Schorndorf

Jagdpächter: Wildunfälle werden zunehmen

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Symbolbild. © Leonie Kuhn

Remshalden. In der ersten Junihälfte gab es eine Häufung von Unfällen mit Wildschweinen auf der B 29 bei Remshalden. Bei einem, an dem zwei Autos beteiligt waren, starben zwölf Tiere. Der zuständige Jagdpächter Helmut Müller meint: Solche Unfälle werden zunehmen. Weil es immer mehr Wildschweine gebe. Und weil Zäune und Wände an der Bundesstraße Fallen seien.

Es waren ziemlich schreckliche Bilder: Zwölf Wildschweine verloren Mitte Juni ihre Leben, als die Rotte auf die B 29 bei Remshalden lief. Zuerst wurden zehn der Tiere von einem Auto erfasst, das in Fahrtrichtung Stuttgart unterwegs war. Zwei weitere erwischte ein anderes Auto dann auf der Gegenfahrbahn. Acht der Säue waren sofort tot, vier erlöste ein durch die Polizei hinzugerufener Jäger. Die beteiligten Autofahrer blieben unverletzt.

Es war bereits der zweite Unfall mit Wildschweinen auf der B 29 im Bereich Remshalden innerhalb weniger Wochen. Bereits Anfang Juni wurde ein Tier von einem Auto erfasst. Die Polizei verzeichnet zwar derzeit in längeren Zeiträumen gesehen keine Häufung von Wildfunfällen auf der B 29. Doch für Helmut Müller, der als Jagdpächter für das Revier Geradstetten-Nord/Hebsack/Rohrbronn zuständig ist, spricht einiges dafür, dass Unfälle auf der Bundesstraße, vor allem mit Wildschweinen, zunehmen könnten.

Wildtiere kommen an dieser Stelle regelmäßig unter die Räder

Helmut Müller ist in seinem Revier derjenige, der von der Polizei gerufen wird, wenn es einen Wildunfall gibt. Bei den letzten beiden Unfällen auf der B 29 mit den Wildschweinen war er nicht vor Ort, sondern ein Vertreter aus dem Revier. Die zwölf toten Säue in einer Nacht sind auch für Helmut Müller ungewöhnlich. Aber über die Vorfälle an sich ist er nicht überrascht. „Das ist eine Falle hier“, sagt er.

Die B 29 sei bei Hebsack von Süden her für Tiere zugänglich. Doch auf der anderen Seite würden sie auf Zäune und die Lärmschutzwand stoßen und seien gefangen. Es würden nur die spektakuläreren Fälle mit großen Wildtieren bekannt, aber auch Füchse und andere Tiere kämen dort regelmäßig unter die Räder. Das Straßenbauamt müsste aus Sicht des Jagdpächters handeln und einen Zaun auf die Südseite der B 29 stellen, damit Tiere gar nicht auf die Straße kommen. Zuständig ist für Unterhaltung und Sicherheit der Bundesstraße das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises. Von dort war am Dienstag auf Anhieb keine Stellungnahme zum Thema zu erhalten, weil die zuständigen Fachleute außer Haus waren. (Die Stellungnahme liefern wir nach.)

Ein Wildunfall kann auch für einen Autofahrer tödlich enden

Für Jäger Helmut Müller ist die Gefahr auf jeden Fall real. Es gehe nicht nur um das Wild: „Irgendwann passiert ein Unfall, bei dem auch Menschen zu Schaden kommen“, warnt er. Wenn einem bei Tempo 120 ein großes Wildtier durch die Windschutzscheibe schlage, dann könne das für den Autofahrer tödlich enden. Von Motorradfahrern gar nicht zu reden.

Dazu komme, dass der Wildschwein-Bestand rasant zunehme. Als Grund macht Helmut Müller die milden Winter aus. Bucheckern und Eicheln stünden im Überfluss als Nahrung zur Verfügung. Außerdem könnten die Säue, wenn der Boden im Winter nicht gefroren ist, praktisch das ganze Jahr nach Würmern, Insekten und Mäusen wühlen.

