Schorndorf

Für mehr Sauberkeit in der Stadt: Ein Pfand auf Zigarettenkippen?

Robert Reutter
Nicht nur unschön, sondern ein Umwelt- und Gesundheitsproblem: Bis zu 7000 Schadstoffe stecken in einer Zigarettenkippe. © Benjamin Büttner

Täglich werden in Deutschland mehr als 200 Millionen Zigaretten geraucht, von denen ein erheblicher Teil als ausgetretene Kippen auf Straßen, in Gassen, auf Gehwegen, Spielplätzen und in Parks landet. In Schorndorf sind’s so viele, dass Robert Reutter sich daran stört. In der Römmelgasse hat der gelernte Kulissenmaler im Ruhestand bereits drei alte Fachwerkhäuser von Grund auf renoviert und sich in diesem Jahr schon erfolgreich für weniger Müll in den Hinterhöfen des malerischen Gässchens starkgemacht. Jetzt hat er die Zigarettenkippen, die gedanken- oder rücksichtslose Raucher einfach auf den Boden werfen, im Visier.

Bis zu 7000 Schadstoffe sammeln sich in einem Zigarettenstummel. Diese Zahl hat Reutter einem Artikel über Karl-Heinz Feiningers Zigarettenkippen-Box-Erfindung entnommen, der im September in dieser Zeitung veröffentlicht wurde. „Das ist Wahnsinn“, sagt der 69-Jährige. Die Idee, einen kleinen Aschenbecher auf Zigarettenschachteln zu heften, ist aus seiner Sicht schon mal nicht schlecht, im Grunde aber „bloß Bastelei“. Auch Bußgelder für weggeworfene Kippen in Höhe von 50 Euro – und im Wiederholungsfall von 100 Euro – hält er nicht für zielführend. Schließlich könne sich nicht mal Jörn Rieg, Sachgebietsleiter Ordnungsangelegenheiten im Fachbereich Sicherheit und Ordnung, daran erinnern, dass ein solcher Fall in der Daimlerstadt überhaupt schon mal zur Anzeige gekommen ist. Dennoch stellt Rieg auf Anfrage klar: Der städtische Vollzugsdienst habe im Rahmen seiner täglichen Streifentätigkeit ein Auge drauf und spreche Übeltäter auch gezielt an.

Fast 70 000 befürworten die Petition für ein Kippen-Pfand

Darum schlägt Reutter vor, wie für Dosen und Mehrwegflaschen bereits eingeführt, auch auf Zigaretten ein Pfand zu erheben – mit der positiven Begleiterscheinung: Wer die Kippen sammelt und im Fachhandel abgibt, bekommt das Geld. Was zunächst nach dem Hirngespinst eines Sauberkeitsfanatikers klingt, hat tatsächlich einige Befürworter: Bundesweit mehr als 68 760 Menschen haben eine Petition bereits unterschrieben, die die Berliner Initiative „Die Aufheber“ im Mai 2020 an Bundesumweltministerin Svenja Schulze geschickt und im Internet veröffentlicht hat. In Gesprächen mit der Umweltministerin und dem deutschen Zigarettenverband wollen die Pfandbefürworter erreichen, dass sich die Idee durchsetzt.

Schließlich, so die Argumentation, zeigten wissenschaftliche Studien eindrücklich, „dass aus Zigaretten gelöste Giftstoffe und der zerfallende Kunststoff der Filter erhebliche Gefahren für Tiere und Pflanzen darstellen“; Experten warnten, dass schon ein einziger weggeworfener Stummel mindestens 40 Liter Grundwasser verseucht; Plastikfilter fingen erst nach rund zwölf Jahren an, sich zu zersetzen.

