Schorndorf

Heftiger Streit um Gebetsraum

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Mittlerweile ist der „Gebetsraum Schorndorf“ in der Penthouse-Wohnung dieses Mehrfamilienhauses in der Lutherstraße eingerichtet. © Habermann / ZVW
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Damals noch im Friseursalon „Haar & Natur“ in der Höllgasse: Der von Kathrin Fischer (Zweite von links) geleitete Gebetstreff. Archivfoto: Steinemann

Schorndorf. 30 Leute treffen sich teilweise schon ab 5.30 Uhr zum Beten und Singen in einer Privatwohnung. Die Nachbarn des "Gebetsraumes Schorndorf" in der Lutherstraße wollen das nicht akzeptieren. Doch sie kämpfen scheinbar auf verlorenem Posten.

Das Schorndorfer Ehepaar Keßler/Müller hat sich in einem neuen Mehrfamilienhaus in der Lutherstraße eine von insgesamt sieben Wohnungen gekauft. Anfang November vergangenen Jahres wurde in die darüber liegende Penthouse-Wohnung zum Vorstellungsabend des „Gebetsraumes Schorndorf“ eingeladen. Was von Seiten des Leitungsteams, bestehend aus Kathrin Fischer, Monika Prosenbauer und Simone Wild, als freundliche Einladung zum Kennenlernen bei Snacks und Getränken gemeint war, schaukelte sich, wie beide Seiten bestätigen, schnell zu einem sehr konfrontativen Gespräch hoch. Die Eigentümer der unter dem Gebetsraum liegenden Wohnung wollten nicht einsehen und akzeptieren, dass sich einmal die Woche bis zu 30 wildfremde Leute dort treffen. Verteilt auf mehrere Gruppen beginnen die Gebetstreffen schon morgens um 5.30 Uhr, einmal im Monat wird gemeinsam gesungen.

Umgekehrt konnten weder die Wohnungseigentümerin noch die Einladenden etwas Verwerfliches oder Störendes darin erkennen, dass sich Menschen regelmäßig zum zwanglosen Beten treffen. In der Info der Facebook-Seite schreiben sie: „Wir beten für Schorndorf. Wir sind keine Gemeinde/Gemeindeersatz. Jeder, der seine Stadt liebt, ist herzlich eingeladen!“

Fundamentalistisch-religiöse Orientierung wird vermutet

Den Betenden wurde aufgrund persänlicher Kontakte die möblierte, aber nicht bewohnte Penthouse-Wohnung angeboten. Zuvor hatten sie sich im Friseursalon von Gabriele Maiwald in der Hölllgasse, später aus Platzgründen im Martin-Luther-Haus getroffen. Und während sie nun in der Lutherstraße beten, haben die Nachbarn nichts unversucht gelassen, Unterstützung im Kampf gegen den Gebetsraum zu bekommen. Evelyn Kessler und Thomas Müller lehnen diesen ab, weil diese Nutzung nicht in der Teilungserklärung steht und deshalb als zweckfremdet und damit widerrechtlich angesehen wird. Außerdem vermuten sie bei dem Gebetstreff eine „fundamentalistisch-religiöse Orientierung“. Das haben sie auch in einem Schreiben an den Oberbürgermeister angemerkt.

