Schorndorf

Matthias Kleinert: “Wir müssen das einfach schaffen“

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Matthias Kleinert, Jahrgang 1938, Ex-Sprecher von Ministerpräsident Lothar Späth, referiert über das Thema "Auf der Flucht in eine ungewisse Zukunft". Es geht um die aktuelle Flüchtlingsproblematik und Kleinerts eigene Fluchterfahrungen. Die Veranstaltung ist der Auftakt zu einer neuen Erwachsenenbildungsreihe des CVJM Schnait und der Evangelischen Kirchengemeinde Schnait. © Habermann / ZVW

Weinstadt-Schnait. Eine neue Vortragsreihe der evangelischen Kirchengemeinde soll Menschen und Themen ansprechen, die „Mitten im Leben“ stehen. Den Anfang machte der ehemalige Staatssekretär Matthias Kleinert. Der 78-Jährige sprach über seine eigene Fluchtgeschichte und die Notwendigkeit der Solidarität.

Video: Matthias Kleinert, ehemaliger Staatssekretär von Baden-Württemberg, in Schnait.

„Es bricht mir das Herz, wenn ich Bilder von Kindern auf der Flucht sehe“, sagt Matthias Kleinert, der ehemalige Staatssekretär von Baden-Württemberg und Regierungssprecher unter Lothar Späth. Er sei erschrocken, mit welcher Gleichgültigkeit die Dinge heute oft gesehen würden. Natürlich sei es nicht einfach und natürlich sei zu überlegen, wie wir all diese Menschen hier integrieren könnten. Doch bei Worten wie „Flüchtlingsquote“ drehe sich ihm der Magen um. „Das sind Menschen, die Hilfe brauchen“, ruft er. „Ist christliche Nächstenliebe nicht mehr en vogue? Reicht es aus, nur auf Merkel zu schimpfen? Oder müssten wir nicht vielleicht doch alle hier aufnehmen“, fragt er die Besucher, die ins evangelische Gemeindehaus in Schnait gekommen sind, um seinem Vortrag zu lauschen.

Flucht ist immer eine Katastrophe

Kleinert hat am eigenen Leib erfahren, welche Katastrophe es für eine Familie ist, wenn sie ihre Heimat verlassen muss. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, brachte seine Mutter ihn zur Großmutter nach Schlesien. Die Mutter selbst blieb in Berlin. Schließlich erreichte der Krieg auch die Heimat der Großmutter. „Noch heute höre ich das Trommelfeuer der Russen. Ich träume davon, manchmal wache ich nachts auf“, berichtet Kleinert. Mit den letzten deutschen Panzern floh die Familie aus Schlesien nach Österreich und weiter nach Bietigheim. Kleinert war damals sechs Jahre alt. „Ich habe Furchtbares gesehen“, erinnert er sich.

Im letzten Moment gerettet

Einmal sind er und seine Familie nur knapp mit dem Leben davongekommen: Ihr Versteck im österreichischen Amstetten war an die Russen verraten worden. „Sie hatten uns bereits an die Wand gestellt. Und egal, wie alt du bist, auch als Kind weißt du schon, wenn du sterben musst“, sagt Kleinert. Im letzten Moment hat ein deutscher Soldat sie damals gerettet. Sehr viel später habe dieser Deutsche ihm einen Brief geschrieben: „An den Herrn Staatssekretär: Wenn du der ,kleine Matthias’ bist“, erinnert er sich gerührt.

Kein Wort Schwäbisch

Eine Schlüsselszene seiner Ankunft in Baden-Württemberg hat sich besonders ins Gedächtnis des heute 78-Jährigen gebrannt: „Als ich eingeschult wurde, verstand ich kein Wort Schwäbisch.“ Bibbernd habe er in der Ecke gestanden – heute würde man wohl von traumatisiert sprechen – da sei der Rektor der Schule ins Klassenzimmer gekommen. Der habe die Situation sogleich richtig erkannt, ihm übers Haar gestrichen und gesagt: „Biable, aus dir mache mer au ebbes.“ Zum ersten Mal seit langer Zeit habe er sich da geborgen gefühlt. „Aber der Rektor wollte mir damit auch sagen, dass ich selbst etwas dazutun muss“, ist Kleinert überzeugt.

Fordern aber auch etwas geben

Und genau das wünsche er sich auch in der heutigen Situation: „Natürlich müssen wir von den Flüchtlingen etwas fordern, Deutsch lernen zum Beispiel.“ Aber dann müssten wir auch bereit sein, etwas zu geben. Schließlich seien wir nicht alleine auf der Welt. „Die Lücke zwischen Arm und Reich wird immer größer und wir sind dafür mitverantwortlich“, betont Kleinert. Es sei Zeit, unsere Rolle in der Globalisierung anzuerkennen und die Konsequenzen zu tragen. „Wir können das schaffen, wir müssen es einfach“, sagt er. Es sei ja bereits einmal gelungen.

Weitere Termine

Der nächste Termin der Vortragsreihe „Mitten im Leben“ steht schon fest: Unter dem Titel „Telefonseelsorge – Anonym. Kompetent. Rund um die Uhr“ wird ein Mitarbeiter der Telefonseelsorge Stuttgart am Montag, 28. November, im evangelischen Gemeindehaus Schnait referieren. Los geht’s um 19.30 Uhr mit Fingerfood, der Vortrag beginnt um 20 Uhr.

Am Mittwoch, 1. Februar, geht es dann um die Frage „Evangelisch – katholisch, was trennt uns noch?“.