Schorndorf

Fünf Wahrheiten über Bob Dylan

BOB DYLAN (Geboren am 24. Mai 1941 in Duluth...
Porträt des Liederdichters als junger Mann: Bob Dylan, um 1962. © United Archives

Schorndorf. Wie Bob Dylan in seine Lieder Shakespeare-Motive, Brecht-Zitate, Blues-Phrasen und die antiken Werke Ovids einarbeitet – all das ist längst gründlich erforscht in Tausenden von gelehrten Abhandlungen. Zum 75. Geburtstag des Song-Magiers beschränken wir uns an dieser Stelle deshalb streng auf Tratsch.

Am 11. Juni präsentieren regionale Musiker einige der größten Dylan-Songs bei einem Konzert in der Schorndorfer Manufaktur. Schauen wir uns fünf dieser Lieder genauer an – und lassen uns von ihnen davontragen zu schrägen Anekdoten. Es treten auf: ein K.O.-geschlagener Filmemacher, ein fundamentalistischer Missionar, ein alttestamentarischer Prophet, ein um sich schießender Regisseur und ein Muttersöhnchen . . .

1 Hurricane (in der Manu interpretieren es Getz and the Boys) erzählt die Geschichte des schwarzen Boxers Rubin „Hurricane“ Carter – er wurde dank fragwürdiger Zeugen wegen Mordes verurteilt und verbrachte fast 20 Jahre in Haft, bevor er 1985 rehabilitiert wurde. Ein dazu passendes Detail hat Silvester Stallone („Rocky“) mal im Interview mit der Süddeutschen ausgeplaudert. Reporter: „Eine Frage noch: Kann man mit 40 noch Boxen lernen?“ - Stallone: „Na klar! Bob Dylan ist in ein paar Jahren schon 70. Und der boxt immer noch.“ – „Sie erzählen mir Märchen.“ – „Bob Dylan boxt! Er hat sein eigenes Boxtrainingszentrum, zwischen Santa Monica Beach und Venice. Ich schwör’s. Ich verehre Bob.“ Als er 65 war, trat Dylan im Ring gegen den mehr als 20 Jahre jüngeren Quentin Tarantino („Pulp Fiction“) an. Der Regisseur berichtete später: „Wir machten bloß ein bisschen Sparring. Aber für einen Moment ließ ich meine Deckung unten, und er zog voll durch.“ Tarantino ging k.o.

2 Gotta serve somebody (in der Manu präsentiert von Higland Zack und Rio Grande Mud) mit der Schlüsselzeile „Sei es der Teufel oder sei es der Herr, irgendjemandem musst du dienen“ läutete 1979 Dylans christlich-fundamentalistische Phase ein. In der Offenbarung des Johannes heißt es: Am jüngsten Tage ziehen die Völker Gog und Magog, angeführt vom Satan, in den Krieg; Jesus aber wird sie besiegen. Dylan glaubte, Gog und Magog seien die Sowjetunion und der Iran. Von der Bühne herab predigte er die nahe Apokalypse: „Wir leben in den letzten Tagen! Ich habe euch gesagt, die Zeiten ändern sich [the times they are a-changing], und das haben sie! Ich habe euch gesagt, dass die Antwort im Wind weht [the answer is blowing in the wind], und so war es. Und jetzt sage ich euch, dass Jesus zurückkommt, und das wird er!“ Dylan war so vom Missionarsgeist beseelt, dass er auch seinen Plattenproduzenten Jerry Wexler bekehren wollte, der einst schon mit Ray Charles gearbeitet hatte. Wexler antwortete: „Bob, ich bin ein 62 Jahre alter überzeugter jüdischer Atheist, ein hoffnungsloser Fall. Lass uns einfach Musik machen.“