Zunächst keine Hilfe von der Stadt und auch nicht vom Hausverwalter

Hilfe haben die „fassungslosen“ Wohnungseigentümer bislang nirgends bekommen. Aus dem Umfeld des Oberbürgermeisters erhielten sie zunächst die Auskunft, dass aus baurechtlicher Sicht „zunächst nichts gegen diese Form der privaten Nutzung“ spreche. Später kam der Hinweis, dass für ein baurechtliches Einschreiten „tatsächlich eine Nutzungsänderung vorliegen und die Wohnnutzung nachweislich aufgegeben sein“ müsste. Für eine Überprüfung bedürfe es aber einer offiziellen Anzeige. Die Firma Rieker, die die Wohnungen gebaut und verkauft hat, sieht sich völlig aus dem Schneider und verweist auf die Zuständigkeit der Wohneigentümergemeinschaft und des Hausverwalters, die Firma Ziesel. Christian Ziesel antwortet auf die Frage, ob man in der Nutzung als Gebetsraum nicht doch eine unzulässige Nutzung sehen könnte, mit einem vielsagenden „Jein“. Bislang aber gebe es keine Hinweise, dass sich der Gebetsraum störend auf die Hausgemeinschaft auswirke – zumindest nicht stärker, als wenn oben eine Familie mehreren Kindern wohnen würde, die regelmäßig viel Besuche bekomme. Zeisel sieht so lange keinen Handlungsbedarf, solange die Wohnungseigentümergemeinschaft nicht mehrheitlich der Meinung ist, dass er sich einschalten und prüfen sollte, ob es sich bei der Nutzung der Wohnung als Gebetsraum um eine Zweckentfremdung handelt oder ob es nicht in erster Linie um persönliche Befindlichkeiten geht.

„Unser Herz schlägt für Jesus Christus und für die Stadt“

„Es gibt Menschen, die stört alles, auch wenn man betet“, sagt Kathrin Fischer, die einfach nur „fassungslos“ ist angesichts dessen, was ihrem Gebetstreff da von einem einzigen Wohnungseigentümer – „Mit allen anderen haben wir keine Probleme“ – an Unverständnis und regelrechter Feindschaft entgegenschlägt. „Ich bin traurig, aber wir beten auch für diese Menschen“, sagt Kathrin Fischer, die nichts Ehrenrühriges dabei finden kann, wenn der Gebetstreff private Räumlichkeiten nutzt, die ihm aus persönlicher Freundschaft angeboten worden sind. Und von wegen Ruhestörung und Fundamentalismus: „Wir bewegen uns auf leisen Sohlen und machen keine radikalen Sachen“, sagt Kathrin Fischer und verweist darauf, dass der Gebetsraum ein überkonfessionelles Angebot für alle sei, deren Herz so wie auch ihr eigenes „für Jesus Christus und für die Stadt“ schlage: „Wir sind absolut transparent, bei uns kann jeder mitmachen.“ Denen, die ihr und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern Böses wollen oder unterstellen, gibt sie aber auch zu verstehen: „Wir kämpfen auch gegen Mächte.“ Dazu passt ein kurzer Wortwechsel am Rande jenes Vorstellungsabends, an dem das Ehepaar Keßler/Müller auf seinen Einwand hin, dass dieser Gebetsraum zu einer Wertminderung des Wohneigentums führen könne, zu hören bekommen hat, dass auch das Gegenteil der Fall sein könnte.


Juristische Sicht

Für die Schorndorfer Rechtsanwältin Barbara Lischik-Nickel ist die Nutzung einer Wohnung, die so auch in der Teilungserklärung festgeschrieben ist, als Gebetsraum „so ähnlich, wie wenn man seine Wohnung an Touristen vermieten würde“. Man könnte also, meint die Anwältin, durchaus eine zweckfremde Nutzung sehen. Wobei das Zeckentfremdungsverbot als offizielles Instrument im Kampf gegen Wohnraummangel in Schorndorf wie in vielen anderen Kommunen in Baden-Württemberg auch (noch) nicht eingeführt worden ist.

Barbara Lischik-Nickel räumt aber auch ein, dass es im Falle des Gebetsraums auf die konkreten Beeinträchtigungen für andere Hausbewohner und darauf ankommt, ob sie das übliche Maß überschreiten. Weshalb es aus ihrer Sicht sinnvoll sein könnte, diese Beeinträchtigungen über einen gewissen Zeitraum hinweg zu dokumentieren und dann gegebenenfalls den Klageweg zu beschreiten.

Vom Hausverwalter würde die Anwältin zumindest erwarten, dass er, unabhängig davon, wie viele Parteien sich belästigt fühlen, darauf achtet, dass die Hausordnung eingehalten wird.