Schorndorf

Gefährliche Körperverletzung: Türkischer Familienstreit vor Gericht

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Gegenseitige Beleidigungen, Todesdrohungen und tätliche Auseinandersetzungen sind die Begleiterscheinungen eines Familienstreits unter Türken, der jetzt wieder einmal – und nicht zum letzten Mal – das Amtsgericht Schorndorf beschäftigte. Letztendlich wurde das Verfahren gegen drei Türken wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Zahlung von 600 Euro Schmerzensgeld eingestellt.

Richterin Petra Freier kennt zwar die Familiengeschichte ziemlich gut, aber auch sie tat sich in der Verhandlung nicht immer ganz leicht, die einzelnen Personen richtig zuzuordnen.

Drei Angeklagte lassen sich in Streit zweier Brüder hineinziehen

Ganz grob skizziert stellt sich das Ganze so dar, dass zwei türkische Brüder, ausgelöst durch eine Erbstreitigkeit, heillos zerstritten sind und dass sich in diese Streitigkeit ganz offensichtlich auch Personen hineinziehen lassen, die mit der Familie eigentlich gar nichts zu tun haben. So wie die drei Angeklagten – Vater, Schwiegersohn und Sohn –, deren Verbindung zu den verfeindeten Brüdern daher rührt, dass der 30-jährige Schwiegersohn, der als Ein-Mann-Betrieb im Ostalbkreis eine Mietwerkstatt betreibt, zu einem der beiden Brüder teils geschäftliche, teils private Kontakte pflegt.

17-Jährigen zusammengeschlagen und getreten 

Den drei Angeklagten gegenüber saß als Nebenkläger der 17-jährige Sohn des anderen Bruders, der, so lautete zumindest die Anklage, gegen 21.15 Uhr an einem Maiabend des vergangenen Jahres von den drei Angeklagten auf dem Unteren Marktplatz in Schorndorf gestellt, beleidigt und so zusammengeschlagen beziehungsweise getreten worden sein, dass er mit Prellungen am Hinterkopf und einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht werden und dort zwei Tage lang bleiben musste. Außerdem soll einer der Angeklagten auch ein Messer gezogen und damit in Richtung des Geschädigten eine Sichelbewegung ausgeführt haben.

Auf Lösung einlassen, die in die Zukunft weist

„Wenn es zu so etwas kommt, ist nie einer alleine schuld“, machte, nachdem sie die Familienverhältnisse und die sonstigen Beziehungen aufgedröselt hatte, Richterin Petra Freier deutlich. Verbunden mit dem Appell an alle Beteiligten, inklusive der im Saal sitzenden Eltern des Geschädigten, sie sollten sich auf eine Lösung einlassen, die in die Zukunft weise, und einen Strich unter all das ziehen, was in der Vergangenheit war und schon für so viel Unfrieden gesorgt hat. „Sonst wird es immer wieder Randale geben, wenn die Beteiligten aufeinandertreffen, und irgendwann landet einer im Gefängnis“, sagte die zu diesem Zeitpunkt noch einigermaßen optimistische Richterin.

„Es wäre schön, wenn hier mal Frieden einkehren würde"

Nachdem sie sich hinter verschlossenen Türen längere Zeit mit der Staatsanwältin, dem Verteidiger eines der drei Angeklagten – die beiden anderen, Vater und Sohn, waren ohne Rechtsbeistand erschienen – und dem Anwalt des Nebenklägers vergeblich um eine Verständigung bemüht hatte, war Petra Freiers Optimismus weitgehend verflogen. „Es wäre schön, wenn hier mal Frieden einkehren würde, aber ich fürchte, dass das schwierig wird“, sagte die Richterin nicht zuletzt auch im Hinblick auf eine bei ihrer Kollegin Greiner anstehende Verhandlung, in der der 17-Jährige der Angeklagte ist, und in der es um zerstochene Autoreifen geht.

