Schorndorf

Knappe Mehrheit für Umstrittene Windrad-Erleuchtung

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Die Künstlerin Gisela Meyer-Hahn hat bereits in Thüringen und Schleswig-Holstein Windparks illuminiert, so wie in diesem Beispiel könnte es bald auch abends am Goldboden aussehen. © ZVW/Danny Galm

Winterbach. Kontroverse Debatte um die von ENBW und Gemeinde Winterbach geplanten Kunstaktion: Im Gemeinderat gab es viele kritische Stimmen – und wohl auch in der Bürgerschaft. Fledermausschützer haben ebenfalls Bedenken. Fest steht: Nach dem knapp positiven Rats-Votum wird die Künstlerin Gisela Meyer-Hahn die drei Windräder am Goldboden nun für acht Wochen abends in farbiges Licht tauchen.

Bereits einen Tag vor der Abstimmung im Gemeinderat hatten ENBW und Gemeinde Winterbach die Aktion mit einer Pressemitteilung angekündigt. Bürgermeister Sven Müller ließ sich darin geradezu begeistert zitieren und sprach in der Wir-Form von großer Vorfreude über eine „unendlich attraktive Ergänzung“ des Gartenschau-Programms und meinte: „Alle sind schon ganz gespannt auf das außergewöhnliche Lichtspiel über unserer Gemeinde.“Mit der Spannung dürfte er recht haben – bei der allgemeinen Vorfreude lag er jedoch daneben, wie sich am Dienstagabend im Winterbacher Gemeinderat zeigte. Viel hat nicht gefehlt, und der Rat hätte sein Einvernehmen versagt, acht Mitglieder des Gremiums stimmten dagegen, bei einer Enthaltung und zehn Stimmen dafür, von denen eine die des Bürgermeisters war.

Das heißt nun wohl, dass die „Lichtkomposition“ der Künstlerin Gisela Meyer-Hahn ab kommendem Montag startet – das Landratsamt hat schon durchblicken lassen, dass der Genehmigung nichts Entscheidendes im Wege steht.

Was ist der Anlass der Aktion?

Anlass dafür ist die Winterbacher Gartenschau-Highlightwoche vom 1. bis zum 7. Juli. Bürgermeister Sven Müller erklärte im Gemeinderat, die ENBW sei im Vorfeld der Gartenschau eingebunden gewesen in die Prozesse der Bürgerbeteiligung. Die ENBW beteilige sich in der Highlight-Woche mit Führungen im Windpark. Man habe gemeinsam überlegt: „Was können wir als I-Tüpfelchen draufsetzen?“ Dann sei die Idee mit dem Lichtspiel aufgekommen. Künstlerin Gisela Meyer-Hahn hat solche Projekte bereits in mehreren Windparks in Norddeutschland realisiert.

Was genau soll passieren?

Mit LED-Leuchten rund um die Windräder will die Künstlerin Gisela Meyer-Hahn aus Pinneberg (Schleswig-Holstein) sie anstrahlen. Jeden Abend ab der Dämmerung, also zwischen 21 und 21.30 Uhr soll das Lichtspiel starten, digital programmiert, läuft es dann ab, die Farben wechseln und fließen in langsamen Intervallen. Gisela Meyer-Hahn will damit „eine Verbindung von Technik, Natur und unserer Wahrnehmung herstellen“.

Wie sind die Licht-Spiele zu sehen?

Über die Winterbacher Gartenschau-Highlightwoche hinaus soll die Erleuchtung der Windräder bis 25. August laufen. Acht Wochen lang also. Das war einer der Diskussionspunkte im Gemeinderat. Denn einige der Räte, die das Projekt ablehnten, hätten ihre Zustimmung gegeben, wenn es zeitlich gekürzt worden wäre. Manche dachten dabei an den Zeitraum der Highlight-Woche. Klaus Junge (CDU) und Sabine Dilger (Grüne) wollten dem Projekt „maximal zwei Wochen“ geben.

Bürgermeister Sven Müller ging darauf ein, indem er als Kompromiss zusätzlich einen Zeitraum von vier Wochen zur Abstimmung stellte. Dazu kam es jedoch nicht, weil es zuvor bereits die Mehrheit für die acht Wochen gab.

Tatsächlich hat die Künstlerin an anderer Stelle, zuletzt an Ostern in Raa-Besenbek in Schleswig-Holstein, Windräder schon kürzer, in dem Fall für vier Abende, beleuchtet.

ENBW-Pressesprecherin Dagmar Jordan erklärt gegenüber unserer Zeitung: „Wir wollten der Bevölkerung ausreichend Zeit geben, dass jeder die Möglichkeit hat, das Lichtspiel zu beobachten.“ Das Ganze sei als Beitrag zur Gartenschau gedacht, nicht nur zur Winterbacher Highlightwoche.

Zu welchen Uhrzeiten sind die Windräder erleuchtet?

