Schorndorf

Lustig ist das Landleben – als Gast

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Heinz Rapp (r., mit kariertem Hemd) erklärt das Prinzip der Mutterkuhhaltung. © Steinemann
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Sonja Beutel (Mitte, mit Zopf) erklärt den Gästen, wie die Pensionspferde bei Beutels versorgt werden. © Steinemann
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Wo auf diesem Bild unsere Leser stehen, stehen normalerweise die Rinder. Annette Beutel (r.) steigt dann in den Melkstand (links im Bild) hinunter und setzt die Milchzapfmaschine an die Euter an. © Steinemann
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Streicheleinheiten fürs Rindvieh von einer Leserin. © Steinemann

Schorndorf-Schornbach. Gefegter Vorplatz, entspannter Hofhund, ein sanftes Sommerlüftchen. Herzlich willkommen heißt die Familie Beutel die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Sommertour. Und die erfahren an diesem Tag richtig viel, da geht’s über das bloße Kuhmaulstreicheln hinaus.

Video: Sommertour auf den Biohof Beutel

Immerhin, es ist eine echte interdisziplinäre Wissenschaft, die die Landwirte heutzutage betreiben. Wer zertifizierter Biolandbetrieb sein will, muss schließlich sein eigenes Futter herstellen. Und das ist alles andere als einfach. Beispielsweise darf das Futtergetreide erst geerntet werden, wenn es ausreichend getrocknet ist. Lediglich 14,5 Prozent Feuchtigkeit dürfen noch im Korn stecken, wenn es ins Silo geleitet wird. Nur so können die Landwirte sichergehen, dass sich kein Schimmel entwickelt, der im schlimmsten Fall die komplette Futterernte vernichten könnte. Da sich die Natur aber nicht um Richtlinien schert, war’s dieses Jahr ein wahres Pokerspiel, wann das Getreide nun geerntet werden sollte, berichtet Hermann Beutel den Besuchern auf seinem Hof. „Letztes Jahr hätte man blind dreschen können“, erinnert er sich.

Getreideernte wandert auch durch Kuhmägen

Insgesamt 120 Hektar auf zwölf Gemarkungen bewirtschaftet die Familie zur Herstellung von Futter und Dinkel. Letzterer wird an die Erzeugergemeinschaft Schrozberg verkauft. Dinkel sei nicht nur leicht anzubauen, sondern auch gefragt. Ganz im Gegenteil zu Roggen. „Der Rest der Getreideernte wandert durch den Kuhmagen.“ Und so ein Wiederkäuer verpackt ganz schön viel Getreide am Tag. Dazu kommt noch frisch geschnittenes Kleegras. In Bergen. Außerdem ernten Beutels noch rund 1000 Ballen Stroh und Heu pro Jahr. Mais bauen sie keinen mehr an, der wurde zuletzt nur von Raben und Wildschweinen geerntet.

Zwischen 80 und 90 Rindviecher leben auf dem Hof der Beutels. Rund 40 von ihnen geben Milch, werden morgens und abends gemolken. Meist von Annette Beutel. Schon morgens gegen 6 Uhr steigt sie in den Melkstand hinunter. Sie öffnet die Schleusen für die Tiere, die sich freiwillig auf die Melkstationen begeben. Schließlich ist das Euter nach der Nacht recht prall, sie wollen ihre Milch dringend losbekommen. „Dann schalt' ich das Radio ein und werd’ mal langsam wach“, berichtet sie.

Fliegengrill für entspanntere Kühe

Zuerst müssen die Zitzen am Euter gereinigt werden. Das tut Annette Beutel mit einem eingeübten Handschwung. Dann kommen die Pumpen ans Rind. Rhythmisch saugen diese die Milch aus dem Euter. Umgehend wird sie in einen großen Tank geleitet und auf 3,5 Grad heruntergekühlt. Entspannt stehen die Kühe da, kauen vor sich hin. An kleinen Sichtfenstern kann Annette Beutel feststellen, ob noch Milch fließt. Wenn die Fliegen nerven, wird gezappelt. Um die zu bremsen, hängt ein blau leuchtender Fliegengrill überm Melkstand. Der hält die meisten der nervenden Insekten fern. Sind die ersten drei Kuhdamen fertig mit dem Milchgeben, geht eine Schranke auf und sie können sich wieder dem süßen Nichtstun hingeben.

Milchgeben ist echte Höchstleistung

Nichtstun? Das sieht Hermann Beutel ganz anders. Milch zu produzieren – das ist für die Tiere Höchstleistung. Rund sieben Stunden wird gefressen, weitere sieben Stunden wiedergekäut. Immerhin rund 25 Liter gibt die Beutel’sche Durchschnittskuh am Tag. An rund 305 Tagen im Jahr wird gemolken. Nur vor dem Kalben wird jede Kuh trockengestellt. „Das ist Urlaub fürs Euter“, erklärt Annette Beutel. Je nach der individuellen Milchleistung bekommen die Tiere ihr Kraftfutter zugeteilt. Das gibt’s an einem Futterautomaten im Inneren des Stalls. Ein Chip, der am Halsband der Tiere baumelt, sagt dem Futtercomputer, wie viele Körner in den Fressnapf purzeln dürfen. Aber nicht nur die Mahlzeiten sind ordentlich kontrolliert. Auch die Milch wird regelmäßig getestet. Elfmal im Jahr werden Proben ans Veterinäramt geschickt. Das ist wichtig, damit mögliche Belastungen rechtzeitig erkannt werden. Fällt eine Kuh als Dauerkandidat auf, „dann muss sie auch mal Auto fahren“, umschreibt Annette Beutel die Reise zum Schlachter.

