Schorndorf

Jugendgerichtshelfer: Schlimme Jungs gab’s schon immer

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Jugendgerichtshilfe in Schorndorf: „Ein Glücksfall“ für Wolfgang Aust. © Ramona Adolf

Schorndorf. Eigentlich könnte Wolfgang Aust längst in Rente sein. Doch der 66-Jährige hat immer noch Spaß an seiner Arbeit. Seit 1980 bringt er junge Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, wieder auf die richtige Spur. Und das durchaus mit Erfolg. Viele seiner Klienten hat er vor einer kriminellen Karriere bewahren können.

Als Wolfgang Aust 1980 nach Schorndorf kam, waren die meisten „Black Jackets“ oder „Osmanen“ noch nicht einmal geboren. Geschweige denn gab es überhaupt diese rockerähnlichen Gruppierungen, die heute die Justiz auf Trab halten. Doch Gangs, die gab es auch damals schon. Zum Beispiel die „Hellriders“, eine Gruppe Halbstarker mit aufgemotzten Kreidler-Mofas, die mit Diebstählen von sich reden machten – und sich mit anderen Halbstarken bekriegten. Die allererste Schöffengerichtsverhandlung von Aust, das weiß er noch sehr gut, behandelte genau diese Klientel. „Das hat mich damals eine ganze Zeit beschäftigt“, sagt der Jugendgerichtshelfer.

Rebellische Mofa-Rocker, die mit den Jahren verbürgerlichten

Mit dem Alter und den ersten Urteilen kam bei den jungen Männern allmählich die Einsicht. Kaum jemand erinnert sich noch an die „Hellriders“, die für die meisten als letztlich harmlose rebellische Jugendphase in ihrer Biografie Niederschlag fanden. Austs Arbeit hatte mit Sicherheit ihren Anteil daran, dass aus den Mofa-Rockern keine Schwerkriminellen wurden.

Dabei hätte der studierte Sozialpädagoge eigentlich in der Behindertenarbeit landen müssen. Bereits als Schüler hat er in den Mariaberger Heimen in Sigmaringen mitgearbeitet, wo praktisch seine ganze Familie tätig war. Doch nach dem Studium an der Esslinger Fachhochschule entschied er sich für einen anderen Weg und fand schließlich die Stelle in Schorndorf. „Ein Glücksfall“, sagt Aust rückblickend. Hat er doch weder Schorndorf noch die dortige Jugendgerichtshilfe je verlassen.

Viel mehr Unterstützungsmöglichkeiten

Seitdem hat sich in seinem Arbeitsbereich einiges getan: Heute gibt es mehr Sozialarbeiter, eine professionalisierte Familienhilfe und viel mehr Unterstützungsmöglichkeiten durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz. Eines hat sich in all der Zeit aber nie geändert: dass er es vor allem mit jungen Männern von 16 oder 17 Jahren zu tun hat. „Das ist eine ganz kritische Zeit, in der die kriminelle Kurve steil nach oben geht.“ Wenn die Hilfe hier richtig ansetze, könnten kriminelle Karrieren verhindert werden. Mit Anfang 20 sei der Drang, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, bei den jungen Männern dann meist vorbei.

Austs Erfahrung ist, dass Gefängnis-Erfahrungen oft eher kontraproduktiv seien und kriminelle Karrieren vielmehr begünstigten. Auch die Unterbringung in mehr oder weniger geschlossenen Einrichtungen, wie sie etwa viele Jahrzehnte auf dem Schönbühl in Weinstadt praktiziert wurde, sieht er durchaus kritisch.

Erziehung in Unfreiheit führt sehr selten in die Selbstständigkeit

In 38 Jahren habe er nur zwei geschlossene Unterbringungen als erfolgreich erlebt. „Die Erziehung in Unfreiheit hat meist nicht die erhoffte Selbstständigkeit gebracht.“ Aust sagt das wohl wissend, dass in manchen Fällen einfach keine andere Möglichkeit mehr bestand. Wobei es landesweit ohnehin nur noch zwei solcher Einrichtungen gibt und einige Bundesländer sie bereits in Gänze als pädagogisch nicht mehr sinnvoll erachtet abgeschafft haben.

Wie mit jugendlichen Straftätern umzugehen ist – diese Frage hat sich auch der 66-Jährige in seiner beruflichen Laufbahn immer wieder gestellt. Gute Erfahrungen hat er dabei mit „Les-Bar“ gemacht, einem Projekt, das auf Austs Initiative vor drei Jahren in Schorndorf entstand. Dabei müssen junge Straftäter ein Buch zusammen mit einem Lesepaten lesen und besprechen, das zu ihrer Straftat passt. Auch gemeinsame Sportprojekte, sofern sie pädagogisch begleitet werden, hätten sich meist als sinnvoll erwiesen. Und nicht zuletzt hätten Arbeits- und Sozialstunden nach wie vor ihre Daseinsberechtigung.

Den jungen Menschen unterstützend zur Seite zu stehen: So versteht er bis heute seinen Beruf. Viele seien verunsichert, zumal wenn sie erstmals vor Gericht sind. Und nicht selten stammen sie aus Familien, in denen eine solche Unterstützung nicht vorhanden ist. Austs Beruf ist zu großen Teilen Beziehungsarbeit – und deshalb auch davon abhängig, ob die Jugendlichen Vertrauen fassen. „Wenn das funktioniert, kann man mit dem Pfund wuchern.“

Nicht immer greifen die Angebote der Jugendgerichtshilfe

Das Hilfenetzwerk dafür ist auf jeden Fall vorhanden: Es gibt Kooperationen mit den Sozialdiensten, die einen Erziehungsbeistand leisten, wenn es zu Hause nicht gut läuft (was oft ein Faktor ist, der Kriminalität begünstigt). Auch für die jungen Menschen selbst stehen Beratungsangebote zur Verfügung: Bei Sucht, Gewaltproblemen oder sexualisierten Straftaten kann Aust an die entsprechenden Stellen verweisen. Etwas, das es Anfang der achtziger Jahre noch nicht gab und mit dem er in seiner Arbeit gute Erfahrungen gemacht hat. Alle lassen sich damit natürlich nicht einfangen. Jene Jugendlichen etwa, die vor einigen Jahren als Breuninger-Clique Schorndorf unsicher machten, mehr als hundert Straftaten (vor allem Diebstähle) anhäuften und sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei lieferten. „Die sind nicht auf die klassischen Maßnahmen der Jugendgerichtshilfe eingegangen.“ Einige von ihnen sitzen mittlerweile hinter Gittern, die Clique ist mehr oder weniger zerschlagen, doch angesichts von schlechten schulischen Leistungen und Hafterfahrungen bleibt Aust skeptisch.

Schlimmer als früher seien die Jugendlichen aber keineswegs. Gewalt habe es schon immer gegeben, auch handfeste und brutale Schlägereien. Nur sei der Fokus der Medien (zumal der sozialen) darauf nicht so stark gewesen. „Die Wahrnehmung, dass alles viel schlimmer wird, stimmt jedenfalls nicht“, sagt Aust.

Andernfalls hätte er es auch nicht so lange in dem Beruf ausgehalten – und sogar noch über das Renteneintrittsalter hinaus verlängert. Ende des Jahres ist aber definitiv Schluss. Dann darf ein anderer sich darum kümmern, dass aus den schlimmen Jungs keine echten Kriminellen werden.