Widersprüchliche Angaben gab es zunächst zur abendlichen Dauer der Lichtspiele. In der Sitzungsvorlage für den Gemeinderat war von einem Ende um 23 Uhr die Rede. Das hätte der beauftragte Gutachter in Sachen Artenschutz so vorgegeben, so die Begründung in der Vorlage: Er sehe keine Beeinträchtigung der Fledermäuse oder anderer geschützten Arten, sofern die Beleuchtung nachts nicht länger als 23 Uhr betrieben werde. In der Sitzung nannte Bauamtsleiter Rainer Blessing dann folgende Zeiträume, die das Landratsamt genehmigen wolle:

Im Juli: Montag bis Donnerstag bis 23.30 Uhr, Freitag bis Sonntag bis 24 Uhr.

Im August: Montag bis Donnerstag bis 23 Uhr, Freitag bis Sonntag bis 24 Uhr.

Blessing erklärt auf Nachfrage dazu: Die Vorlage sei „mit heißer Nadel gestrickt, erst nach Anfertigung der Vorlage, habe man die genauen Infos bekommen. Die ENBW bestätigt die Zeiten. Das seien eben die Zeiträume, in denen es dunkel sei und die Leute wach, um das Lichtspiel zu beobachten, so Pressesprecherin Dagmar Jordan.

Was sagen die Bürger dazu?

„Es gibt immer noch Leute, die sich schwertun mit den Windrädern oben im Schurwald“, sagte Helmut Nachtrieb (BWV) im Gemeinderat. „Ich würde da jetzt nicht noch mal einen Hype draufsetzen und das noch mal rausheben.“ Das sei für die allgemeine Stimmung nicht gut.

Norbert Raisch und Klaus Junge (CDU) erzählten, sie seien von Bürgern, angesprochen und angerufen worden, die sich Sorgen machen würden und gegen die Aktion seien. Ein Engelberger habe ihm mitgeteilt, dass er sich schon jetzt von den Windrädern belästigt fühle, so Junge.

Bürgermeister Sven Müller hat, wie eingangs bereits erwähnt, eine ganz andere Wahrnehmung der Stimmung. Ihm seien positive Rückmeldung zu den Windrädern zugetragen worden, berichtete er. Die Bürger, von denen er höre, seien stolz auf die Windräder, fänden sie schön und stellten fest, dass sich die Befürchtungen nicht bestätigt hätten.

Was bedeuten die Lichteffekte für die Anwohner?

Die Kritiker der Aktion im Gemeinderat dachten an die Anwohner in Engelberg, die, so drückte sich Heidemarie Vogel-Krüger (Grüne) aus, „bis 24 Uhr das anschauen müssen“. Ihre Tochter, die im Ortsteil wohne, müsse vom Balkon aus ohnehin schon immer die roten Leuchten auf den Maschinenhäusern sehen, die der Flugsicherung dienen. Vogel-Krüger fürchtet nun, dass ein angestrahltes Windrad, das sich dreht, sehr störende Lichteffekte für die Anwohner zur Folge hätte. CDU-Rat Klaus Junge dachte dabei konkret an Familien mit Kleinkindern, die früh im Bett sein müssten. „Und wenn das im Schlafzimmer durchkreist... Ich selber kann mir noch ein Weizenbier raufholen und das Lichtspiel betrachten, aber die Kinder müssen am nächsten Tag aufstehen und in die Schule.“

Nachdem Bürgermeister Sven Müller erst behauptete, die Flügel dürften sich in den Nachtstunden zum Schutz der Fledermäuse gar nicht drehen, korrigierte ihn BWV-Gemeinderat Rainer Bäßler: „Wir müssen davon ausgehen, dass die laufen, wenn sie angestrahlt werden.“ Denn die Abschaltung hängt, wie Bäßler richtig anmerkte, von Temperatur und Windgeschwindigkeit ab und greift nur bei Bedingungen, bei denen man davon ausgeht, dass auch Fledermäuse fliegen.

Das bestätigt die ENBW auf Anfrage unserer Zeitung. Allerdings betont Sprecherin Dagmar Jordan: „Es gibt keine Reflexionen. Die Flügelflächen sind nicht reflektierend.“ Auch Sonnenlicht werde davon nicht reflektiert. Ein „Discoeffekt“ sei damit ausgeschlossen. Die Künstlerin Gisela Meyer-Hahn betont, es entstehe „keine brüllende Lichtshow, sondern eine einfühlsame Bespielung“ der Windräder. Das Landratsamt sieht offenbar auch keine Probleme in dieser Hinsicht, wie bereits angedeutet wurde.

Bürgermeister Sven Müller sagte im Gemeinderat, er sehe „keine großen Belastungen für die Bürger“, der Zeitraum sei seiner Ansicht nach vertretbar.

Werbung oder Kunst?

Gefragt wurde der Gemeinderat um sein Einvernehmen zu der Aktion deswegen, weil die Baurechtsbehörde im Landratsamt in der Illumination der Windräder eine Werbeanlage sieht. Dafür ist eine Genehmigung nötig. ENBW und Gemeindeverwaltung in Winterbach betrachten die „Windkraft im Licht“ dagegen als Kunstaktion.

Auch hier war der Gemeinderat gespalten. Norbert Raisch (CDU) bekannte zwar, die Lichtspiele sähen schön aus. Er sehe das Ganze aber als Werbung für die ENBW: und: „Ich sehe nicht ein, dass ich die Firma unterstütze.“

Welche Argumente gab es für die Aktion?

