Schorndorf

Maßarbeit fürs lässige Fahrgefühl

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Jan Thiemanns Sonntagsschlitten darf, wenn er nicht zwischen Bücherregalen parkt, auch mal das Wohnzimmer schmücken. © Ramona Adolf
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Gestatten: Alfonse. Nach dem Entwurf seines Sohnes hat Jan Thiemann das Gangster-Rad gebaut. Und obwohl ohne Elektromotor, fährt sich der verlängerte Cruiser mit Ballonreifen „super“, schwärmt der Fahrradbauer. © Ramona Adolf
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Das „Daily“ ist ein echtes Alltagsfahrrad: Mit Elektromotor angetrieben, fährt es prima in der Stadt, verfügt aber auch über gute Steigfähigkeit. Mit seiner Länge von 1,90 Metern passt das Rad außerdem genau in den S-Bahn-Aufzug. Das Schlechtwetterrad ist aus zwei alten Herrenrad-Rahmen zusammengebaut. © Ramona Adolf

Schorndorf-Weiler. Jan Thiemann ist fahrradverrückt. Im Grunde schraubt er an Zweirädern, seitdem er sich auf dem Sattel halten kann. Erst hat er sich auf Allerweltsräder konzentriert. Seitdem er mit seiner Restesammlung nichts anderes anzufangen wusste, als ein langgestrecktes, rotes Fahrrad zusammenzubasteln, hat der 48-Jährige eine neue Lieblingskombination: Nach Maß gebaute Cruiser mit E-Motor dürfen auch gerne in seinem Wohnzimmer in Weiler stehen.

Das Auto haben Jan Thiemann und seine Frau Ute Friesen schon lange abgeschafft. Sie fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln – und mit den Fahrrädern. Und davon kann das Ehepaar gar nicht genug haben. Nach Vorbild US-amerikanischer Beachcruiser stehen ihre lang gestreckten Bequemräder im Schuppen ihres alten Häuschens in Weiler, im Keller, ja sogar in den Wohnräumen. Die coolen Gefährte sind zwischen Bücherregalen geparkt und hängen, wie Thiemanns rotes Einsteigermodell, im Wohnzimmer an der Wand und sind auf die Namen Treckerle, Alfonse, Daily oder Sonntagsschlitten getauft. „Ich habe ein Rad für jede Stimmung“, sagt Thiemann, dessen tiefergelegte Gefährte stark an Zeiten erinnern, als Radeln am Strand untrennbar mit dem entspannten Lebensgefühl der 60er und 70er Jahre verbunden war. Thiemanns Custom-Cruiser, mit denen der gelernte Möbelschreiner sogar ein paar Jahre lang versucht hat, Geld zu verdienen, sind aber fast alle elektromotorisiert. Und damit nicht nur optisch äußerst lässig, sondern auch sehr angenehm zu fahren.

Gestreckte Cruiser für die langen Beine

Und darum ging es dem Fahrradliebhaber ursprünglich auch: Obwohl mit seinen 1,86 Metern Körpergröße nicht unbedingt ein Riese, hatte er doch immer Schwierigkeiten, ein passendes Fahrrad zu finden. Seitdem er auf gestreckte Cruiser umgestiegen ist, bringt er auch seine langen Beine unter. Und für seine Ehefrau hat er mit der knallorangen „Frau Antje“ auch gleich ein Problem gelöst: „Es gibt keine Damenräder für Frauen ab 1,80“, sagt Ute Friesen und ist froh, dass es mit ihrem Mann jemanden gibt, der für sie am Fahrrad schraubt. Und Wünsche erfüllt: Obwohl ein Kettenschutz für Cruiser-Liebhaber wie Jan Thiemann „eigentlich ein No-Go ist“, hat das Fahrrad einen – mit Blümchenverzierung.

„Wir sind überhaupt nicht hightech“, sagt Thiemann und verweist, um das zu unterstreichen, auf allerhand Schmuckstücke aus der Gebrauchtradelkiste: alte Boschlampen, Dingdong-Glocken, Leder-Gepäcktaschen und der Akku für den Elektromotor in Tankoptik. Den auf Maß gebauten Custom-Cruiser, der auch gerne im Wohnzimmer stehen darf, bezeichnet der Fahrradbauer nicht umsonst als seinen Sonntagsschlitten – mit Holztank im Jacht-Design und einer vorne verbauten NSU-Quickly-Motorradgabel aus den 50ern. Dazu: ein geschwungener Moonlenker, ein dynamobetriebener Trommelscheinwerfer aus den 20er Jahren und ein holländischer Ledersattel für den Sitzkomfort. Elektromotorisiert sind fast alle: Schließlich sind die Cruiser mit einem Gewicht von 30 Kilogramm aufwärts auch schwerer als die meisten Allerweltsräder.

Das Fahrrad-Schmuckstück für die Wohnzimmerwand

Mit dem Cruiser-Virus infiziert ist Jan Thiemann seit acht Jahren. Immer schon fahrradbegeistert, hatte sich irgendwann in seinem Keller so viel Fahrradschrott von Freunden und Bekannten angesammelt, dass er nichts anderes damit anzufangen wusste, als ein eigenes Fahrrad zu bauen. Als er im Internet die ersten Bilder von gestretchten Cruisern gesehen hat, stand für ihn fest: „Das bau’ ich.“ Zwei Jahre Arbeit hat er in die Maßarbeit investiert. Heute hängt das rote Schmuckstück an prominenter Stelle – in Augenhöhe – an der Wohnzimmerwand.

Doch Jan Thiemann hat nicht nur ein Fahrrad für jede Stimmungslage, er kann übers Radfahren auch ganze Bücher schreiben: Gemeinsam mit seiner Frau Ute Friesen, die sich als Kindersachbuchautorin einen Namen gemacht hat, verfasste er schon drei Reiseführer mit dem Titel „Schräge Heimat“, für die das Ehepaar als Kuriositäten-Forscher mehrere Tausend Kilometer durch Bayern, Baden-Württemberg und Hessen geradelt ist. Ihr neuestes Projekt soll zur Buchmesse im Herbst erscheinen – und widmet sich dem Bergabradeln. Mit sieben Touren rund um Stuttgart sind die beiden am Buchprojekt „Radeln ohne Anstiege“ beteiligt. Und das ist zwischen Rems, Murr, Schurwald und Welzheimer Wald überall dort möglich, wo öffentliche Verkehrsmittel Radfahrer samt Gefährt auf die Anhöhe bringen – zum Runterradeln.

Autorenteam und Kuriositätenforscher

Da sich vom Schreiben so wenig leben lässt wie vom Fahrradschrauben, verdient Ute Friesen ihr Geld als Lehrerin. Tatsächlich hat sie aber schon stapelweise Kindersachbücher geschrieben: Lexika, Atlanten und Experimentierbücher sowie das im Frühjahr 2015 erschienene „Mein Baden-Württemberg-Buch“. Mit ihrem Mann Jan Thiemann hat sie drei Bände der Kuriositäten-Reiseführer „Schräge Heimat“ verfasst sowie die „Entdeckungsreisen Pfalz“.

Vom Unterrichten lebt mittlerweile auch Jan Thiemann: Der gelernte Möbelschreiner, der von 2012 bis Ende 2015 eine eigene Fahrrad-Manufaktur betrieben hat, arbeitet als Werklehrer in der von ihm und seiner Frau gegründeten Julius-Euting-Schule für Flüchtlinge in Weinstadt. Zweimal die Woche ist er in der Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge aktiv.

Weitere Infos zum Autorenteam unter www.wort-klauberei.de.