Schorndorf

Flüchtlingskrise: Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt

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Symbolbild. © Laura Edenberger
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Die Masuhrs finden keine bezahlbare Wohnung und fühlen sich alleingelassen: Helfen die Städte nur den Flüchtlingen? Werden Wohnungen am offiziellen und öffentlichen Wohnungsmarkt vorbeibelegt?

Schorndorf. Bernhard Masuhr hat ein Problem, das sich genau umgrenzen lässt: vier bis fünf Zimmer, Küche, Bad. Oder, in einer anderen Einheit: nicht mehr als 1000 Euro monatlich. So wie Bernhard Masuhr suchen sehr viele Menschen im Kreis bezahlbare Wohnungen und finden keine. Und oft heißt es dann: Die Flüchtlinge sind schuld. Stimmt das?

Wenn Bernhard Masuhr bis 30. April keine Wohnung gefunden hat, steht er mit seiner Familie und allem Hausrat auf der Straße. Da gibt’s keinen Aufschub und keine Gnade mehr, alle rechtlichen Mittel und Wege sind durch. Die Baumaschinen, die das alte Haus abreißen, werden kommen. Bernhard Masuhr findet aber keine Wohnung.

So wie Bernhard Masuhr und seiner Familie geht es vielen Menschen im Rems-Murr-Kreis: Bezahlbarer Wohnraum ist unerreichbar geworden. Wer versucht, günstige, weil bezuschusste Wohnungen von den Städten zu bekommen, findet sich in einer langen Warteliste wieder. In Winnenden zum Beispiel hoffen etwa 100 Parteien auf eine städtische Wohnung, die Stadt hat knapp 60 davon, etwa fünf werden im Jahr frei. „Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist auch bei der Kreisbaugruppe und der Landkreisverwaltung spürbar“, heißt es aus dem Landratsamt.

Auch in kleineren Ortschaften besteht das Problem

Wenn man sucht und nicht jemanden kennt, der jemanden kennt, wird’s fast unmöglich. Und zwar nicht nur in den perfekt gelegenen Städten an den S-Bahn-Linien, sondern durchaus auch in den kleineren Ortschaften mit weniger guten Anbindungen. Haubersbronn zum Beispiel: Die Familie Masuhr hatte dort eine Wohnung in Aussicht: rund 100 Quadratmeter, die Miete im Rahmen, die Bundesstraße schnell erreichbar. Das ist wichtig, denn Bernhard Masuhr ist Handwerker und viel unterwegs. Eigentlich war diese Wohnung schon versprochen, die Masuhrs atmeten auf. Doch dann: „Am Mietmarkt vorbei!“, schimpft Bernhard Masuhr.

„Für eine nette, große Familie aus Syrien suche ich eine Wohnung“

Die Wohnung war in der Vergangenheit vom Landkreis beziehungsweise der kreiseigenen Rems-Murr-Kreis Immobilien Management GmbH, kurz RMIM, gemietet und mit Flüchtlingen besetzt. Dieses Mietverhältnis war ausgelaufen, die Wohnung wurde renoviert – und dann vermittelte die RMIM. Die nämlich wollte einer Familie helfen, die bislang in einer ebenfalls zur RMIM gehörenden Wohnung in Schorndorf gewohnt hatte und dort auch rausmusste. Pech für Familie Masuhr. Solche Hilfs- und Vermittlungsgespräche sind völlig normal.

Mit dieser Wohnung in Haubersbronn fließt aber noch ein zweites Stichwort ein, das die Wohnungsnot-Debatte zurzeit immer wieder befeuert: Flüchtlinge. „Für eine nette, große Familie aus Syrien suche ich eine Wohnung oder ein Haus mit vier oder mehr Zimmern“, stand Ende Januar unter Mietgesuche im Schorndorfer Wochenblatt. Der letzte Satz der Anzeige: „Die Miete übernimmt zuverlässig das Jobcenter.“

„Wo gibt’s denn so was?“, fragt Bernhard Masuhr. Dass das Jobcenter für seine Mandanten, für Flüchtlinge, auf Wohnungssuche gehe und zahle – „Kann ich das auch haben?“

Stadt bekommt Geld für Miete vom Jobcenter zurück

„Das Jobcenter sucht keine Wohnungen und vermittelt auch keine Wohnungen. Für niemanden“, schreibt Gabriele Bellviure, Bereichsleiterin der Abteilung Leistungsgewährung im Jobcenter. Die Anzeige wurde also privat geschaltet. Die Miete allerdings wird unter bestimmten Bedingungen tatsächlich vom Jobcenter übernommen. Und zwar für Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehungsweise Sozialgeld beziehen. Bei diesen Leistungen wird grundsätzlich nicht zwischen Flüchtlingen und anderen Menschen unterschieden.

