Schorndorf

Kühe, die die Welt besser machen

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Friedrich Dippon (links) und Dieter Haag mit vier von ihren insgesamt 20 Tieren, einer Mutterkuh (ganz rechts) und vier Rindern. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Viehtrieb quer durchs dicht besiedelte Remstal: Friedrich Dippon und Dieter Haag legen mit den Kühen oft lange Strecken zurück. Zuletzt mit diesen vier Tieren zum Beispiel von der Weide bei Schorndorf-Weiler durch Winterbach und Geradstetten bis zum Grunbacher Ortsrand.

Remshalden/Weinstadt/Korb. Für beide war es ein Kindheits- und Jugendtraum. Mittlerweile halten Friedrich Dippon und Dieter Haag zusammen 20 Kühe beziehungsweise Rinder. Diese stehen nicht im Stall, sondern grasen auf Streuobstwiesen. Und tragen damit in der fürs moderne Remstal ungewöhnlichen Art der Weidehaltung zum Erhalt der an vielen Stellen verwahrlosenden Kulturlandschaft bei.

Video: Friedrich Dippon und Dieter Haag lassen ihre Kühe auf Streuobstwiesen weiden.

Man hört sie, bevor man sie sieht, dieses Bimmeln und Klingeln, das Urlaubsgefühle weckt. Aber die Tiere von Friedrich Dippon und Dieter Haag tragen ihre Glocken nicht für die Allgäu-Romantik um den Hals. Das hat praktische Gründe: „In den Wiesen findet man die sonst nicht mehr, wenn die ausbüxen“, sagt Dieter Haag. Der Korber steht auf einem Stückle am Ortsrand von Grunbach und streicht einer Kuh über den Kopf. Mittlerweile, sagt er, höre er schon am Geklingel, ob es den Tieren gutgeht.

Der Traum von der eigenen Kuh

Der 52-Jährige hält seit vielen Jahren Kühe und Rinder, wie die nicht gebärenden, weiblichen und männlichen Tiere korrekt heißen. Seit bald zwei Jahren hat Haag mit dem Weinstädter Friedrich Dippon einen Partner. Beide haben zuvor schon lange den Traum von der eigenen Kuh geträumt. Dippon hatte bereits als 14-Jähriger den Plan, eine von seinem Konfirmanden-Geld zu kaufen. Zum Entsetzen seines Vaters, der ein paar Jahre vorher erst die Viehhaltung aufgegeben hatte. Bei Dieter Haag war es ähnlich, auch sein Vater war dagegen. Später machte er eine Ausbildung zum Landwirt, studierte dann aber Soziale Arbeit und arbeitet jetzt Vollzeit bei der Paulinen-Pflege mit behinderten Menschen. Friedrich Dippon ist eigentlich Zimmermann. Die Kühe seien ein Hobby, sagt der 51-Jährige und scherzt: „Andere haben halt eine Modelleisenbahn.“

Die Kühe verbessern trampelnd den Boden

Warum dieser Wunsch nach der eigenen Kuh? Friedrich Dippon sagt: Schon immer habe ihn gestört, dass auf den Streuobstwiesen das Gras nach dem Mähen ungenutzt liegen blieb. Heute verwildern viele Baumgrundstücke, weil sich keiner drum kümmern will oder es der Besitzer nicht mehr schafft, zweimal im Jahr mit dem Mäher drüberzugehen. Friedrich Dippon nennt die Weidehaltung „ein Mosaiksteinchen einer Lösung“ gegen die Verwahrlosung der Kulturlandschaft.

Keine Leibspeise: Brennesseln und Brombeeren

Dieter Haag zeigt auf eine Stelle auf dem Stückle am Grunbacher Ortsrand (aber auf Beutelsbacher Gemarkung, wie Lokalpatriot Friedrich Dippon betont). Dort stehen seit ein paar Tagen eine Mutterkuh und drei Rinder im Teenageralter und haben die Wiese gut abgegrast. Nur an der einen Stelle stehen einige Brennnesseln. An die gehen die Kühe erst in der Not, wenn kein Gras mehr da ist, erklärt Dieter Haag. Die Nesseln und vor allem dorniges Gestrüpp wie Brombeeren muss er also zwar trotzdem noch selber beseitigen. Aber er komme viel leichter dran, wenn die Kühe schon die Vorarbeit geleistet hätten, sagt er.