Milde Winter bedeuten Zunahme des Wildschwein-Bestands

Martin Röhrs, der Leiter des Kreis-Forstamtes bestätigt grundsätzlich die Einschätzung zur Zunahme des Wildschwein-Bestandes durch eine Reihe von milden Wintern. Allerdings sagt er: Derzeit habe er keine Kenntnis von einer Zunahme der Schäden durch das Schwarzwild im Bereich von Remshalden und auch nicht aus der Umgebung. „Es war schon deutlich wilder“, sagt er. Wenn es größere Probleme gebe, komme das in der Regel bei ihm an. Dann gebe es meist auch die Forderung, nach Drückjagden. Das sei derzeit auch nicht der Fall.

Drückjagden sind in den Augen von Jäger Helmut Müller die beste Chance, nennenswert auf die wachsenden Bestände einzuwirken. Dabei werden die Tiere aufgescheucht, meist durch den Einsatz von Hunden, und in eine bestimmte Richtung getrieben, wo sie dann den auf der Lauer liegenden Jägern vor die Flinte laufen. Ansonsten, sagt Helmut Müller, sei den Tieren kaum beizukommen, denn die Säue seien schlau. Schießt ein Jäger vom Hochsitz einmal ein Wildschwein, dann meiden die anderen diesen Bereich in der Folge, und das über Generationen. „Die geben das weiter an ihre Jungen“, sagt Müller.

Drückjagden sind im dicht besiedelten Remstal kaum noch möglich

Das Problem mit den Drückjagden, das weiß auch Helmut Müller, ist: Sie sind im dicht besiedelten Remstal und seiner Umgebung mit vielen Verkehrsadern kaum noch möglich. Für die Verkehrssicherung sei mittlerweile Vorschrift, dass die naheliegenden Straßen gesperrt werden müssten, damit keine Tiere vor Fahrzeuge rennen, sagt Forstamts-Leiter Martin Röhrs, der für die Jagd im Staatswald verantwortlich ist. Dafür bekomme man zum Beispiel an den Schurwaldübergängen gar keine Genehmigung mehr. Sollten die Wildschäden wieder dramatisch zunehmen, dann brauche er dazu die Unterstützung der Kommunen.

Verständnis hat Röhrs für die Vorschriften. Denn ein Tier wie ein Wildschwein, das von einer Jagd aufgescheucht auf die Straße renne, sei eine ernsthafte Gefahr, auch für das Leben eines Autofahrers. Auf der B 29 hatten bei den vergangenen Vorfällen die Fahrer Glück, die Tiere dagegen weniger. Warum sich die Rotte überhaupt auf die Bundesstraße begeben hat, können weder Helmut Müller noch Martin Röhrs schlüssig erklären. „Ich stecke nicht im Kopf eines Wildschweines“, sagt Röhrs. Ungewöhnlich sei es jedoch nicht, dass die Tiere so weit ins Tal und an besiedeltes Gebiet kommen. „Die sind viel unterwegs und suchen nach Fressbarem, da kennen die keine Grenze“, sagt der Förster. Die Rems überqueren Wildschweine ohne Probleme, schwimmen können sie auch. Nur über Lärmschutzwände klettern können sie eben nicht.

Tipps zum Thema Wildunfälle

Ein Wildunfall auf der B 29 ist eine eigene Kategorie – bei Tempo 120 im Dunkeln bleibt einem am Steuer eines Fahrzeuges kaum eine Chance, zu reagieren. Doch allgemein gibt es einige Tipps, die helfen können, Unfälle zu vermeiden:

Immer die Warnschilder vor Wildwechsel beachten und die Fahrweise entsprechend anpassen. Besonders am Rand von Wiesen, Feldern und Wäldern sollten Autofahrer vor allem in der Dämmerung die Geschwindigkeit verringern und vorausschauend fahren. Wichtig ist, dass bei Wild auf der Straße oder am Straßenrand das Fernlicht abgeblendet wird. Dieses verwirrt und blendet die Tiere, sie verlieren die Orientierung und laufen oft instinktiv auf die Lichtquelle zu. Deswegen: langsam fahren, hupen oder sogar anhalten.

Riskante Ausweichmanöver sollte man im Ernstfall vermeiden. Besser: so stark wie möglich bremsen und das Fahrzeug in der Spur halten. Der Zusammenprall mit einem anderen Auto oder einem Baum birgt noch größere Gefahren für Leib und Leben als die Kollision mit einem Tier.

Nach einem Wildunfall ist grundsätzlich die Polizei zu rufen. Diese verständigt den Jagdpächter. Das Tier sollte man auf keinen Fall anfassen. Einerseits wegen möglicher Krankheiten. Andererseits, weil verletzte Tiere sich wehren könnten.