Schorndorf

Mähen – ein umstrittenes Geschäft

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Hoch auf dem orangenen Wagen sitzt Niki Aupperle im klimatisierten Führerhaus. Gut so, bei der Koordination der Mähgeräte ist Konzentration gefragt. © Steinemann/ZVW
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Serie Sommerjobs; Niki Aupperle von den Schorndorfer Zentralen Diensten maeht oeffentliche Graeben und Wegraender frei. © ZVW
Schorndorf.
Alfred Schmidt befindet sich in einer Zwickmühle. Lässt der Bereichsleiter Stadtgrün der Zentralen Dienste die Bankette und Gräben rund um die Stadt mit Akribie mähen, sind Falter sowie Raupen und mit ihnen die Naturschützer betrübt. Lässt er aber für schutzsuchende Tiere ausreichend Rückzugsraum stehen, wirft ihm so mancher Bürger Faulheit vor.

„Wir versuchen, einen Einklang zwischen Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und den Belangen der Natur zu finden“, erklärt Alfred Schmidt. Dass dabei jede Partei im besten Falle zufrieden und selten richtig glücklich wird, ist klar. Sind Kompromisse schließlich selten für alle die beste Lösung. Zweimal im Jahr rücken die Mitarbeiter der Zentralen Dienste aus, um zu mähen. Die wichtigsten Strecken sehen auch dreimal jährlich einen Mäher. Der erste Schnitt findet zwischen Mai und Juni statt. Entlang aller Feldwege und Straßen, das sind in etwa 29 Kilometer, müssen die Bankette gemäht werden und die nach innen zeigenden Seiten der Wassergräben. Das ist aus zwei Gründen wichtig.

Wird nicht gemäht, kann das Wasser nicht ablaufen

Zum einen geht’s um die Sicherheit. Damit Wegkreuzungen überschaubar bleiben, darf das Gras nicht zu hoch wachsen. An Fahrwegen muss bis 50 Zentimeter neben der Fahrbahn bis zu einer Höhe von 2,50 Metern alles gestutzt werden. An großen Straßen gilt das sogar bis zu einer Höhe von 4,5 Metern. Die Mäherei ist aber auch wichtig, um die Wege instand zu halten. Kommt ein größerer Regenguss und ist am Straßenrand nicht ausreichend gemäht, kann das Wasser nicht abfließen. Das führt auf geraden Abschnitten zu Pfützen. Auf unbefestigten Wegen an Gefällen können aber bis zu 40 Zentimeter tiefe Rillen ausgespült werden. Zuletzt mussten in einem solchen Fall rund 1,5 Kilometer Schotterweg mitten im Wald neu erstellt werden.

Die Flächen ab der Mitte des Wassergrabens dürfen stehenbleiben, „damit auch etwas blüht und die Tiere Schutz finden können“, erklärt Schmidt. Welche Tiere hier gemeint sind? Eidechsen, Weinbergschnecken und Heuhüpfer. Die fänden, so der Fachmann, auf den Wiesen der meisten Stücklesbesitzer selten Unterschlupf, da jene mit scharfer Klinge alles so kurz mähten, „dass sich nicht ein Blümchen oder Käferlein in der Wiese verstecken könnte.“ Und so erwartet die Naturschutzbehörde von der Stadt, dass diese für ausreichend Rückzugsraum sorgt. Weil beispielsweise in Haubersbronn schon ein roter Feuerfalter entdeckt worden ist, bleibt hier vorrangig der wilde Ampfer stehen. Am Rande der Röhrachsiedlung bleiben stets etliche Disteln stehen, weil sich in diesen Pflanzen der Distelfalter vermehrt. Und die Brennnesseln braucht der kleine Fuchs zum Überwintern. Die Raupen dieser Schmetterlingsart haben sich ganz und gar auf die von vielen Menschen ungeliebte Pflanze spezialisiert, führt Schmidt aus.

Beim zweiten Schnitt des Jahres, der im Herbst erfolgt, werden möglichst alle Flächen abgemäht, auch auf der äußeren Seite des Straßengrabens. Nur so kann gewährleistet werden, dass die städtischen Flächen nicht völlig verbuschen - mit Brombeeren, Schlehen und Hartriegel oder Zwetschgen. Lediglich einige Stängel bleiben beim zweiten Schnitt noch stehen, damit so mancher Käfer darin den Winter überstehen kann.

Allerdings passe der Naturschutz nicht so recht mit dem Sauberkeitsgefühl einiger Schorndorferinnen und Schorndorfer zusammen, berichtet Alfred Schmidt. Da wird den Mitarbeitern, 27 sind’s an der Zahl, tatsächlich Faulheit oder Lustlosigkeit vorgeworfen. Das stimme natürlich keinesfalls. Das Gegenteil sei wahr: Die Mitarbeiter seien im Sommer so schwer beschäftigt, dass Prioritäten gesetzt werden müssen. Zuerst werden die am stärksten befahrenen Wege gemäht, schließlich sei die Sicherheit immer vorrangig.

Die Folge der starken Arbeitsbelastung sei auch, dass so mancher Kreisverkehr in diesem Jahr nicht gerade als bunte Lichtgestalt daherkommt. Speziell der Schillerkreisel und der Reinhold-Maier-Kreisel sind davon betroffen. Da hatte man eine neue vermeintlich pflegearme Blumenwiesen-Mischung ausprobiert. Die ging zwar im Frühjahr schön an, aber gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die Wurzeln tief genug schienen, um aus dem Boden selbst ausreichend Wasser zu ziehen, setzte eine enorme Trockenperiode ein. Das Ergebnis ist noch immer zu sehen. Braun und trist vertrocknet kommen die Kreisel daher. Und jetzt mitten im Hochsommer fehlen schlicht die Mitarbeiter, um die misslungene Bepflanzung abzuschneiden. Schließlich müssen die ganzen Bankette gemäht werden und die noch kräftigen Blumen gegossen werden. Im nächsten Jahr bleibt diese Samenmischung jedenfalls in der Tüte. So viel ist schon klar. Und dann heißt es: neues Spiel, neues Glück. Am Ende sei es schließlich immer eine Überraschung, wie die Bepflanzungen sich im Laufe des Jahres entwickelten.

Lob tut gut

Immerhin: Manchmal gibt’s auch Lob. Das freut die Mitarbeiter ungemein. „Dann weiß man, dass die ganzen Mühen auch gesehen werden.“ Am meisten Lob gibt’s, verrät Schmidt, aus Weiler.
„Den letzten Brief, den wir bekommen haben, haben wir am Schwarzen Brett aufgehängt, damit alle was davon haben.“