Schorndorf

"Letzte Generation": Klimaaktivisten kommen in die Schorndorfer Manufaktur

Klima-Aktivist
Moritz Riedacher ist Sprecher der Stuttgarter Gruppe der „Letzten Generation“, die aus ihrer Sicht verhindern kann, dass die Erde für Menschen unbewohnbar wird. © ALEXANDRA PALMIZI

Er hat sich bei „Fridays for Future“ engagiert, hat mehrere globale Schulstreiks mitorganisiert und doch irgendwann festgestellt: Das genügt einfach nicht, um ernst genommen zu werden. Den Schalter, mehr zu tun, als Aktivist der „Letzten Generation“ auch an Straßenblockaden teilzunehmen und den Auftritt von Bundeskanzler Olaf Scholz beim Katholikentag in Stuttgart zu stören, hat sich für ihn beim Christopher-Street-Day umgelegt: Damals lief direkt hinter ihm, erzählt Moritz Riedacher, Aktionstrainer und Sprecher der Stuttgarter Gruppe, CDU-Politiker Dr. Stefan Kaufmann. Und der wollte sich unbedingt mit den jungen Klimaaktivisten fotografieren lassen. „Der war“, das störte den 26-Jährigen sofort, „nur an schönen Bildern interessiert“. Doch Klimaschutz ist für Riedacher eben nicht nur eine Freizeitbeschäftigung, er sieht darin „eine Menschheitsaufgabe“.

Und genau das ist aus Sicht der „Letzten Generation“ in den Köpfen der Bevölkerung, aber vor allem von Politikerinnen und Politikern offenbar noch nicht angekommen – trotz der 1,4 Millionen Menschen, die „Fridays for Future“ allein beim bundesweiten Streik am 20. September 2019 auf die Straße gebracht hat. Und dabei drängt die Zeit: „Wir haben noch drei bis fünf Jahre, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse umsetzen zu können“, sagt Riedacher. Um der Dringlichkeit – und ihrer Zukunftsangst – Nachdruck zu verleihen, kleben sich Vertreter der „Letzten Generation“ im Berufsverkehr auf die Fahrbahn stark frequentierter Straßen, in Museen an die Rahmen berühmter Bilder, versuchen sich, bei Bundesligaspielen mit Kabelbindern an Torpfosten zu ketten, und kündigen nicht nur, aber vor allem für Berlin, einen heißen Herbst an.

Die Rede des Bundeskanzlers beim Katholikentag gestört: Platzverweis

Bei Straßenblockaden war auch Moritz Riedacher schon dabei – auch wenn er seine Hände nicht mit Sekundenkleber auf dem Asphalt fixiert hat, sondern sich ohne Widerstand wegtragen ließ. Zwei Strafbefehle wegen Nötigung hat er dennoch kassiert – und dagegen Widerspruch eingelegt. Und er war es, der Ende Mai versucht hat, sich beim Katholischen Kirchentag während der Rede des Bundeskanzlers in der Liederhalle an der Bühne festzukleben. Weil er von Sicherheitsleuten rechtzeitig überwältigt werden konnte, die Aktion also schiefging, bekam er nur einen Platzverweis.

Wie weit er bereit ist, für seine Überzeugungen zu gehen, und was er riskiert, davon zeigen sich zumindest seine Eltern schon beeindruckt: Schon als Jugendlicher störte ihn, wenn auch kurze Wege mit dem Auto zurückgelegt wurden. Auch seine Kritik, dass viel zu viele tierische Lebensmittel auf den Tisch kommen, hat in seinem direkten Umfeld etwas bewirkt: „Es ist schon weniger geworden“, sagt Moritz Riedacher und freut sich, dass er zumindest innerhalb seiner Familie ernst genommen wird.

Unbequem und unignorierbar, das möchte der 26-jährige Journalismus-Student sein. Dass sich mit Aktionen etwas bewirken lässt, das hat er erstmals selbst gespürt, als er, gemeinsam mit anderen, Lebensmittel aus Supermarkt-Containern gerettet, an Bedürftige verteilt und sich dann im Nachgang bei der Polizei angezeigt hat. Damit wollte die Gruppe verdeutlichen, „wie absurd das ist“, dass allein im deutschen Handel jedes Jahr fast eine Million Tonnen Lebensmittel im Müll landen.

