Schorndorf

Italien abseits der Klischees: Abendseminar an der VHS Schorndorf am 20. Mai

Kopie von Antonio Perrotta
Genussmensch Antonio Perrotta – einen sizilianischen Cannolo essend. © privat

Würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, bei dem Titel „Italien gibt es nicht! – Ein Paradox?“ nicht auch stutzig werden und sich fragen, was damit gemeint ist? Beantworten kann diese Frage nur einer, der darüber reden wird: Antonio Perrotta, Sohn italienischer Gastarbeiter, aufgewachsen in Remshalden und Lehrer für Italienisch, besser gesagt, Dozent für Italien an der Volkshochschule Schorndorf. Sein Abendseminar, das er am 20. Mai gestalten wird, trägt diesen Titel. Was genau es damit auf sich hat und wie Antonio Perrotta Italien mit seinen Augen sieht, hat er uns im Vorfeld verraten.

Die linguistische Annäherung

Was genau man unter dem Namen des Abendseminars verstehen soll? „Genau das, was die Vokabeln hergeben: Italien gibt es nicht!“, antwortet der 55-Jährige trocken. Man nähere sich der Vokabel „Italien“ linguistisch. Wenn man dieses Wort laut ausspreche, erzeuge es Bilder im Kopf. „Die allermeisten werden an Urlaub, Strand und o sole mio denken. Andere denken an hochwertige Gastronomie: Tagliatelle al ragù, Grissini und Tiramisù. Oder an Barolo, Chianti und Prosecco. Wieder andere an die Vokabel Mafia.“ Das allerdings seien alles Bilder, die ein touristischer Italiensehnsüchtiger im Kopf erzeuge.

Welche Bilder hat aber jemand im Kopf, der in Bozen geboren wurde? Oder in Turin, Neapel oder Palermo, wenn er laut die Vokabel „Italien“ ausspricht? Perrotta: „Mit einer linguistischen Annäherung versuchen wir unzählige Fragen zu beantworten: Warum sprechen die allermeisten Italiener keine Schriftsprache? Warum werden süditalienische Orangen in Deutschland von privat an den Straßenrändern verkauft und nicht über die großen Distributoren wie bestimmte Discounter? Warum kennt niemand das nach der Chinesischen Mauer größte Mauerwerk der Welt in den Bergen Turins?“

Durch die Beantwortung dieser vielen Warums versuche er die Bilder der Italienliebhaber, die wie in einer Blase leben und Italien „nie“ von außen betrachten, mit den Bildern zu vergleichen, die ein in Italien geborener und aufgewachsener Italiener von „innen“ heraus in seinem Kopf produziere. Schnell wird deutlich: Perrottas Ziel ist es, den Kursteilnehmern das reale Italien näherzubringen und keine Tourismuswerbung zu machen. Die Kindheit des heute 55-Jährigen ist eindrücklich: dort die Oma in Kalabrien, hier der Alltag in Deutschland. Für die Eltern hat er immer gedolmetscht.

Er habe in der Grenadier-Kaserne in Stuttgart gearbeitet, als die Anfrage der Volkshochschule Schorndorf ihn erreichte, ob er nicht eine Kursleiterin vertreten könne. Damit fing alles an – und 35 Jahre später arbeitet er immer noch dort. Man könnte die VHS als ein Sprungbrett bezeichnen: Denn Perrotta hat sich einen Kundenstamm an Firmen aufgebaut, unterrichtet Mitarbeiter in der Region Stuttgart in Italienisch und zwischenzeitlich auch in Deutsch.

„Ich habe eine eigene Sprachschule und ein Übersetzungsbüro. Eine Konsequenz, die der Tatsache geschuldet ist, dass die Kinder der ersten Gastarbeiter in Deutschland sehr oft die sprachlichen Problematiken ihrer Eltern haben lösen müssen. Fast jedes ausländische Kind in meiner Generation war in seiner frühen Jugend mit seiner Mutter beim Frauenarzt. Fast jedes ausländische Kind in meiner Generation wurde von seinem Vater zu einer deutschen Behörde mitgenommen, damit man als „Deutschexperte“ die schwierigen deutschsprachigen Formulare für die Eltern ausfüllen konnte.“

Was die Volkshochschule nun für ihn bedeute? „Sie ist ein idealer Ort für solch eine Veranstaltung, denn sie ist ein Melting Pot der verschiedensten Kulturen. Ungezwungen treffen sich dort ‘Einheimische’ und ‘Aboriginis’ zum Austausch ihrer Bilder im Kopf. Ich bin nur der Moderator“, beschreibt er sein Tun.

Sehr anschaulich beschreibt Antonio Perrotta, was ihn an Sprachen fasziniert: „In der Bibel steht: ‘Am Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott selbst. Von Anfang an war es bei Gott. Alles wurde durch das Wort geschaffen; nichts ist ohne das Wort entstanden. In ihm war das Leben, und dieses Leben war das Licht für alle Menschen.’ Mich fasziniert die Tatsache, dass Katholiken und Protestanten die gleiche Bibel lesen, aber der eine ‘beschert’ am 24. Dezember und der andere am 25. Dezember.“

Die Vokabel Weihnachten werde verschieden interpretiert, obwohl in keiner einzigen Stelle der Bibel Uhrzeit und Tag angegeben würden. Was der Reformator Martin Luther damit zu tun hat, wird in dieser Veranstaltung erörtert.

Erfolgreich miteinander kommunizieren

Die Frage nach dem Urlaub in Italien muss gestattet sein, ebenso die Frage danach, was typisch italienisch ist. Antonio Perrotta nennt keine genauen Zielorte, sondern fasst zusammen: Er halte sich überall dort gerne auf, „wo der Mensch authentisch lebt und bedingungslos liebt“.

Und die Frage danach, was typisch italienisch ist, hasse er, gibt Perrotta zu und führt aus: „Wenn man erfolgreich miteinander kommunizieren möchte, dann legt man die Klischees ab und fängt an, sich ehrlich und aufrichtig für sein Gegenüber zu interessieren. Der Ukrainekrieg zeigt der Menschheit ganz deutlich, dass man in der Vergangenheit unehrlich miteinander kommuniziert hat. Mit Unehrlichkeit kann man vielleicht Geld verdienen, aber es führt niemals zu Amore.“

Würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, bei dem Titel „Italien gibt es nicht! – Ein Paradox?“ nicht auch stutzig werden und sich fragen, was damit gemeint ist? Beantworten kann diese Frage nur einer, der darüber reden wird: Antonio Perrotta, Sohn italienischer Gastarbeiter, aufgewachsen in Remshalden und Lehrer für Italienisch, besser gesagt, Dozent für Italien an der Volkshochschule Schorndorf. Sein Abendseminar, das er am 20. Mai gestalten wird, trägt diesen Titel. Was genau es damit auf

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