3 When the ship comes in (in der Manu macht sich Old Johnny’s Crew darüber her) ist ein wortmächtiges Beispiel für Dylans Frühwerk: Mit der Wucht eines alttestamentarischen Propheten beschwört der Barde die Elemente: Einen Orkan lässt er heraufziehen, „die Steine werden sich aus dem Sand erheben, die Ketten der See zerbersten“, die Mächtigen untergehen wie „Pharaos Stamm, fortgespült von den Wogen, bezwungen wie Goliath“ – vom Bug des rettenden Schiffes aus aber ruft der Sänger ihnen zu: „Eure Tage sind gezählt“ . . . Was für eine gewaltige Allegorie auf das Ende der althergebrachten Machtverhältnisse, was für eine sturmdurchtoste Vision der Zeitenwende! Und so entstand das Lied: Der junge Bob, kaum 23, wollte mit der Sängerin Joan Baez in einem Hotel einchecken – weil er aber so struppig und versifft aussah, ließ der Rezeptionist den Stromer nicht rein. Erst, als die frühlingsfrisch duftende, blumenschöne Prinzessin der Folkmusik energisch einschritt, durfte Dylan über die Schwelle. Danach war er so stinkbeleidigt, dass er sofort im Hotelzimmer zum Stift griff und in einem Lied die rächende Sintflut herbeischrieb.

4 Knocking on Heaven’s Door (in der Manu wird es als gemeinsame Zugabe dargeboten) entstand als Musik für den Western „Pat Garrett jagt Billy the Kid“. Regisseur: Sam Peckinpah, berühmt für seine Filme und Alkoholexzesse. Wie Dylan und Peckinpah sich kennenlernten, beschrieb einmal der Drehbuchschreiber Rudy Wurlitzer: Er nahm Dylan mit zu Peckinpahs Haus. Als sie ankamen, hörten sie von drinnen einen Schuss. Eine Frau rannte panisch ins Freie. Zögernd traten sie ein. Aus dem ersten Stock schallte ein weiterer Knall. Sie riefen – keine Antwort. Das Schlimmste fürchtend, tasteten sie sich die Treppe hoch und fanden Peckinpah in seinem Schlafzimmer: Er stand halbnackt vor einem zerschossenen Spiegel und starrte sein geborstenes Spiegelbild an, eine Pistole in der einen Hand, eine Flasche Tequila in der anderen. „Hallo Sam“, sagte der Drehbuchschreiber, „ich hab Bob Dylan mitgebracht.“ Peckinpah wandte sich um, musterte Dylan von Kopf bis Fuß und sagte endlich: „Ich mag Roger Miller.“ Miller war ein Country-Sänger.

5 Forever Young (in der Manu bringen es Masi & Jogse), ein Segenslied für die eigenen Kinder, weist Bob Dylan als hingebungsvollen Familienmenschen aus. Über diese Seite des Rebellen berichtet auch Walter Yetnikoff, ehemals Chef der Plattenfirma CBS, in seiner Autobiografie. Die 80er Jahre: Seit 20 Jahren ist Dylan berühmt als Stimme einer aufbegehrenden Generation. Nach einem Konzert gibt Yetnikoff ein großes Essen zu Ehren des Helden. Dylan trifft mit seiner Entourage im Lokal ein – aber statt Groupies und Bohemiens hat der geheimnisvolle Poet im Schlepptau „seine jüdischen Onkel, seine jüdischen Cousins, seinen jüdischen Hund – eine übergewichtige Dogge – und seine jüdische Mutter“. Dialog bei Tisch – Mutter: „Du isst ja gar nichts, Bobby.“ Er: „Bitte, Ma, das ist peinlich.“ Sie: „Aber du bist ja nur Haut und Knochen!“ Er: „Schon gut, Ma, ich esse.“ Sie: „Und hast du dich schon bei Herrn Yetnikoff bedankt für das schöne Mahl?“ Er: „Danke, Walter.“ Sie: „Du nuschelst, Bob, ich glaube nicht, dass Herr Yetnikoff das gehört hat.“ Der Plattenmogul fragt entgeistert: „Bist du nicht der Kerl, der geschrieben hat: Ihr Mütter und Väter im ganzen Land, hört auf zu bekritteln, was ihr nicht versteht?“ Dylan: „Das war vor langer Zeit. Hast du was dagegen, dass ich meine Mutter liebe?“