Einer der Angeklagten hat sich als Schlichter versucht

Und was ist jetzt an jenem Maiabend auf dem Unteren Marktplatz passiert? Eigentlich gar nichts, wenn man den drei Angeklagten glauben würde. Er habe sogar schon einmal versucht, zwischen den beiden zerstrittenen Brüdern zu vermitteln, indem er mit dem Bekannten seines Schwiegersohns ein langes Gespräch geführt und ihm ins Gewissen geredet habe, sagte der mit 53 Jahren Älteste auf der Anklagebank. Die Folge, so der mehrfach vorbestrafte 30-jährige Schwiegersohn, der mittlerweile Vater einer acht Monate alten Tochter ist, seien Beleidigungen und mehrere Sachbeschädigungen an Fahrzeugen gewesen. Umgekehrt behauptete der Vertreter des Nebenklägers, sein Mandant sei im Vorfeld der Verhandlung mit dem Tod bedroht und mit einem Schlagstock attackiert worden sein, wobei diese Vorfälle von der Staatsanwaltschaft wohl im Hinblick auf die ohnehin anstehende Verhandlung nicht weiter verfolgt worden seien.

Beim Wegrennen gestürzt – und dann am Hinterkopf verletzt?

Noch einmal: Was ist an jenem Maiabend passiert? Nichts, nach Darstellung der Angeklagten, wenn man davon absieht, dass der 30-Jährige tagsüber unzählige anonyme Anrufe erhalten hat und schließlich von dem damals 16-Jährigen aufgefordert worden ist, er solle auf den Marktplatz kommen, um was auch immer zu klären. Also sei er in Begleitung seines Schwiegervaters und seines 23-jährigen Schwagers hingefahren und habe dort den 17-Jährigen in Begleitung mehrerer Jugendlicher angetroffen, die erst auf ihn zugekommen, dann aber, als noch zwei weitere Personen aus dem Auto ausstiegen, weggerannt seien. Und dabei, so die übereinstimmende Aussage der drei Angeklagten, sei der 17-Jährige zweimal gestolpert und hingefallen und habe sich dabei wohl auch die Verletzung – „Am Hinterkopf?“, wunderte sich die Richterin – zugezogen. „Wir haben ihn nicht angefasst“, versicherten der 30-Jährige und seine beiden Begleiter, die den Umstand, dass gleich danach die Polizei mit dem Vater des 17-Jährigen auftauchte, so interpretierten, dass das Ganze ein Komplott und von vornherein so geplant gewesen sei.

17-Jähriger schildert Sachverhalt ganz anders

Ganz anders hat sich die Sache der Schilderung des 17-Jährigen zufolge zugetragen. Demnach ist, als er sich mit zwei Freunden auf dem Unteren Marktplatz aufgehalten hat, zunächst sein Onkel, also der Bruder seines Vaters, vorbeigefahren, und hat ihm aus dem Auto heraus den Stinkefinger gezeigt und ihm angedroht, er werde heute noch „was erleben“ und „gefickt“. Später seien dann die drei Angeklagten, von denen er nur den 30-Jährigen von dem Angriff mit dem Schlagstock her gekannt habe, aufgetaucht, hätten ihn gestellt und beleidigt und ihn dann, als er zum Handy greifen und die Polizei rufen wollte, geschlagen und getreten – unter anderem mit dem Ruf, sie seien von den „Grauen Wölfen“, und mit der Androhung, sie würden sein Herz und sein Hirn mit Kugeln füllen. Dass unmittelbar danach die Polizei da gewesen sei, habe nur damit zu tun, dass sein Vater beim Busbahnhof auf ihn gewartet und ein vorbeifahrendes Polizeiauto angehalten habe.

Auch Verteidiger und Nebenklagevertreter geraten aneinander

Als im Anschluss an diese widersprüchlichen Aussagen auch noch der Verteidiger, der vor allem in der Messergeschichte nachbohrte, und der Nebenklagevertreter aneinandergerieten und sich gegenseitig Suggestivfragen und unzulässige Einmischung in das Fragerecht vorwarfen, wurde es der Richterin allmählich zu bunt.

Richterin unterbricht die Sitzung

Sie unterbrach die Sitzung und bat die streitenden Parteien sowie die Staatsanwältin zum Gespräch hinter verschlossenen Türen, bei dem es zumindest eine Verständigung zwischen Verteidiger und Staatsanwältin insofern gab, als das Verfahren gegen den 30-Jährigen gegen Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 600 Euro eingestellt wurde. Das Verfahren gegen die beiden anderen Angeklagten wurde gänzlich ohne Auflagen eingestellt.