Natürlich wäre es wünschenswert, sagen die Berliner Organisatoren, die Vernunft würde siegen, man könnte mit Menschen sprechen, die ihre Zigaretten und Verpackungen auf den Boden werfen und „sie würden den Schaden verstehen, den sie anrichten“. Dass alle freiwillig einsichtig und verantwortlich handeln – darin sehen die Aufheber lediglich eine schöne Wunschvorstellung. Darum fordern sie konkrete Regeln, die ökologisches Fehlverhalten unattraktiv machen: Und eine besonders wirksame Regel wäre aus ihrer Sicht ein Pfand auf Zigaretten und deren Packungen: Ein solches Pfand, so die Überzeugung, „wird das Kippenproblem schnell und umfassend lösen!“

Der Plan der Initiative sieht dabei vor, dass von 2023 an zu jeder gekauften Zigarettenpackung ein Mehrweg-Taschenaschenbecher ausgegeben werden soll, in dem die Kippen gesammelt werden können. Wird dieser Aschenbecher vollständig gefüllt an der Zigaretten-Verkaufsstelle zurückgegeben, gibt’s einen Pfandbetrag von 20 Cent pro Kippe oder vier Euro für die komplette Schachtel. Die Zigarettenreste werden dann recycelt. Damit das Pfandsystem funktioniert, soll jede Verkaufsstelle verpflichtet werden, die Kippen zurückzunehmen.

Immer mehr nachgefragt: Mobile Zigarettenkippen-Boxen

Wie dieser Plan umgesetzt werden soll, das kann sich Miriam Bügler von Tabac Hirschmann am Unteren Marktplatz indes nicht so richtig vorstellen. Sie verkauft zwar immer mehr Reiseaschenbecher und – mit Karl-Heinz Feiningers Tüftelei – auch immer mehr magnetische Zigarettenkippen-Behälter, die es mittlerweile auch als Schlüsselanhänger gibt. Dass sie aber die Kippen ihrer Kundschaft samt Asche zurücknimmt, das sieht sie nicht ein. Natürlich, das räumt Bügler ein, gebe es Raucher, die ihre Kippen einfach wegwerfen, drauftreten und weiterlaufen. Bei mittlerweile sieben Euro, die für eine Schachtel bezahlt werden müssen, hat nach ihrer Beobachtung die Zahl der Genussraucher aber deutlich zugenommen. „Es wird bewusst geraucht, mehr Zigarre und Pfeife“ – und nur noch selten, wie Anfang der 1990er Jahre, als sie in der Branche angefangen hat, zwei Schachteln am Tag.

Bei diesen Genussrauchern vermutet sie auch mehr Ordnungssinn: Viele haben mittlerweile Reiseaschenbecher in der Handtasche und an den Mülleimern in der Stadt gebe es ja zudem die Möglichkeit, Zigaretten auszudrücken und zu entsorgen.

Auch Feiningers Zigarettenkippen-Behältnisse verkaufen sich immer besser. Seitdem seine Erfindung in der Zeitung vorgestellt wurde, hat Miriam Bügler bestimmt schon 50 dieser emaillierten Metallgehäuse mit Schiebedeckel an Raucherinnen und Raucher verkauft. Und für die ganz Umweltbewussten gibt es schließlich auch noch die Kölner Initiative „Toba-Cycle“, die in Lokalen oder Gaststätten gesammelte Kippen kostenlos abholt und – inklusive Asche und Giftstoffen – restlos verwertet: Die Kippen werden zu einem spritzfähigen Granulat recycelt, aus dem wiederum Behälter für das Sammelsystem hergestellt werden. In Schorndorf allerdings gibt es laut Homepage noch keine solche Zigarettenkippen-Sammelstelle.

Täglich werden in Deutschland mehr als 200 Millionen Zigaretten geraucht, von denen ein erheblicher Teil als ausgetretene Kippen auf Straßen, in Gassen, auf Gehwegen, Spielplätzen und in Parks landet. In Schorndorf sind’s so viele, dass Robert Reutter sich daran stört. In der Römmelgasse hat der gelernte Kulissenmaler im Ruhestand bereits drei alte Fachwerkhäuser von Grund auf renoviert und sich in diesem Jahr schon erfolgreich für weniger Müll in den Hinterhöfen des malerischen Gässchens

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