Mit zivilem Widerstand kann sich was ändern 

Dass sich mit zivilem Widerstand etwas ändern lässt, das zeigt für Moritz Riedacher ein Blick in die Geschichte: Im Kampf fürs Frauenwahlrecht haben auch die Suffragetten in Großbritannien das Parlament gestört, sich an Geländer gekettet und sind in Hungerstreik getreten. Strafbefehle und Gerichtsverfahren sind auch die Vertreter der „Letzten Generation“ bereit, für ihre Ziele in Kauf zu nehmen: So schulen sich die Aktivisten nicht nur für ihre Einsätze, sondern ganz bewusst auch für die Verfahren, die sie als Bühne nutzen wollen: „Die Gerichte sollen vor die Frage gestellt werden, ob sie den Notstand anerkennen, den wir haben.“

Den Klimaschützern, sagt Moritz Riedacher, geht es um die Sache. Sie wollen der Feueralarm sein, den niemand hören möchte, ein Stoppzeichen setzen und die Menschen zwingen, sich mit der drohenden Klimakatastrophe auseinanderzusetzen. 500 Mitglieder hat die „Letzte Generation“ in Deutschland, die Stuttgarter Gruppe zählt 25 Aktive. Und sie agieren nicht allein: Mit sieben weiteren Bewegungen sind sie in ganz Europa vernetzt. Regelmäßig tauschen sie sich über mögliche Aktionsformen aus. „Das Gemälde-Ankleben“, sagt Riedacher, „haben die Deutschen erfunden.“

Friedlicher Protest – Sachbeschädigung gehört nicht zum Plan

Doch wann ist Schluss? Bis zu welcher Eskalationsstufe ist der Protest vertretbar? Andere mögen die Grenze für sich woanders ziehen, doch Riedacher sagt ganz deutlich: „Wenn es sich radikalisieren sollte, werde ich nicht dabei sein.“ Die Aktionen sollen aus seiner Sicht auch in Zukunft friedlich bleiben, Sachbeschädigungen gehören nicht zum Plan. Auch ein Hungerstreik, wie ihn Aktivisten im Bundestagswahlkampf 2021 gewagt haben, um von Wahlsieger Olaf Scholz eine Zusage für ein öffentliches Gespräch über den Klimanotstand zu erzwingen, käme für ihn nicht infrage: „Ich würde nicht meine Gesundheit gefährden, das ist ein zu weitreichender Schritt.“ Doch er lebt konsequent vor, was er fordert. Ein Auto hat der 26-Jährige nicht, ja nicht mal einen Führerschein. Er ernährt sich vegan, legt wenig Wert auf neue Klamotten, ist auch im Ausland mit Bus und Bahn unterwegs und verzichtet auf Fernreisen.

Sollte die Bundesregierung die „Letzte Generation“ endlich ernst nehmen, sich gesprächsbereit zeigen und zum Beispiel die Ölbohrungen in der Nordsee beenden, den Abbau der Braunkohle stoppen, einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr einführen und ein Tempolimit auf Autobahnen, wären die Aktivisten tatsächlich bereit, ihre Blockaden aufzugeben. „Wir sehen die Regierung nicht als Gegner, sondern wollen sie auf den richtigen Weg bringen“, sagt Moritz Riedacher und kann in dieser Entweder-oder-Haltung keine Erpressung erkennen. Im Gegenteil: „Das ist ein Hinweis auf einen Notstand und keine utopische Forderung.“

Er hat sich bei „Fridays for Future“ engagiert, hat mehrere globale Schulstreiks mitorganisiert und doch irgendwann festgestellt: Das genügt einfach nicht, um ernst genommen zu werden. Den Schalter, mehr zu tun, als Aktivist der „Letzten Generation“ auch an Straßenblockaden teilzunehmen und den Auftritt von Bundeskanzler Olaf Scholz beim Katholikentag in Stuttgart zu stören, hat sich für ihn beim Christopher-Street-Day umgelegt: Damals lief direkt hinter ihm, erzählt Moritz Riedacher,

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