Kühlwagen holt am Abend die Milch ab

Alle zwei Tage kommt der Kühlwagen der Firma Zott. Sie holt die Milch gegen 21.30 Uhr ab. Aus ihr stellt die Firma Mozzarella und Hartkäse her. Für mehr Bioprodukte gibt’s nicht genug Zulieferer. Wer seine Milch frisch holen möchte, darf das tun. Neben dem Kuhstall steht ein Tank mit der rohen Milch. Am Zapfhahn dürfen Milchdurstige selbst aktiv werden. Wichtig ist: Die Flasche muss selbst mitgebracht werden, der Durchmesser ihres Halses muss größer als zweieinhalb Zentimeter sein, damit der Zapfhahn hineinpasst. Ist das nicht der Fall, gibt’s eine riesige Panscherei.

Ihren Milchkuhnachwuchs ziehen Beutels selbst. Schließlich gibt’s nur Milch, wenn es auch Kälbchen gibt. Kommen männliche Kälber auf die Welt, laufen sie bis zu 18 Monate als Ochsen mit, bis sie dann verkauft werden. Die Kälbchen sind nur zwei Tage bei der Mutter, bekommen aber immerhin drei Monate lang sechs Liter Milch am Tag, frisch gemolken und leicht erwärmt. Der weibliche Kuhnachwuchs wird besamt, sobald er ausgewachsen ist. Hat’s gefruchtet, bekommen sie einen Namen. Nach der Geburt des ersten Kälbchens gehen die Kühe in die Milchproduktion über.

Roß und Reiter sorger für Trubel

Annette und Hermann Beutels Tochter Sonja packt überall auf dem Hof mit an, wo sie nur kann. Zusammen mit den Eltern hat sie längst eine GbR gegründet. „Sie schafft wie ein Brunnenputzer“, lobt ihre Mutter. Und auch der Sohn packt mit an, so oft es sein Physikstudium erlaubt. Hofnachfolgerin Sonja Beutel ist für die Besitzer der Pensionspferde Hauptansprechpartnerin. Sie erarbeitet mit ihnen zusammen Ernährungspläne für die eingestellten 30 Pferde, verteilt das Futter, bringt die Tiere auf die Koppel und kümmert sich auch sonst um vieles. Allerdings: Misten muss hier jeder selbst. Natürlich springt die Schornbacherin auch mal ein, wenn’s Engpässe gibt. „Aber unsere Reiter wollen eigentlich auch selbst misten.“ Schließlich sind die meisten ohnehin täglich beim Pferd, das bewegt und geputzt werden will. „Durch die Pferdeleute ist immer Trubel auf dem Hof“, berichtet sie aus dem Alltag. Das mag die junge Frau gerne. Möchte sie sich zu Hause zurückziehen, ist’s auch kein Problem, immerhin ist der Kuhstall zwischen den Pferdeboxen und dem Wohnhaus.

Zu Besuch bei den Nachbarn

Vieles läuft bei den Nachbarn der Beutels, den Rapps, ähnlich. Sie müssen zur gleichen Zeit Futtergetreide ernten, Wiesen mähen und säen. Da man sich gut versteht, tauscht man untereinander nicht nur die Maschinen aus. Auch mit ihrer Arbeitskraft helfen sie sich gegenseitig. Und so kann es geschehen, wie zuletzt, dass beide Familien 26 Stunden mit dem Silieren von Gras beschäftigt sind.

Bei Rapps wird keine Milch gemolken, hier trinken die Jungtiere am Euter der Kuh. Schließlich geht’s im Laufstall um die Fleischerzeugung.

Nachdem Ende 2014 ein neuer Laufstall mit ordentlich Frischluft gebaut worden ist, sind inzwischen rund 30 Mutterkühe samt Nachzucht eingezogen. Weitere Kälber kommen ständig auf die Welt.

Anfang vergangener Woche passierte das mittels eines Kaiserschnitts. Auf diese Weise konnten Mutterkuh und Kälbchen gerettet werden. Letztes war zu groß für das Becken der erstgebärenden Kuh gewesen.

Irgendwann allerdings naht für jedes Tier der Tag X. Die Rinder kommen nach einem artgerechten Leben zum Schlachter.

Das zerlegte und teils verarbeitete Fleisch gibt’s dann im hofeigenen Laden zu kaufen. Der ist freitags von 15 bis 19 Uhr und samstags von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Hier gibt es auch Brot von der Bäckerei Weber, die wiederum von Rapps mit Getreide versorgt wird. Äpfel und Saft gibt’s vom Sonnenberghof in Rohrbronn. Aber auch sonst gibt es alles, was es im Obst- und Gemüsesortiment braucht, dazu Trockenware wie Mehl oder Hülsenfrüchte. Die Kartoffeln kommen vom eigenen Acker. Auch Milchprodukte, Eier und Nudeln gibt’s. Dazu Naturkosmetik und fair gehandelte Bioprodukte vom Eine-Welt-Laden.