Schorndorf

„Gastro wird langsam zum Luxus“: Immense Preissteigerungen machen Wirten und Gästen zu schaffen

Becka Kurze Ralph Schmid
Ralph Schmid in der Küche der Becka-Kurze. © Gabriel Habermann

Es könnte so schön sein. Nach der Corona-Pandemie strömen die Menschen wieder in die Kneipen und Restaurants. Wer an einem schönen Abend einen Tisch auf einer Terrasse buchen will, muss schnell sein, weil die allermeisten Gaststätten voll besetzt sind. Doch die Freude der Gastronomen ist getrübt. Nicht nur die Suche nach Personal macht ihnen zu schaffen. Auch die aktuellen Preissteigerungen bei den Lebensmitteln und die explodierenden Energiekosten drücken ihnen auf die Laune. Dabei werden die Kostensteigerungen bei Gas, Öl und Strom erst im Winter und im Frühjahr so richtig zu spüren sein.

Dass die Wirte mächtig unter Druck stehen, geht auch aus einer Mitgliederumfrage des Dehoga-Bundesverbandes hervor, an der sich Anfang August 3509 Betriebe beteiligt haben, darunter 906 Betriebe aus Baden-Württemberg. „Insbesondere die explodierenden Gas- und Strompreise bereiten den Betrieben sehr große Sorgen“, sagte der Präsident des Dehoga-Bundesverbandes, Guido Zöllick. Auch Personalprobleme machen den Betrieben zu schaffen. Fast die Hälfte der teilnehmenden Betriebe vermeldete in der Umfrage für Juli schlechtere Umsätze als im Juli 2019, knapp 28 Prozent klagten über Umsatzverluste von mehr als 20 Prozent. Gleichzeitig explodieren die Kosten: So stiegen die Kosten für Gas im Schnitt im Juli gegenüber Juli 2021 um 60 Prozent, für Strom um 39 Prozent, für Lebensmittel um 25 Prozent, für Personal um 18 und für Getränke um 15 Prozent.

Große Preissteigerungen gibt es beim Fleisch

Die immensen Preissteigerungen können die Wirte inzwischen nicht mehr alleine auffangen – essen gehen ist deshalb fast überall teurer geworden. Die extremsten Preissteigerungen registriert Ralph Schmid, Wirt in der Gaststätte Becka Kurze, derzeit beim Fleisch. Für Rostbraten habe er vor Corona noch 18 bis 20 Euro pro Kilo bezahlt, nun liege der Kilopreis bei 26 bis 28 Euro. Das sind allein im Einkauf Preissteigerungen von bis zu zwei Euro für einen Rostbraten, dazu kommen die Preiserhöhungen bei den Beilagen und höhere Energiekosten. „Wir müssen unsere Preise anpassen, können es aber nicht eins zu eins an unsere Gäste weitergeben“, sagt Ralph Schmid. Schließlich hätten auch die Gäste deutlich weniger in der Börse. Den Preis für einen Rostbraten und für Cordon bleu mit Bratkartoffeln oder Spätzle hat er deshalb jeweils um einen Euro angehoben. Bei Linsen, Spätzle und Maultaschen, sagt er, könne man mit den Preisen nicht durch die Decke gehen. Auch die Preise für Getränke sind gleich geblieben. Mit Sorge schaut der Wirt auf den Winter und die explodierenden Energiekosten. Einfach die Raumtemperaturen runterfahren, wie es in vielen Büros und öffentlichen Gebäuden wie Rathäusern geplant ist, sei bei ihm nicht möglich: „Ich kann meinen Gästen nicht zumuten, hier bei 19 Grad zu sitzen.“ Froh ist er darüber, dass er keine Personalsorgen hat: Er und seine Frau stemmen die kleine Wirtschaft mit 26 Innen- und 26 Terrassen-Plätzen, die aber nur abwechselnd bespielt werden, allein. Und auch auf seine Gäste kann er zählen: „Wir haben eine gute Klientel, die verschmerzen es. Sie haben Verständnis.“

Ein paar Meter weiter betreibt Ekaterini Liakou das griechische Lokal Concept L. „Die Preissteigerungen merke ich hauptsächlich beim Fleisch“, sagt auch sie. Aber auch die Preise für Öl, Salat, Tomaten und Gurken seien spürbar gestiegen. Um sieben Prozent sind die Gerichte im Concept L teurer geworden – entsprechend der Inflationsrate in Deutschland, die sich trotz einer leichten Abschwächung bei etwas mehr als sieben Prozent hält. „Die Gäste haben dafür Verständnis“, sagt die Wirtin. Bei ihren wechselnden Tagesgerichten reagiert sie flexibel auf die Preise und verzichtet auf Rind oder Kalb, wenn es zu teuer ist. Auch sie bleibt trotz der Preisspirale zuversichtlich. Ihr Geschäft laufe gut, die Gäste seien treu. Die Preise würden nur erhöht, wenn es notwendig sei: „Wir wollen unsere Gäste behalten. Wir sitzen alle in einem Boot.“

Mitten in der Corona-Krise haben Susanne und Reiner Fischer das Lo Calo an der Konstanzer-Hof-Gasse eröffnet: mit einfacher frischer Küche, unter anderem mit Frühstück, Nudeln, Fisch und Salaten. Inzwischen wurden auch im La Calo bei den Speisen die Preise angepasst, sagt Fischer. Alles bleibe aber in bezahlbarem Rahmen, niemand habe reklamiert. Noch sei unklar, was infolge der steigenden Energiekosten passieren wird. Fischer rechnet mit Mehrkosten in Höhe von 20 bis 30 Prozent. „Man wird zwangsläufig aufschlagen müssen“, befürchtet er.

„Gastro wird langsam zum Luxus“

Auch in der Café Bar Incontro beobachtet man die Preissprünge mit Sorge. „Alles ist teurer geworden“, sagt Laura Placentino. „Es fängt bei der Milch an.“ Noch sind die Preise im Incontro mit Ausnahme der Brezeln nicht gestiegen, im Herbst könnte sich das allerdings ändern. Ob die Gäste teurere Preise mittragen werden? Ihr Vater Roberto Placentino ist skeptisch: Die Leute hätten sowieso weniger Geld. Er fürchtet, dass sich dann viele einen Besuch im Café oder Restaurant nicht mehr leisten könnten. „Gastro wird langsam zum Luxus“, seufzt auch seine Tochter Laura. „Das wollen wir nicht. Aber alles wird teurer.“

Es könnte so schön sein. Nach der Corona-Pandemie strömen die Menschen wieder in die Kneipen und Restaurants. Wer an einem schönen Abend einen Tisch auf einer Terrasse buchen will, muss schnell sein, weil die allermeisten Gaststätten voll besetzt sind. Doch die Freude der Gastronomen ist getrübt. Nicht nur die Suche nach Personal macht ihnen zu schaffen. Auch die aktuellen Preissteigerungen bei den Lebensmitteln und die explodierenden Energiekosten drücken ihnen auf die Laune. Dabei werden

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