Vorteil gegenüber Schafen

Mit der Zeit verschwinden die Brennnesseln dann ganz. Denn die Kühe haben gegenüber anderen Weidetieren wie Ziegen oder Schafen eine entscheidende Eigenschaft: Sie sind sehr schwer. Trampeln sie ein paar Jahre über eine Wiese, dann verändern sie den Boden. Durch die Tritte der Tiere wird er verdichtet, weniger anfällig für Erosion und unerwünschte Gewächse wie Brennnesseln, die lockere Erde brauchen, haben keine Chance mehr. Gut für die Wiesen ist außerdem, dass der Grasschnitt nicht mehr einfach dort liegen bleibt. Dadurch übersäuere der Boden nicht so, erklären Friedrich Dippon und Dieter Haag, stattdessen nähre der Kuhdung den Untergrund und es entstehe nach einigen Jahren wieder eine größere Artenvielfalt. Auf seinen Wiesen, erzählt Dieter Haag, wüchsen zum Beispiel sogar wieder Orchideen.

Die Kuh ein Klimakiller?

Das Ganze ist also ein ökologisch höchst sinnvolles Projekt. Dabei hat das Rindvieh in dieser Hinsicht ja einen ziemlich schlechten Ruf: Die Kuh macht das Klima kaputt, heißt es, weil sie so viel Methan ausstößt. Friedrich Dippon widerspricht: Das treffe höchstens auf die Tiere in der industriellen Haltung zu. Dort bekämen sie kein Gras mehr zu fressen, sondern Kraftfutter und Soja, das teilweise aus Drittländern komme. Auf der Weide wiege der positive Effekt den Methanausstoß wieder auf. „Die Kuh ist kein Klimakiller“, sagt Dippon.

Weidegras und Heu als Futter

Den konventionellen Landwirten dürfe man auch gar keinen Vorwurf für die Art der Tierhaltung machen. Sie seien Teil des Systems und müssten wirtschaftlich denken. Er und Haag müssten nicht davon leben. „Deshalb können wir es uns leisten, die Tiere nur mit Weidegras oder Heu großzuziehen“, sagt Dippon.

Sie haben einen Kreis von Helfern, der sie tatkräftig unterstützt. Die Vermarktung des Fleisches wirft so viel ab, dass sich das tierische Hobby selbst trägt (siehe „Keine Viehhaltung ohne Schlachtung“). Nicht mit Geld aufzuwiegen ist der Effekt der Entschleunigung. Zweimal am Tag müssen sie nach ihren in drei Herden auf verschiedene Standorte aufgeteilten Tieren schauen. Dippon, der Chef eines Zimmereibetriebs ist und im Weinstädter Gemeinderat sitzt, erzählt: Wenn im Betrieb der totale Stress herrsche und dann müsse er auch noch alles liegenlassen und raus, weil die Kühe frisches Wasser brauchen, dann sei das oft im ersten Moment eine lästige Pflicht. „Aber wenn ich zurückkomme, dann bin ich total entspannt. Da bist du einfach wieder geerdet.“

Milch kommt nicht aus dem Tetrapack

Auch viele Leute hätten ihre Freude und kämen immer wieder gerne, erzählt Dieter Haag. „Die sagen: Mir geht es so gut, wenn ich die Kuh wieder sehe.“ Auch kommen oft Kinder und stellen viele Fragen. So kann er Wissen vermitteln, mit dem der mit Milch in Tetrapacks aufgewachsene Remstäler sonst gar nicht mehr in Berührung kommt. Auch damit er dafür weiter Zeit hat, will Dieter Haag die Viehhaltung nicht ausbauen, obwohl die Nachfrage nach dem Fleisch das hergeben würde. Er wolle es nicht wirtschaftlich betrachten, sondern sich am positiven Effekt auf Mensch und Natur erfreuen, sagt er: „Das macht die Welt einfach besser.“

Keine Viehhaltung ohne Schlachtung

Auch das gehört zur Viehhaltung: Namen bekommen bei Dieter Haag und Friedrich Dippon nur die Mutterkühe, die ein längeres Leben haben. Alle anderen Tiere sind Rinder, also Schlachtvieh, und bleiben namenlos. „Man darf sie nicht vermenschlichen“, sagt Dieter Haag. Er führt die Tiere selbst zum Schlachter und bleibt bis zum Schluss dabei. So gewährleiste er, dass sie keine Angst und keinen Stress erleiden, sagt er.

Dieter Haag sagt ganz klar: „Wenn ich die Tiere nicht schlachten würde, könnte ich sie nicht halten.“ Denn auch wenn es ein Hobby ist und viel Idealismus mitspielt, wirtschaftlich tragen muss sich die Sache.

Fünf bis sieben Rinder kommen deswegen im Jahr in die Schlachterei der Rosensteinmetzgerei in Lautern bei Mögglingen. „Die gehen sehr gut mit den Tieren um“, sagt Haag. Einen Teil des Fleischs nehmen er und Friedrich Dippon für sich selbst. Auch die Helfer, die zum Beispiel dabei sind, wenn die Tiere von Weide zu Weide geführt werden, und die Streuobstwiesenbesitzer bekommen etwas ab. Dass die Schlachtung völlig adrenalinfrei ablaufe, merke man dem Fleisch an, das sehr zart sei, sagt Dieter Haag.