Schorndorf

Glücklich leben trotz Amputation

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Silke Naun-Bates
Kleine Frau ganz groß: Silke Naun-Bates bei ihrem Vortrag im Martin-Luther-Haus. © Edgar Layher
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Symbolbild.
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Ein Schlüssererlebnis für Silke Naun-Bates: Paragliding (Symbolbild).

Schorndorf. Behände schwingt sich Silke Naun-Bates aus ihrem Rollstuhl auf den vor ihr stehenden Tisch – und dort sitzt, nein thront die beinamputierte knapp 50-Jährige dann und erzählt den Schorndorfer Landfrauen im Martin-Luther-Haus, wie es ihr gelungen ist, nach einem schweren Schicksalsschlag „scheinbar Unmögliches möglich zu machen“ und dem Leben einen tiefen Sinn zu geben. Und wie es ihr gelingt, für jeden Augenblick dieses Lebens dankbar zu sein und ihn zu genießen.

Als sie ein Kind war, hatte Silke Naun-Bates zwei Wünsche: Sie wollte Rettungsschwimmerin werden und einen Hund haben. Als sie den Hund 1976 als Achtjährige von ihren Großeltern geschenkt bekommen hat, wurde ihr dieses Geschenk zum Verhängnis. Denn als sich der Hund losriss und in Richtung einer vielbefahrenen Straße lief, ist die kleine Silke beim Versuch, ihn aufzuhalten, auf den Bahngleisen ausgerutscht und wenig später vom Zug überrollt worden.

Das Letzte, an das sie sich erinnern kann, waren die Worte ihrer Schwester: „Pass auf, der Zug.“ Danach waren Stille und Dunkelheit, bis sie irgendwann im Krankenhaus aus dem Koma erwachte und feststellen musste, dass sich, wie sie selber sagt, ihre Beine bis zum Becken von ihrem Körper getrennt hatten. Und wieder erinnert sie sich an einen Satz, den in diesem Fall sie zu ihrem an ihrem Bett sitzenden Vater gesagt hat: „Das ist nicht schlimm, wir schaffen das schon.“

Ein Zugunfall hat ihr Leben verändert - sie aber nicht aufgehalten

Silke Naun-Bates hat in ihrem Leben vieles geschafft. Mit Prothesen konnte sie sich zwar nicht anfreunden, dafür aber hat sie gelernt, sich außer mit dem Rollstuhl vor allem auf ihrer Rutschhose und mit den eigenen Händen fortzubewegen.

„Ich bin ein beweglicher Mensch“, sagt sie lachend nach ihrem Hüpfer aus dem Rollstuhl auf den Tisch, und in der Tat hat sie sich von ihrer vermeintlichen Behinderung, die sie selber gar nicht als solche empfunden hat, nie einschränken und davon abhalten lassen, Dinge zu tun, die ihr andere nicht zugetraut hätten oder von denen sie ihr sogar explizit abgeraten haben.

Alles ganz normal: Seilhüpfen, Führerschein, Kinderkriegen

Sie hat mit ihren Klassenkameraden in der Grundschule Seilhüpfen und Gummitwist gespielt, sie ist bei Freunden auf dem Fahrrad mitgefahren, sie hat erst den Mofa- und dann den Pkw-Führerschein gemacht („Das hat mir ein weiteres Stück Freiheit geschenkt“) und sie hat, nachdem sie mit 20 Jahren erstmals geheiratet hatte, 1990 und 1994 zwei Kinder bekommen.

Wobei die Ärzte, die sie kontaktiert hat, zunächst der Ansicht gewesen waren, sie könne gar nicht schwanger werden, und diese Möglichkeit dann, als sie ihre Periode bekommen hat, als „theoretisch“ eingestuft und ihr dringend vom Kinderkriegen abgeraten, weil sie die Gefahr sahen, dass die dünne Bauchdecke reißen könnte.

Ärzte waren nicht begeistert

Silke Naun-Bates ist dann tatsächlich schwanger geworden und hat einen Arzt ganz bewusst erst dann wieder aufgesucht, als eine Abtreibung nicht mehr möglich war. „Begeisterung sieht anders aus“, erinnert sie sich an die ersten Reaktionen in der Klinik, in der ihre Tochter Samantha in der 35. Woche per Kaiserschnitt und ohne die allgemein erwarteten Komplikationen zur Welt gekommen ist. Vier Jahre später folgte auf die gleiche Weise Sohn Pascal.

Weil ihre ersten beiden Ehen in die Brüche gingen, hatte Silke Naun-Bates, die seit 2007 wieder in einer festen Partnerschaft lebt, ihre beiden Kinder größtenteils allein großgezogen. Auch das hat sie weitgehend ohne Unterstützung hinbekommen.

