Schorndorf

Hebammen: Knapper Lohn für eine wichtige Arbeit

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Heide Mallinckrodt (mit Jona im Tragesack) ist glücklich über die Begleitung durch ihre Hebamme Margit Diemer. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Immer mehr Hebammen steigen aus ihrem Beruf aus. Zu viel Stress, zu viele Kosten, dafür echte Arbeitsunzufriedenheit. Margit Diemer, Vorsitzende des Kreisverbandes Rems-Murr, und Heide Mallinckrodt, frischgebackene Mutter des kleinen Jona, berichten von den Nöten der Hebammen und den Bedürfnissen der jungen Mütter.

Monatelanges Warten, Hoffen und wieder Warten. Dann die Geburt. Und plötzlich ist es da. Das lang ersehnte Bündel Leben, das eigene Kind. Und was kommt dann? Weniger Romantik, als oft erhofft. So hat das auch Heide Mallinckrodt erlebt. Zwar hatte sie viele Babys im Freundeskreis und der engen Familie miterlebt. Was aber mit ihrem Baby auf sie zukam, darauf war sie nicht vorbereitet. Erstens: Jedes Kind ist anders. Zweites: Es gibt welche, die nicht gerne schlafen. Die man tragen muss, damit sie schlafen. Es gibt welche, bei denen das Stillen kein Selbstläufer ist. Und dann fallen auch noch die Hormone im Steilflug ab.

Die Frauen, gerade Mutter geworden, finden sich wieder in einem Ausnahmezustand – verletzlich wie nie, verunsichert wie nie. Schließlich weiß gerade dann, wenn etwas nicht ganz optimal funktioniert, jeder einen guten Rat. Weiß es besser. Das fängt schon im Krankenhaus an. Heide Mallinckrodt berichtet: „Jede Krankenschwester hat etwas anderes erzählt.“ Schwer fällt es da, aufs eigene Bauchgefühl zu hören. Schwer fällt es da, ruhig zu bleiben. Dazu der enorme Schlafmangel. Das schlaucht.

Großfamilie fehlt: Frauen sind sich unsicherer

„Nur weil eine Frau gerade Mutter geworden ist, weiß sie noch lange nicht, was zu tun ist“, erklärt Margit Diemer. Die Vorsitzende des Kreishebammenverbandes hat schon etliche Frauen durch die erste Anfangszeit begleitet. Sie weiß, wie wichtig es für die Frauen ist, sich bei Fragen und Nöten unkompliziert an jemanden wenden zu können, dem sie vertrauen. Gleichzeitig fehlt die Großfamilie, in der Frauen sich an ihre Mutter, Schwestern oder Tanten halten konnten. Heutzutage bräuchten frisch gebackene Mütter etwa zehn bis 15 Besuche einer Hebamme, bis sie sich sicher fühlten, die Aufgabe alleine zu stemmen. Früher hätten rund sechs Besucher ausgereicht. Die Verunsicherung ist groß.

Die frisch entbundenen Frauen würden, so Margit Diemer, nach immer kürzerer Zeit aus den Krankenhäusern entlassen, in dem sie zuvor von x-verschiedenen Meinungen des dreimal täglich wechselnden Personals verunsichert worden seien. Betreut werde sie dabei am ehesten von Kinderkrankenschwestern, nicht von Hebammen. „Am besten wäre es, die Frauen würden nach der Entbindung direkt nach Hause gehen und dann intensiv von einer Hebamme begleitet werden“, findet Margit Diemer. Tatsächlich würde es ausreichend Hebammen geben, da ist sich die Kreisverbandsvorsitzende sicher. Nur müssten die alle wieder in den Hebammenberuf zurückkommen. Zu viele der Frauen sind in ihren Erstberuf zurückgekehrt, weil sich der einstige Traumberuf „Hebamme“ nicht mehr lohnt.

Die Berufshaftpflicht ist enorm hoch. Das gilt vor allem für die rund 2400 freiberuflichen Hebammen, die auch Hausgeburten leiten und zu den insgesamt 19 000 Mitgliedern des Deutschen Hebammenverbandes zählen. Seit Juli 2015 beläuft sich deren Versicherungsprämie auf rund 6200 Euro. Die Voraussetzungen für einen Ausgleich sind so eng geknüpft, dass kaum eine Hebamme sie erfüllen kann. Und selbst eine freiberufliche Hebamme, die sich um Vor- und Nachsorge kümmert, Rückbildungskurse gibt und Ähnliches, muss rund 450 Euro zahlen. Dazu kommen die Anfahrtskosten, die eigene Krankenversicherung, Rentenzahlungen und Steuern. Von den 32 Euro, die eine Hebamme pro Hausbesuch bekommt, bleibt am Ende nicht mehr viel übrig.

