Schorndorf

Martin-Luther-Haus in Schorndorf: Vor Baubeginn Streit über den Prunkbau

Martin Luther Haus 1930
Frisch eingeweiht: Auf dem Foto vom 31. Dezember 1930 gibt es statt Parkplätzen vor dem Martin-Luther-Haus noch zwei Vorgärten. © Schaukal

Das Martin-Luther-Haus ist ein wichtiger Veranstaltungsort für die evangelische Kirchengemeinde: Zweimal im Jahr kommt hier die Synode des evangelischen Kirchenbezirks zusammen, in normalen Jahren finden trubelige Kinderbibeltage statt, unzählige Chorproben, es gibt Mittagessensangebote für Bedürftige, Frühstückstreffen und vieles mehr. Beim Blättern durch alte Zeitungen hat Erhard Schaukal, der sich für die Schorndorfer Vergangenheit interessiert und eine beeindruckende Sammlung alter Postkarten hat, jetzt zufällig entdeckt, dass das Martin-Luther-Haus vor 90 Jahren, am 21. Dezember 1930, eingeweiht wurde.

Im Mai 1930 wurde anstelle eines abbruchreifen Hauses, das jahrhundertelang Verwaltungsgebäude war, mit dem Neubau des evangelischen Gemeindehauses begonnen. Entworfen hat das neue Gemeindehaus das Architekturbüro Klatte und Weigle aus Stuttgart, die Bauleitung hatte Dipl.-Ing. J.C. Rösler und die Verantwortung lag bei Dekan Götz.

Kirchengemeinde: Nicht aktiv genug oder zu modern?

Doch vor dem Bau war ein Streit entbrannt, ob es überhaupt zweckmäßig sei, in der Notzeit einen derartigen Prunkbau zu errichten: Auf der einen Seite machte man der evangelischen Kirchengemeinde den Vorwurf, sie sei nicht aktiv genug und verstehe nicht, die Zeit zu nutzen – und wenn sie versuche, modern zu denken, komme auch wieder Kritik. Doch die Kirchengemeinde ließ sich von den Zwistigkeiten nicht beirren und trieb das Projekt voran.

Um den Neubau finanziell zu unterstützen, fand vom 9. bis 11. November 1928 ein großer Basar in der Künkelinhalle statt. Die Halle war mit Tannengrün, Bäumen und Kranzgirlanden geschmückt. Verkaufsstände gab es unten wie auch oben auf der Galerie. In seiner Eröffnungsrede sprach Dekan Götz von einem Gefühl lebhafter Freude, mit dem man vor einem wohlgelungenen Werk zugunsten des Gemeindehauses stehe.

Am 20. Dezember 1929 hatte der Kirchengemeinderat den einstimmigen Baubeschluss gefasst. Im Mai 1930 wurde mit den ersten Arbeiten begonnen und am 30. Juli bereits fand das Richtfest statt. Nach nur sieben Monaten Bauzeit konnte an einem strahlend schönen Wintersonntag, am 21. Dezember 1930, das neue evangelische Gemeindehaus feierlich eingeweiht werden. Die Kirchenglocken riefen zum Gottesdienst, danach sammelten sich die Festteilnehmer auf dem Kirchplatz zum feierlichen Zug zum neuen Gemeindehaus. Es sang der Kirchenchor. Architekt Weigle eröffnete die Reihe der Festredner und gab seiner Freude Ausdruck, heute das Haus seiner Bestimmung übergeben zu dürfen. Er bedankte sich bei Dipl. lng. Rösler und Baumeister Sellmer für die gute Zusammenarbeit. Dann übergab er Dekan Gölz den Türschlüssel. Nach Öffnung der Pforte strömten die Gäste in den schönen, lichten, großen Saal. Anschließend trat Kirchenpräsident Wurm ans Rednerpult. Er sagte, dass man gerade im schönen Remstal, wo sich ein Werk der Nächstenliebe an das andere reihe, im Sinne der Väter gehandelt und dieses Haus erstellt habe.

Der für den Bau verantwortliche Dekan Gölz bezeichnete das neue Gemeindehaus als „Zierde für die Stadt Schorndorf“, als „Pflegestätte evangelischen Glaubens und der Nächstenliebe“. Das Haus werde mit seinen Saalmöglichkeiten auch anderen als nur kirchlichen Zwecken dienen. Mit dem Neubau wollte man dem darniederliegenden, örtlichen Baugewerbe und damit auch dem ganzen Wirtschaftsleben in der Stadt fühlbaren Auftrieb gehen, auch weil mancher Erwerbslose hier sein Brot verdienen könne.

Nun folgte Bürgermeister Raible. Auch der Gemeinderat nehme regen Anteil und beglückwünsche die Kirchengemeinde. Nachmittags fanden Führungen unter der Leitung von Architekt Rösler und Baumeister Sellmer im Gemeindehaus statt.

Das Gemeindehaus hat im Wechsel der Zeiten viel erlebt. In den 1930er Jahren mit ihren bewegten politischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen ging es darum, ob die deutsch-christliche Gruppe ihre Veranstaltungen im Martin-Luther-Haus durchführen kann. Ab dem Jahr 1944 war das Gemeindehaus beschlagnahmt als Filialkrankenhaus für Patienten aus den Krankenhäusern in Stuttgart.

In den Jahren 1974 bis 1976 wurde das Martin-Luther-Haus grundlegend renoviert. Architekt Kleinknecht hat dem Haus seine neue schöne Form gegeben. Von 1939 bis 1984 wohnte der bekannte Mesner und Hausmeister Karl Bärtele in der Wohnung im Gemeindehaus. Nach dem Krieg dienten die zwei kleineren Räume als Klassenzimmer.

Das Martin-Luther-Haus ist ein wichtiger Veranstaltungsort für die evangelische Kirchengemeinde: Zweimal im Jahr kommt hier die Synode des evangelischen Kirchenbezirks zusammen, in normalen Jahren finden trubelige Kinderbibeltage statt, unzählige Chorproben, es gibt Mittagessensangebote für Bedürftige, Frühstückstreffen und vieles mehr. Beim Blättern durch alte Zeitungen hat Erhard Schaukal, der sich für die Schorndorfer Vergangenheit interessiert und eine beeindruckende Sammlung alter

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