Schorndorf

Koffer von Künstlerin Ina Krämer aufgetaucht

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Sie sind fasziniert von dem späten Fund: Museumsleiterin Dr. Andrea Bergler, Museums-Volontärin Adelheid Dörling und Künstlerin Renate Busse (von links) beim Stöbern in Ina Krämers altem Pappkoffer. © Ramona Adolf

Schorndorf. Erst gab es nur eine Mappe mit Zeichnungen und Aquarellen. Dann folgte im Oktober auf eine kleine Ausstellung im Stuttgarter Gustav-Sigle-Haus die viel beachtete Sonderausstellung im Stadtmuseum. Und jetzt ist, kurz bevor die Ina-Krämer-Schau am Ostermontag zu Ende geht, ein alter Koffer aufgetaucht, den die Schorndorfer Künstlerin höchstwahrscheinlich selbst gepackt hat, mit frühen Bildern, Reiseskizzen und einem seltenen Selbstporträt.

Der abgeschabte, braune Pappkoffer ist eine echte Schatzkiste. Und wäre er nicht erst jetzt überraschend auf einem Schorndorfer Dachboden aufgetaucht, die Sonderausstellung, die Ende Oktober im Stadtmuseum eröffnet wurde, hätte noch vielfältiger sein können. An der Aussage, versichert Museumsleiterin Dr. Andrea Bergler, hätte sich zwar nichts geändert. Doch vor allem die frühen Arbeiten der Schorndorfer Künstlerin und ihre Plastiken hätten besser dokumentiert werden können. „Vieles hat sich bestätigt“, sagt die Museumsleiterin, „es erschließen sich Lücken.“

Reisen und Malen – für Ina Krämer von Beginn an wichtig

Was der Koffer, den Ina Krämer höchstwahrscheinlich selbst gepackt hat, ebenfalls offenbart: Reisen und Malen gehörten für sie früh zusammen, und nicht erst seit ihren Ägypten-Aufenthalten in den 1930er und 1950er Jahren, von denen ein ganzer Stapel von Auftragsporträts erhalten ist. Von einer Reise, die sie im Mai 1921 von Regensburg über Linz nach Salzburg geführt haben muss, sind frühe Federzeichnungen erhalten sowie etliche Porträts aus Klagenfurt und vom Wörthersee. Aus den 1950er Jahren gibt es Aquarelle aus Capri, Venedig, Sizilien und Griechenland, die zusammen mit Plastiken im März 1951 in einer Ausstellung im Schorndorfer Gemeinschaftshaus zu sehen waren. Auf den Passepartouts stehen noch die Preise: Zwischen 30 bis 80 D-Mark hat Ina Krämer für ihre Werke verlangt. Im Koffer waren außerdem Fotografien ihrer Skulpturen zu finden, mit denen sie als junge Kunststudentin 1925 in der Jubiläumsausstellung des Künstlerbundes Stuttgart vertreten war. Ebenfalls für die Nachwelt bewahrt: Zeitungs- und Illustriertenausschnitte über die ägyptische Frauenbewegung. Ein Interesse, das schon Ina Krämers Terrakotta-Kopf der ägyptischen Feministin Huda Shaarawi offenbart hat, der in der Sonderausstellung zu sehen ist.

Das wirke, sagt Museumsleiter Dr. Bergler mit Blick auf die Materialfülle im Koffer, wie eine Mappe, in der sie aus allen Lebensphasen etwas aufgehoben hat. Von einem „Biografie-Koffer“ spricht auch die Schorndorfer Künstlerin Renate Busse, die Ina Krämer vor 15 Jahren wiederentdeckt hat und deren Engagement es überhaupt erst zu verdanken ist, dass Ina Krämer nicht in der Versenkung verschwunden ist, sondern zuletzt mit einer großen Sonderausstellung im Stadtmuseum gewürdigt wurde. Dass die Künstlerin den Koffer selbst gepackt hat, steht für Renate Busse außer Frage: Dass das Gepäckstück mit rot-weiß-gestreiftem Blumenpapier ausgelegt ist, das den Aufdruck eines Gärtners im Semiramis-Hotel Kairo trägt, „ist der Beweis“.

Fasziniert ist Renate Busse aber vor allem von dem Querschnitt, den der Kofferinhalt vom künstlerischen Schaffen Ina Krämers bietet: von frühen Federzeichnungen über Aquarelle bis zu späteren Werken, die Ina Krämer wichtig genug waren, sie ein Leben lang aufzubewahren. „Das ist spannend“, sagt Busse und ist vor allem begeistert von den Tierzeichnungen, die sich im Koffer gefunden haben: „Fantastische Löwen“, samt aufgeklebtem Löwenhaar, Tiger, Affen aus dem Zirkus Krone und der Wilhelma. In einem kleinen schwarzen Heft sind Zeichnungen von Kaulquappen – mit fröhlichen Gesichtern – und ausdruckstarke Fische erhalten. Etwas ganz Besonderes freilich ist auch die Rötel-Zeichnung, bei der es sich höchstwahrscheinlich um ein Selbstporträt Ina Krämers handelt. Renate Busse legt sich fest: „Das ist ein typischer Selbstbildnisblick, so forschend würde kein Modell blicken.“

Und wird der Kofferinhalt in der Sonderausstellung, die am Ostermontag letztmals zu sehen ist, auch keine Rolle mehr spielen: In einem für die Heimatblätter geplanten Artikel werden die Fundstücke gewürdigt. Überhaupt ist Museum-Volontärin Adelheid Dörling, die sich in Ina Krämers Leben und Wirken vertieft hat, sich sicher: „Das ist noch einiges an Arbeit.“

„Krämermühle, Kunst und Kairo“

Die Sonderausstellung „Krämermühle, Kunst und Kairo“ ist noch bis einschließlich Ostermontag, 28. März, im Stadtmuseum zu sehen. Allerdings ohne die Werke, die sich im Koffer befunden haben. Die neuen Erkenntnisse sollen aber in einen für Herbst geplanten Beitrag für die Schorndorfer Heimatblätter einfließen.

Außerdem geplant ist – wegen der großen Nachfrage bei der Premiere Anfang März – eine Wiederholung der Führung durch die Hahn’sche Mühle, und zwar am Samstag, 16. April, 15 Uhr. Eine Anmeldung ist erforderlich unter 0 71 81/6 02-11 32 oder per E-Mail an stadtmuseum@schorndorf.de.

Die nächste Sonderausstellung im Stadtmuseum wird am Sonntag, 24. April, eröffnet. Thema: „Fachwerk allerorten“. Öffnungszeiten des Stadtmuseums: dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, samstags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr sowie sonn- und feiertags (ausgenommen Karfreitag) von 10 bis 17 Uhr.