Schorndorf

Einzelhandel: Neustart mit viel Hoffnung

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Jochen Härle vom Modehaus Kraiss verpackt Waren. Er freut sich, dass ab Montag wieder aufgemacht werden darf. © Joachim Mogck
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Uli Fink weiß, dass die Schorndorfer Floristen sehr darunter leiden, dass ihnen das Ostergeschäft durch die Lappen gegangen ist. © Joachim Mogck

Schorndorf.
Wer am Donnerstag nach der Verkündigung der neuen Coronavirus-Verordnungen mit Schorndorfer Einzelhändlern spricht, blickt in hoffnungsvolle Augen. Immerhin: Läden mit einer Verkaufsfläche von weniger als 800 Quadratmetern dürfen wieder öffnen. Auch Buchhandlungen, Kfz- und Fahrradhändler dürfen wieder starten. Dies natürlich unter Einhaltung der Sicherheitsabstände zwischen den Menschen. Das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes wird dringend empfohlen. Wie viele Kunden dann ins jeweilige Geschäft gleichzeitig hineinkönnten, müsse jeder Händler selbst verantwortungsbewusst festlegen, erklärt Oberbürgermeister Matthias Klopfer am Donnerstag.

Allerdings: Die zwei großen Magneten der Innenstadt, H&M und Bantel, müssen voraussichtlich weiterhin ihre Pforten geschlossen halten. Das bedauern die kleineren Einzelhändler durch die Bank. Ohne die beiden Großen werde die Innenstadt womöglich nicht merklich belebt werden, so die Sorge. So mancher mutmaßt gar, dass genau das der Plan der Politik sein könne. Schließlich sind dicht bevölkerte Innenstädte nicht gerade das, was zur Eindämmung einer Pandemie beiträgt.

„Das ist Wettbewerbsverzerrung“

Claudia Maurer-Bantel, die zusammen mit ihrer Schwester Christina Bantel-Wild das größte Schorndorfer Kaufhaus führt, kann die am Mittwoch von Bund und Ländern getroffene Entscheidung nicht nachvollziehen, schließlich könnten in dem 5000 Quadratmeter großen Geschäft einfacher die verpflichtenden Abstände zwischen den Kunden eingehalten werden als in kleineren Läden. Zudem sei es kein Problem, den Zutritt durch die Kundschaft sinnvoll zu steuern. „Das ist Wettbewerbsverzerrung“, klagt sie. Deshalb ist sie auch mit dem Schorndorfer Ordnungsamt in engem Kontakt. Die Hoffnung: Die Schwestern möchten im sogenannten Wäschehaus, das von dem großen Hauptgeschäft abgetrennt werden kann, eine kleinere Bantel-Version eröffnen, wenn es ihnen denn erlaubt wird. Mehr ergeben demnächst die Ausführungen zu den Landesverordnungen.

Immerhin, die Ware liegt in den Regalen, mehr kommt schon bald. Aktuell sind die meisten der 120 Mitarbeiter in Kurzarbeit, lediglich die Auszubildenden erhalten aktuell ihr volles Gehalt. Gleichzeitig arbeiten die noch verbliebenen Mitarbeiter daran, das Kaufhaus Bantel auf eine eventuelle Öffnung vorzubereiten. Schutzmasken sind bestellt und zudem von eigenen 3-D-Druckern produziert worden, auch ausreichend Desinfektionsmittel für Kunden und Mitarbeiter seien am Start. Bald werden die Plexiglasscheiben zum Schutz der Mitarbeiter angebracht.

Krise macht neue Wege zur Kundenbetreuung nötig

Ähnlich – wenn auch in kleinerem Rahmen – sieht es bei Jochen Härle aus, der glücklich darüber ist, sein Modehaus Kraiss ab Montag wieder öffnen zu können. Mit enormem Kundenströmen rechne er aber nicht. Weshalb er auch weiterhin auf alternative Verkaufsformen setzt. Jeden Tag braust er dieser Tage in seinem Kombi durch Schorndorf und seine angrenzenden Ortschaften. Er liefert Bestellungen aus. Seiner treuen Kundschaft hat er zu Beginn der Corona-Krise einen selbstfotografierten Katalog zugeschickt. Das hilft ein wenig. Die vielen Auslagen deckt das natürlich nicht.

Wie bei vielen anderen Textilhändlern kommen ab Montag die vor Monaten bestellten Lieferungen. Zurück nimmt kein Händler, was einmal bestellt wurde. Bestenfalls werden die Fristen, in denen gezahlt werden muss, verlängert. Das hilft aber nur kurzfristig. Irgendwann muss gezahlt werden, auch wenn kaum etwas verkauft wurde. Das setzt die Händler unter Druck. Und zu allem Überfluss ist ein Großteil der Herbst-Winter-Kollektion auch schon bestellt. „Die Sachen werden grade genäht“, weiß Härle.