Die ersten Hebammen geben nach fünf Jahren schon wieder auf

Hinzu kommt, dass die Krankenkassen pro Hausbesucht 20 bis 40 Minuten veranschlagen. Tatsächlich aber verbringt eine Hebamme oft eine ganze Stunde bei einer Patientin. Zusätzlich fallen Arbeitszeiten für die Abrechnung, die Dokumentation und die Qualitätssicherung an. Schwierig ist es für Hebammen, Urlaub zu nehmen, schließlich muss eine Vertretung her, die die eigenen Patientinnen und ihre Neugeborenen in dieser Zeit versorgt. Geringes Gehalt, wenig Urlaub, viel Arbeit – gute Gründe, wieder auszusteigen. Nach fünf Jahren im Beruf würden die ersten Hebammen schon wieder aufgeben, weiß Diemer.

Das Ergebnis: Allzu oft bleiben Frauen nach der Geburt ihrer Kinder ohne professionelle Betreuung. „Sie gehen dann eben einmal mehr zu Frauen- oder Kinderarzt“, berichtet Margit Diemer. „Vermutlich werden sie auch nicht lange stillen, schließlich funktioniert das nicht automatisch mit der Geburt.“ Heide Mallinckrodt war sich der Problematik um die fehlenden Hebammen bewusst, fing deshalb schon in der zehnten Schwangerschaftswoche an, zu telefonieren. „Ich habe bestimmt zehn Hebammen angerufen, keine hatte Zeit.“ Von einer Kollegin schließlich hatte sie Margit Diemer empfohlen bekommen. Und sie hatte das Glück, noch einen freien Platz zu erwischen.

Zu wenig Hebammen: Frauen bleiben nach Geburt unbetreut

Allzu oft muss die Hebamme aber die Aufnahme einer Frau ablehnen. „Es fällt mir sehr schwer, Nein zu sagen“, erklärt Margit Diemer. Schließlich weiß sie, wie wichtig die Hebamme für eine Wöchnerin ist. Wenn sie aber für ihre Frauen da sein möchte, dann muss sie an einem bestimmten Punkt einen Aufnahmestopp verhängen. Heide Mallinckrodt sagt heute, den sieben Wochen alten Jona im Tragesack: „Ich hätte es mir gar nicht ohne Hebamme vorstellen können.“ Sie war überglücklich, schon im Krankenhaus zu wissen, dass sie zu Hause von Margit Diemer weiterbetreut werden würde. „Ich habe immer schon auf den nächsten Termin hingefiebert und 1000 Fragen auf dem Zettel gehabt.“ In der Betreuung ging es aber nicht nur um die Babypflege. Auch Persönliches, das in der Umstellung auf die Mutterrolle aufkam, konnte sie mit ihrer Vertrauensperson besprechen.

Ein absolutes Überlastungsproblem haben auch die Kreißsaalhebammen, weiß die Vorsitzende des Kreisverbandes. Allzu oft müsste eine Hebamme sich gleichzeitig um drei oder mehr Gebärende kümmern. Das führt nicht nur zu Arbeitsunzufriedenheit, das ist purer Stress in einer wirklich verantwortungsvollen Position. Margit Diemer ist sich sicher, dass die steigenden Kaiserschnittraten auch auf diese Situation zurückzuführen sind. Schließlich überträgt sich der Stress auch auf die gebärende Frau. Und der ist alles andere als geburtsfördernd.

Diemer selbst hat 30 Jahre lang auch in der Klinik gearbeitet, davon viele Jahre als leitende Hebamme. Nebenher war sie immer auch als freiberufliche Hebamme tätig. Erst vor kurzem hat sie sich aus den genannten Gründen gänzlich in die Freiberuflichkeit gewagt. Im Kreißsaal wäre eine Eins-zu-eins-Betreuung optimal – „für die Arbeitszufriedenheit und zum Wohl der Mütter“. Dafür müsste mehr Personal her. Das gibt es aber nur bei besserer Bezahlung. Und „gute Arbeit gibt es nicht zum Nulltarif“.

Hebammentag

Der Hebammentag findet seit 1992 in jedem Jahr am 5. Mai statt. Zahlreiche Hebammen und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer weisen weltweit mit Aktionen und Infoveranstaltungen auf den Wert von Hebammenarbeit für Frauen und Neugeborene hin.

Beim Hebammenkongress in Hamburg diskutieren Expertinnen am heutigen Mittwoch, 4. Mai, dazu.