Am schwierigsten: Fenster putzen

Nur das mit dem Fensterputzen, das hat nie so richtig geklappt, weil sie an den oberen Teil der Fenster einfach nicht hingekommen ist, ohne ein allzu großes Risiko etwa mit einer wackeligen Leiter einzugehen. Was für sie aber auch kein allzu großes Problem war. „Ich bin kein Freund klassischer Hausfrauentätigkeiten“, sagt sie lachend und schildert anschaulich, wie sie gemeinsam mit ihren Kindern den Alltag gemeistert hat: angefangen vom gemeinsamen Treppensteigen, übers Einkaufen („Ich hatte die Tüte oft zwischen den Zähnen“) bis hin zu den Besuchen im Kindergarten, wo sie immer die Attraktion war: „Die Kinder fanden das cool, wie ich mich bewegte und Auto fuhr.“

Das Zeichen für eine Behinderung: der Rollstuhl, nicht die fehlenden Beine

„Es wäre mir immer möglich gewesen, eine Vielzahl von Grenzen und Beschränkungen zu schaffen, aber dann hätte ich heute keinen Partner, keine Kinder, nicht den Beruf, den ich habe, und nicht das Leben, das ich führe“, sagt Silke Naun-Bates und stellt fest, das Zeichen für eine Behinderung sei für sie „immer nur der Rollstuhl und nicht das Fehlen der Beine“ gewesen.

Und sie will sich auch nicht mit Menschen vergleichen, denen es aus ihrer Sicht wesentlich schlechter geht als ihr selbst: weil sie geistig und körperlich schwerst behindert sind, weil sie depressiv sind, weil sie traumatische Erlebnisse zu verarbeiten haben, weil sie sich aus finanziellen Gründen um ihre Existenz sorgen müssen.

Schlüsselerlebnis: Paragliding

Silke Naun-Bates, die zunächst im sozialpädagogischen Bereich tätig war und heute als Autorin und freiberufliche Redakteurin arbeitet, räumt ein, dass sie sich lange Zeit schwergetan hat, fremde Hilfe anzunehmen. Das hat sich durch ein Schlüsselerlebnis beim Paragliding geändert.

Da hat sie ein auf den ersten Blick gar nicht so vertrauenswürdig aussehender junger Mann gegen ihren Willen kurzerhand geschnappt, sie sich wie einen Sack über die Schulter geworden und ein Stück weit den Berg hinaufgetragen. „Auf einmal war ich das, was ich nie sein wollte: eine Last für einen anderen“, erinnert sich die knapp 50-Jährige, die erst im Nachhinein erfahren hat, mit wem sie da eigentlich geflogen ist: mit dem Weltmeister im Paragliding.

Uneingeschränkt positiv

Gelernt aus diesem Erlebnis hat Silke Naun-Bates, dass – ähnlich wie im Film „Ziemlich beste Freunde“ – sich Abhängigkeit auch zu etwas Reichem und für beide Seiten Erfüllendem entwickeln kann, wenn jeder dem anderen seine Freiheit lässt.

„Auch die Griffe eines Rollstuhls können für einen Menschen eine Stütze sein“, weiß Silke Naun-Bates, für die es letztendlich verschiedene Begegnungen mit dem Tod waren, die sie endgültig dazu gebracht haben, die Frage nach dem Sinn des Lebens für sich persönlich uneingeschränkt positiv zu beantworten.

Die "vielleicht kühnste Wahl": "glücklich und in Freiheit zu leben"

Nach dem Tod einer Freundin, dem Tod der Schwester nach einem Krebsleiden und dem Unfalltod einer weiteren Freundin, habe sie persönlich längere Zeit „gegen das Leben und den Tod gleichzeitig gekämpft“ und lange gebraucht, bis sie, die bezüglich ihrer Körperlichkeit nie Grenzen gesehen und gekannt habe, gelernt habe, sich aus ihrer emotionalen Begrenztheit zu lösen und unbegrenzten Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen, erzählt Silke Naun-Bates und fordert ihre gebannt lauschenden Zuhörerinnen dazu auf, am besten noch heute und jede für sich „die vielleicht kühnste Wahl zu treffen und das Leben glücklich und in Freiheit zu leben“.

Und so lautete denn die leidenschaftliche Schlussbotschaft der Referentin: „Sei authentisch und feiere das Leben. Weigere Dich, auch nur eine Sekunde zu verschenken. Und sei dankbar für jeden Augenblick, gerade auch in schweren Zeiten.“

Und zur Bekräftigung erklang das Lied „Wir sind am Leben“ von der Gruppe „Rosenstolz“: „Hast Du alles probiert? Hast Du alles versucht? Hast Du alles getan? Wenn nicht, fang’ an!“


Weg in die Freiheit

Helga Knauß-Auwärter, die sich bei Silke Naun-Bates, für einen gleichermaßen ergreifenden wie ermutigenden Vortag bedankte, hat die in Mosbach lebende Autorin in der SWR-Sendung „Nachtcafé“ gesehen und war so fasziniert, dass sie alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um sie für das Landfrauen-Frühstück im Martin-Luther-Haus zu gewinnen.

Silke Naun-Bates, die auch schon in verschiedenen anderen Talk-Shows aufgetreten ist, bezog sich in ihren Ausführungen weitgehend auf ihr Buch „Mein Weg in die Freiheit“. Die Autorin hat zwei weitere Bücher geschrieben: „Mein Koffer voller Glück“ und „Meine Seele ruft“.

Diese Veranstaltung, die jetzt zum dritten Mal stattgefunden hat, sei bei den Schorndorfer Landfrauen die am zweitbesten besuchte nach der Adventsfeier, sagt Rose Rapp, die Vorstandskollegin von Helga Knauß-Auwärter, mit Blick auf die rund 80 Besucherinnen. Was in etwa einem Drittel der Gesamtmitgliederzahl entspricht.