„Es gibt Wichtigeres als Haare“

Semi Trifunovic vom Friseursalon Haarstation ist froh, dass er ab dem 4. Mai wieder eröffnen darf. Doch ganz so ausgelassen wie vor der Krise wird es bei ihm und den anderen Friseuren wohl nicht zugehen. Viele seiner Kunden kommen mit Begleitung. Das wird wohl erst mal nicht möglich sein. Außerdem will Trifunovic künftig Mundschutz tragen und seine Plätze so gestalten, dass ein möglichst großer Sicherheitsabstand besteht. Doch konkrete Vorgaben, wie er sich verhalten muss, vermisst der Friseur bislang. Weder von den Verbänden noch der Politik hat er bislang konkrete Vorgaben erhalten. Er hofft, dass diese in den nächsten Tagen kommen werden.

Bei seinen Kunden wirbt der Friseur außerdem um Verständnis, denn nicht jeder wird in den ersten Tagen einen Termin bekommen können. Trifunovic sagt schließlich auch einen Satz, der aus dem Mund eines Friseurs wohl nur selten kommt: „Es gibt Wichtigeres als Haare.“ Antonia Kalpakidou vom Salon House of Hair erzählt, dass ihr Telefon am Mittwoch nicht mehr stillstand. Ihre Kunden hätten sie bis spät in die Nacht noch angerufen, um einen Termin zu vereinbaren. Viele sind froh, wieder zum Friseur zu können, berichtet die Inhaberin. Zur Sicherheit wird sie aber nur wenige Personen in ihr Geschäft lassen. Außerdem müssen bei ihr sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden einen Mundschutz tragen. Wer keinen mitbringt, bekommt vor Ort einen ausgehändigt. Um der großen Nachfrage bei entsprechendem Schutz gerecht zu werden, hat sie sogar ihre Öffnungszeiten erweitert.

Gastronomen müssen sich weiterhin größtenteils mit Behelfslösungen über Wasser halten

Ob auch die Stadtbibliothek in den nächsten Tagen ihre Tür eröffnen darf, ist noch unklar. „Die Landesregierung hat dazu noch keinen Beschluss gefasst“, erklärt Leiterin Marianne Seidel am Donnerstagvormittag. Ihr bleibt derzeit nichts anderes übrig, als abzuwarten und sich Gedanken darüber zu machen, wie die Sicherheitsvorkehrungen gestaltet werden können. Vor der Schließung der Bibliothek vor dem Lockdown habe es einen großen Ansturm gegeben, zu viele Menschen seien auf einmal im Gebäude gewesen.

Die Gastronomen werden sich auch künftig größtenteils mit Behelfslösungen über Wasser halten. Viele versorgen ihre Kunden nun über Abholservices. Im Pfauen gucken sogar Kunden, die extra aus Stuttgart angereist sind, Koch Nico Burkhardt über die Schulter, während der ihr Essen verpackt. Sie verbinden die wöchentliche Tour zum Pfauen mit einem Blütenspaziergang in der Idylle rund um Schorndorf. Schräg gegenüber beim Éclat gibt’s eine Abholstation mit Flair. „An unserem Romeo-und-Julia-Fenster gibt’s 50er-Jahre-Liebesschnulzen und freundliche Gespräche“, berichtet Miriam Lehle. So bleibe auch weiterhin ein klein wenig Èclat-Flair erhalten.

Soforthilfeprogramm reiche hinten und vorne nicht

Von den Lockerungen im Einzelhandel versprechen sich die Gastronomen durchaus auch eine Verbesserung für ihre Situation. Hart treffe es aktuell natürlich das frisch am Marktplatz angesiedelte Ama Deli, bedauert Schorndorfs Wirtschaftsförderin Gabriele Koch, die selbst zu jeder Mittagspause ihre Verpflegung bei einem anderen Schorndorfer Gastronomen abholt. Sie weiß um deren Nöte und auch um die der Einzelhändler. Insgesamt 28 Anträge, um ins städtische Soforthilfeprogramm aufgenommen zu werden, sind bereits bei ihr eingetrudelt. Das können Selbstständige beantragen, denen das entsprechende Bundes- und Landesprogramm nicht ausreicht.

Ulrich Fink, Geschäftsführer des Citymarketingvereins Schorndorf Centro, weiß, dass etliche Einzelhändler die Hilfen bekommen haben. Allerdings reiche das hinten und vorne nicht. Alle hofften jetzt darauf, dass mit den Lockerungen ab Montag wieder mehr Normalität in Leben und Handel einzieht. „Es sind schwere Zeiten für unsere Mitglieder.“ Auch was die Veranstaltungen von Centro betrifft, sieht’s düster aus. Frühlingserwachen, Gässlesmarkt, Sommernachtsshopping, Open-Air-Kino – all das muss wohl abgesagt werden.

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Wer am Donnerstag nach der Verkündigung der neuen Coronavirus-Verordnungen mit Schorndorfer Einzelhändlern spricht, blickt in hoffnungsvolle Augen. Immerhin: Läden mit einer Verkaufsfläche von weniger als 800 Quadratmetern dürfen wieder öffnen. Auch Buchhandlungen, Kfz- und Fahrradhändler dürfen wieder starten. Dies natürlich unter Einhaltung der Sicherheitsabstände zwischen den Menschen. Das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes wird

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