In diese Mietzahlungen sind im Fall von Flüchtlingen oft die Städte zwischengeschaltet. Die nämlich mieten und zahlen und stellen die Wohnung den Flüchtlingen zur Verfügung. Deshalb sieht es so aus, als ob die Städte den Flüchtlingen das Wohnen finanzierten. Tatsächlich aber bekommt die Stadt das Geld für die Miete dann wieder vom Jobcenter zurück, wenn die Flüchtlinge nach dem Sozialgesetzbuch II Hartz-IV-Leistungen beziehen. Verdienen die Flüchtlinge selbst Geld, zahlen sie auch selbst.

Nicht viele städtische Wohnungen, die an Flüchtlinge gehen

Bis zum 31. Dezember 2017 hatte das Jobcenter Rems-Murr insgesamt 18 699 „Leistungsbezieher“, wie es auf Amtsdeutsch heißt. Knapp 4200 davon waren Flüchtlinge aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Das sind 22,5 Prozent. Nicht einmal ein Viertel.

Und tatsächlich sind es auch gar nicht so viele städtische oder über die Stadt gemietete Wohnungen, die an Flüchtlinge gehen, wie es gefühlt bei den ebenfalls suchenden Mitbürgerinnen und Mitbürgern ohne Migrationshintergrund ankommt. Nur in drei der stadteigenen Wohnungen in Winnenden leben Flüchtlinge. Und in acht weiteren angemieteten. In Schorndorf hat die Stadt „vielleicht zehn bis zwölf“ Wohnungen von privat für Flüchtlinge angemietet. Rund 120 Personen leben in diesen Wohnungen, sagt Martin Schmidt, Geschäftsführer der Stadtbau Schorndorf.

Flüchtlinge tragen geringen Anteil zur Wohnungsnot bei

In Waiblingen sind sieben der 479 städtischen Wohnungen für die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen genutzt, eine einzige Wohnung wurde angemietet. Weinstadt hat 15 eigene Wohnungen, zwei eigene Häuser, 16 angemietete Wohnungen und vier angemietete Häuser für Flüchtlinge.

Das ist alles zusammen noch immer nicht wirklich viel, wenn es in Beziehung zu den rund 415 000 Einwohnern des Rems-Murr-Kreises gesetzt wird. Die Flüchtlinge also tragen einen verschwindend geringen Anteil zur Wohnungsnot bei. „Uns ist bewusst, dass der Mietmarkt sehr angespannt ist“, sagt Jochen Beglau, Pressesprecher der Stadt Weinstadt. Martin Schmidt von der Stadtbau Schorndorf rechnet in den nächsten Jahren mit einem Zuzug von bis zu 140 000 Menschen in die Region. „Das drückt auf den Wohnungsmarkt.“

In umliegenden Ortsteilen und Nachbarkommunen Ausschau halten

Bernhard Masuhr hatte in seiner Not an den Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer geschrieben. Aus der Pressestelle der Stadt bekam er zur Antwort: „Gemeinsam mit der Stadtbau Schorndorf GmbH, der Remstalbaugenossenschaft, aber auch vielen privaten Bauträgern sollen in den nächsten Jahren jeweils 300 neue Wohnungen in Schorndorf gebaut werden. Die Stadtbau Schorndorf wird ihren Bestand an Wohnungen auf 800 verdoppeln ... Momentan können wir Ihnen allerdings nur empfehlen, weiterhin auf allen Kanälen, aber auch in den umliegenden Ortsteilen und Nachbarkommunen nach dem von Ihnen benötigten Wohnraum Ausschau zu halten.“ Bernhard Masuhr hat das gemacht. Bislang völlig erfolglos.


Preise fast wie in Stuttgart

Im Rems-Murr-Kreis werden zurzeit Kauf- und Mietpreise gezahlt, die jenen in der Landeshauptstadt sehr nahe kommen. Schon im Sommer 2017 stellte die Volksbank Stuttgart in ihrem Wohnmarktbericht fest, dass Waiblingen und Fellbach wohnungsmäßig fast leergefegt sind und Schorndorf davon jetzt profitiert.

Wer kaufen will, muss viel investieren: In Waiblingen lag der Quadratmeterpreis bei Altbauhäusern bei durchschnittlich 2771 Euro. Für Neubauten wurden 3995 Euro bezahlt.

In Fellbach schlug bei Haus-Neubauten der Quadratmeter mit 4764 Euro zu Buche. Für Neubauwohnungen wurden sogar 6541 Euro verlangt.

Schorndorf liegt da noch darunter, aber auch hier kostet der Neubau-Haus-Quadratmeter durchschnittlich schon satte 3453 Euro, der Altbau 2469 Euro.