Zu Wort meldeten sich im Gemeinderat vor allem die Kritiker, obwohl die meisten Räte dafür stimmten. Elke Heiland (BWV) meinte, sie habe sich das angeschaut: „Das sind ganz sanfte Lichter.“ Es sei eben Remstal-Gartenschau, „dass man da manche Sachen hinnehmen muss, ist für mich klar.

Auch Birgit Bürk (CDU) war für die Illuminierung: „Man muss auch mal was wagen.“ Klar, es könne sein, dass die Einwohner von Engelberg „mal zwei Stunden belastet sind“. Aber beim Brunnenfest würden die Anwohner auch nicht gefragt. Das Ereignis sei einmalig, „dann muss man halt mal damit leben“. Sie habe sich Videos von Lichtspielen an Windparks angeschaut: „Das sah wirklich bombastisch aus.“

Sind Fledermäuse oder andere Tiere beeinträchtigt?

Nein, sagt laut Beratungsvorlage für den Winterbacher Gemeinderat ein Gutachter, den die ENBW nach Rücksprache mit der Naturschutzbehörde im Landratsamt beauftragt hat. Nicht, wenn die Lichtspiele sich auf bestimmte Zeiten begrenzen (siehe „Zu welchen Uhrzeiten“).

In Bezug auf Fledermäuse sieht das die Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz (AGF) Baden-Württemberg ganz anders. Landesvorsitzende Ingrid Kaipf berichtet gegenüber unserer Zeitung, ihr Verband habe in einer Stellungnahme ans Landratsamt, die Beleuchtung der Windräder abgelehnt. „Es werden Lichtinseln in den Wald gesetzt, die vorher nicht da sind“, sagt sie. „Ich denke, dass wir dadurch die Jagdgebiete der Fledermäuse stören.“ Gerade die ersten Nachtstunden seien für die Tiere entscheidend, deswegen bringe die Beschränkung bis 24 Uhr nichts. „Ein Wochenende oder eine Woche wäre nicht so schlimm – aber so lange Zeit“, sagt Ingrid Kaipf. Für die Beurteilung sieht sie außerdem den Ort entscheidend: „Ich finde Beleuchtung im Wald prinzipiell schlecht für Fledermäuse.“ Wenn die Windräder auf einem Acker stünden, hätte sie wahrscheinlich keine Probleme, meint sie.


„Kunstfehler“

Ein Kommentar von ZVW-Redakteur Reinhold Manz

Die Windräder am Goldboden abends in farbiges Licht tauchen? Ja, warum eigentlich nicht? Schönheit, Sinn und Unsinn eines Kunstwerks, liegen im Auge des Betrachters, die einen werden es toll finden, die anderen sich fragen: Was soll das? An der zweiten Gruppe kann man sich nicht immer orientieren, sonst entsteht überhaupt keine Kunst.

Doch selbst, wenn die Aktion am Ende überwiegend gut aufgenommen wird und viele sich an dem abendlich Licht-Schauspiel erfreuen, haftet dem Ganzen doch ein Makel an. Auch der Bau der Windräder war umstritten. Doch er fand im Gemeinderat eine breite Mehrheit. Nun ist der Rat in der Frage der Licht-Aktion komplett gespalten.

Die ENBW, aber auch Bürgermeister Müller haben die Tragweite des Projekts unterschätzt: Die Leute, die immer gegen die Windräder waren und die, die sich daran stören, sich aber damit arrangiert haben, werden nun erneut verärgert sein. Und dann noch das: Schon bevor der Gemeinderat beraten und abgestimmt hat, verkündeten ENBW und Gemeindeverwaltung in einer Pressemitteilung die kommende Erleuchtung des Windparks Goldboden. Wenn der Bürgermeister dabei feststellt, dass die Vorfreude bei allen groß sei, liegt er daneben, siehe die Debatte im Gemeinderat. Sven Müller kann persönlich Windräder und Lichtspiele gut finden und er darf selbstverständlich um eine Mehrheit dafür werben. Aber schon vor der öffentlichen Debatte zu verkünden, dass alle dahinter stehen – das ist kein guter Stil.

Bei der Beratung über den Bau des Windparks Goldboden hat die Verwaltung Gemeinderäte und Öffentlichkeit tiefschürfend und anschaulich aufgeklärt. Nun gab es kaum fundierte Informationen, Fragen der Gemeinderäte wurden vage und mit Vermutungen – die sich teilweise als falsch herausstellten – beantwortet. So schafft man keine breite Mehrheit für ein Vorhaben, das zwar mit acht Wochen Dauer im gegenüber dem Bau eines auf 20 Jahre Laufzeit ausgelegten Windparks vergleichsweise nichtig scheint, das aber ein emotional hohes Spaltpotenzial in sich trägt.
Das Projekt, das die Winterbacher „Wahrzeichen“, wie Bürgermeister Müller die Windräder nennt, positiv in Szene setzen soll, bekommt so einen unguten Dreh und läuft Gefahr, mehr kaputtzumachen als es Gutes schafft.