Schorndorf

Familie Bussard im Fuchshof

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Greifvögel im Siedlungsbereich: Sie können sich – wie Füchse und Waschbären – in Wohngebieten wohlfühlen, vor allem, wenn es hohe Bäume zum Brüten gibt. © Christine Tantschinez
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Bussard vorm Fenster: Kein seltener Anblick im Sebastian-Bach-Weg. © Christine Tantschinez
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Mäusebussard als Untermieter © Christine Tantschinez
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Obwohl er von der Nachbarschaft im Fuchshof nicht gefüttert wird, ist der Bussard erstaunlich zutraulich geworden. © Christine Tantschinez
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© Christine Tantschinez
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Mäusebussard als Untermieter © Christine Tantschinez
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Mäusebussard als Untermieter © Christine Tantschinez
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Mäusebussard als Untermieter © Christine Tantschinez
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Obwohl er von der Nachbarschaft im Fuchshof nicht gefüttert wird, ist der Bussard erstaunlich zutraulich geworden.

Schorndorf. Er zieht nicht nur hoch oben am Himmel majestätisch seine Kreise, im Fuchshof ist ein Mäusebussard seit zwei Jahren das geliebte Gartentier der Nachbarschaft im Sebastian-Bach-Weg. Gerhard Pfeifer, Vogelexperte des BUND in Stuttgart: Ein vergleichbarer Fall ist ihm nicht bekannt.

Auf Beate und Gerhard Dills Fichte hat er in diesem Frühjahr in luftiger Höhe mit seiner Liebsten geturtelt, ein Nest gebaut und Nachwuchs bekommen. 

Thront der Bussard sonst oft frech auf dem Balkongeländer oder nimmt von den Ästen der Gartenfichte die Umgebung ins Visier – beim Vororttermin im Garten der Dills glänzt er mit Abwesenheit. Und dabei hat er sich schon getraut, eine Butterdose samt Inhalt vom Balkontisch zu stibitzen, und hat auf der Flugbahn vom Fußballtor der Enkel auf die Schaukel eine filmreife Sturzlandung hingelegt. Doch ganz zum Schluss lässt er sich blicken: Hoch oben am Himmel, wo er schreiend seine Kreise zieht.

Ein Mäusebussard mitten im Wohngebiet, das ist nicht nur für Gerhard Dill, bis zum Jahr 2006 Deutsch- und Lateinlehrer am Burg-Gymnasium, erstaunlich, auch für Gerhard Pfeifer, Geschäftsführer und Vogelexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Regionalverband Stuttgart, ist der Bussard vom Fuchshof „was Besonderes“. Dass sich ein Greifvogel im Siedlungsbereich nicht nur regelmäßig zeigt, sondern dort auch noch brütet, Pfeifer kennt keinen vergleichbaren Fall in Baden-Württemberg: „Mäusebussarde sind Vögel des Waldes und der Waldränder.“

Im zweiten Jahr hat der Bussard „seine Lady mitgebracht“

Im Sebastian-Bach-Weg sind Mäusebussarde Vögel des Gartens. Zumindest bei Beate und Gerhard Dill und ihren Nachbarn. Vor zwei Jahren, erinnern sich die Vogelbeobachter, ist das Tier das erste Mal aufgetaucht. Zuerst, erzählt Dill, dachten alle, der Bussard habe sich verirrt. Als er dann immer wieder auf der hohen Fichte im Garten saß, im zweiten Jahr „seine Lady mitgebracht hat“, wie Dill mit einem Schmunzeln erzählt, und dann auch noch mit dem Nestbau begonnen hat, wurde die Sache auch für die Nachbarn ringsrum interessant. Jetzt tauschen sich alle in der Reihe über die neuesten Greifvogelerlebnisse aus.

Und im Freilufttheater hinter den Einfamilienhäusern ist Einiges geboten: Beim Nestbau hat der Bussard erst große Äste zur Fichte geflogen und dann Blindschleichen und Hähnchenschlegel zur Nachwuchsfütterung herbeigeschafft. Die Dills und ihre Nachbarn konnten beobachten, wie der Kleine, von Margot Müllers Enkel auf den Namen Paul getauft, seine ersten Flugstunden bekommen, sich die ersten Regenwürmer aus dem Boden geholt hat und mittlerweile allein hoch oben am Himmel seine Kreise zieht.

Keine Angst vorm Bussard – nur um die Butter auf dem Tisch

Die Bussardfamilie zu füttern, das verkneifen sich die Nachbarn allerdings – und sind mittlerweile auch vorsichtiger geworden. Und nicht nur wegen der Butterdose, die er leer geschleckt in einem der Nachbargärten entsorgt hat. Aber krummgenommen haben sie ihm das nicht, genauso wenig, dass er einmal auf dem Meerschweinchenkäfig saß und gefaucht hat, als sich ihm die Besitzerin näherte: „Das ist sein Futter“, sagt Margot Müller – und hat vor einem Bussardangriff trotzdem keine Angst.

Auch Beate und Gerhard Dill lassen ihre Enkel Simeon und Vincent, die gerade aus Hamburg zu Besuch sind, unbesorgt im Garten kicken. Für Vogelexperte Pfeifer kein allzu hohes Risiko: Bussardangriffe auf Menschen, wie jüngst auf eine Joggerin in Winterbach, kommen rein statistisch zwar vor, „sind aber so selten wie ein Lottogewinn“. Und schließlich hat der Bussard anderes zu tun: Singvögel gibt es kaum mehr in den Gärten, das Gleiche gilt für Eichhörnchen. Zu gerne sitzt der Greifvogel – nicht Raubvogel – auf einem der Fußballtore oder beobachtet von der Wäschespinne sein Revier. Die Terrakotta-Ente im Garten nebenan hat er schon siegreich bezwungen, mit der Gartenschlauch-Schlange gekämpft, hat sich gegen sieben angriffslustige Krähen zur Wehr gesetzt und ist der jagenden Nachbarskatze entkommen. „Es haben sich“, sagt Gerhard Dill, „schon einige sehr, sehr drollige Dinge begeben“.

Im Tornetz gefangen

Mittlerweile allerdings kommt nur noch einer der Altvögel in den Garten und auch der Nachwuchs ist, thront er nicht auf einem der Häuserdächer, immer höher am Himmel zu sehen. „Er vergrößert sein Revier“, sagt Gerhard Dill und vermutet im Gestrüpp Richtung Tennisplätzen einen zweiten Horst. Dorthin hat er sich zuletzt auch zurückgezogen, nachdem ihn die Nachbarschaft aus einem Fußballnetz in einem Garten an der Haydnstraße befreien musste, in das er sich übel verfangen hatte. Im Wäldchen, berichtet Kerstin Lohrmann, in deren Netz der Vogel hing, ist der Bussard dann von einem Baum gestürzt und in zweieinhalb Metern Höhe hängengeblieben. Nachdem zwei herbeigerufene Polizisten versuchten, das Tier zu befreien, hat es sich aufgerappelt, ist weiter in den Wald geflogen und saß am Dienstag wieder auf Dills Fichte.

Und hoffen auch alle, dass der Fuchshof-Bussard im nächsten Jahr wiederkommt, der Jungvogel soll es schaffen, sich von den Menschen und dem viel zu engen Wohngebiet zu lösen. Auch wegen des Geschreis, das er veranstaltet: Hat Paul Hunger, kann er stundenlang kreischen. „Das ist fürchterlich“, sagt Margot Müller und ist trotzdem begeistert, wie die Bussardfamilie vom Fuchshof die sowieso schon gute Nachbarschaft noch enger zusammengeschweißt hat.