Lande. Doch überraschenderweise gibt es in Schorndorf keine Jugendorganisation der Grünen. Wir haben deshalb mit Andreas Schneider, Sprecher der Schorndorfer Grünen (Bild: privat), gesprochen.

Bild: privatWoran liegt es, dass die Grünen so wenige junge Mitglieder in Schorndorf haben?

Die Partei profitiert von Kretschmann vor allem bei den Wählern. Was die Mitglieder anbelangt in Schorndorf aber nicht so sehr. Dennoch wachsen die Grünen seit Jahren stetig, wenn auch auf relativ niedrigem Niveau. Mittlerweile haben wir mehr als 60 000 Mitglieder, während die Volksparteien im großen Stil Mitglieder verlieren. Gerade bei Jugendorganisationen gilt aber: Es liegt immer an Einzelpersonen, ob es Strukturen gibt. Und die fehlen in Schorndorf schon seit geraumer Zeit. Deshalb gibt es hier auch keine Grüne Jugend mehr. Aber, bei allem Respekt, auch bei den anderen Parteien sehe ich keine jungen Menschen, die in der Stadt politisch nennenswert in Erscheinung treten. Die meisten sind ziemlich abgekoppelt von der Politik, die vor Ort gemacht wird. Manch einer mag zwar besorgt sein, doch den Hang, politisch aktiv zu werden, sehe ich nicht. Viele sind nicht mehr positioniert, an nichts mehr gebunden – und können mit den klassischen Trennungen des Parteiensystems auch nichts anfangen.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Für junge Menschen ist es kein Widerspruch, für eine starke innere Sicherheit zu sein, auf der anderen Seite aber eine liberale Flüchtlingspolitik zu fordern. Sie vertreten also in einem Bereich eine CDU-Position, in einer anderen die der Grünen. Da fällt es schwer, sich dauerhaft auf eine Partei festzulegen oder gar Mitglied zu werden. Zumal die Milieus, die früher politische Strömungen geprägt haben, in dieser Form nicht mehr existieren.

Wie versucht der Schorndorfer Ortsverband, junge Mitglieder zu gewinnen?

Indem wir offen sind für Interessenten, junge Menschen im persönlichen Gespräch ermutigen, vorbeizukommen, ihnen zuhören und sie reden lassen. Ich höre mir an, was die Menschen wollen, wofür sie sich interessieren und reagiere dementsprechend. Ich nehme mir viel Zeit für persönliche Gespräche zu Erwartungen und Ideen und frage regelmäßig nach, wie es einem geht, der sich länger nicht mehr gemeldet hat. Wer Verantwortung übernehmen möchte und Projektideen hat und sich einbringen möchte, darf das sofort tun. Melissa wurde bei uns sofort mit einer Aufgabe betraut, als sie Interesse bekundete. Ich biete Interessierten - jungen wie alten - eine Art Patenschaft an. Zudem machen wir auch das Angebot: Mitmachen ohne Mitgliedschaft. Das schafft Niederschwelligkeit.

Was raten Sie jungen Menschen, die politisch interessiert sind?

Macht euch die Parteien zu eigen! Man hat in ihnen viel mehr Freiheiten, als viele gemeinhin denken. Denn sie sind auf neue Mitglieder angewiesen. Bildet euch politisch, bevor ihr euch positioniert! Und kämpft für eure Ideen – egal ob in einer Partei oder außerhalb. 

Grüne Jugend im Rems-Murr-Kreis

Der Kreisverband war längere Zeit eingeschlafen. Erst Anfang des Jahres meldete sich der Jugendverband nach einer zweijährigen Pause wieder zu Wort.

Dass es den Grünen an jungen Gesichtern mangelt, gibt auch Melissa Zier zu. Sie findet aber auch: „Man muss mehr auf die jungen Menschen hören – und nicht nur auf die, die seit Jahren nichts anderes gemacht haben, als im Bundestag zu sein.“

Nach den Aktivitäten der Grünen Jugend gefragt, muss die Kreissprecherin kurz überlegen, nennt dann aber vor allem das Engagement gegen rechts. Wenn Rechtsextreme aufmarschieren oder die AfD eine Veranstaltung habe, seien die Grünen (gemeinsam mit Antifa und Jusos) stets vor Ort für eine Gegendemo.


Politischer Nachwuchs

Im Vorfeld der Bundestagswahlen wollen wir den Blick auf jene richten, die in Parteien wie Medien nur selten zu Wort kommen: Junge Menschen, die sich in einer
demokratischen Partei engagieren. Dazu haben wir alle potenziell im nächsten Bundestag vertretenen Parteien angefragt. Die ganze Serie finden Sie unter www.zvw.de/politiknachwuchs