Schorndorf

Nach 30 Jahren Abschied vom Spittlerstift: Warum Michaela Salenbauch auch froh ist, die Verantwortung abgeben zu können

Coronatest
Die Menschen im Spittlerstift werden Michaela Salenbauch im Ruhestand fehlen. © Gabriel Habermann

28 mit dem Corona-Virus infizierte Bewohnerinnen und Bewohner, drei Senioren, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, eine schwerst Pflegebedürftige ist im Zusammenhang mit dem Virus gestorben und neun Pflegekräfte sind positiv getestet. Ihre letzten Tage im Spittlerstift hatte sich Hausdirektorin Michaela Salenbauch anders vorgestellt. Im Pflegeheim, das bisher fast heil durch die Corona-Pandemie gekommen ist und seit Mitte November nicht nur für das Mitarbeiter-Team, sondern sogar für Besucher Antigen-Schnelltests anbieten konnte, hat sich die Lage zugespitzt. Für Besucher sind die Türen seit vergangener Woche geschlossen. Warum es sie dieses Mal getroffen hat?

„Wir wissen es nicht“, sagt Michaela Salenbauch und macht keinen Hehl daraus, dass sie erschöpft ist. Vielleicht, sagt die 65-Jährige, liegt’s am Alter. Bestimmt hat dieses anstrengende Corona-Jahr Spuren hinterlassen. Und so gerne sie immer gearbeitet hat, sie freut sich, wenn sie die Verantwortung an ihre Nachfolgerin abgeben kann. Claudia Oberländer hat als angehende Hausdirektorin bereits im Oktober mit einem einjährigen Traineeprogramm im Spittlerstift begonnen. Nach ihrer Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin hat sie Pflegemanagement studiert und bereits bei anderen Trägern Erfahrung in der Hausleitung gesammelt.

Von der Pflegehelferin zur Hausdirektorin

Die Menschen loszulassen, das wird Michaela Salenbauch schwerfallen – nach 30 Jahren im Spittlerstift. Nachdem sie Anfang der 1970er Jahre eine Krankenschwester-Ausbildung in Ellwangen beenden musste, weil sie schwanger war, hat sie am 1. Oktober 1990 als Pflegehelferin im Spittlerstift angefangen und dann, ihre drei Kinder waren gerade sieben, neun und zwölf Jahre alt, eine dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Von da an ging’s Stufe um Stufe voran – auch, weil ihr Mann ihr immer den Rücken freigehalten hat: Von 1995 bis 2004 war sie Wohnbereichsleitung, dann Pflegedienstleitung und von 2007 an Hausdirektorin.

Dass die Pflegebedürftigen gut im Spittlerstift ankommen, das war ihr immer ein Anliegen, den Kontakt zu den Menschen zu halten, wichtig. Sie kennt alle Bewohnerinnen und Bewohner und fast alle Angehörigen. Und mögen sich in der Altenpflege aus ihrer Sicht in den vergangenen Jahren auch die Rahmenbedingungen verbessert haben, es mehr technische Hilfsmittel und seit Mitte der 1990er Jahren auch die Pflegeversicherung geben, dass die Pflegekräfte gerade in der jetzigen Situation „Enormes leisten“ müssen und unter Spannung sind, das sieht sie mit Sorge.

Dabei gehört für sie zur Wertschätzung nicht nur, dass Tariflöhne bezahlt werden und Pflegekräfte einen Corona-Bonus bekommen, sondern auch ein entsprechender Umgang und das Signal: „Ich bin da“. Darum ist sie froh über positive Rückmeldungen, die ihr bescheinigen, dass es im Spittlerstift, das mit 120 Bewohnerinnen und Bewohnern das größte Pflegeheim in Schorndorf ist, „ein gutes Miteinander“ und eine familiäre Atmosphäre gibt.

Appell, sich an die Regeln zu halten

Die Begegnungen und die Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen, das war für Michaela Salenbauch in der Pflege immer das Beglückendste. Sie wollte die Menschen „als Ganzes sehen“ und auch wissen: Was war der Mensch davor? Bis heute berührt sie die Begegnung mit einer bettlägerigen Frau – 15 Jahre ist das bestimmt schon her – die von ihr wissen wollte: Wie geht es Ihnen?

Im Moment ist sie ratlos: „Man weiß nicht, wie es weitergehen wird.“ Das Corona-Virus breitet sich trotz aller Sicherheitsmaßnahmen aus. Die Intensivstationen stoßen an ihre Grenzen, das Virus mutiert, auch Jüngere habe schwere Verläufe. Und wenn sie dann hört, dass Covid-19 mit der Grippe verglichen wird, kann sie nur den Kopf schütteln. Sie appelliert dringend, sich an die Regeln zu halten. Auch, weil sie sieht, wie belastend die Quarantäne ist, wie die Angehörigen leiden und was die Situation den Pflegekräften abverlangt: Die persönlichen Kontakte stark eingeschränkt, außer der Arbeit bleibt nicht viel – und stets schwingt die Angst mit: Wann trifft es mich? Und: Wie schlägt das Virus zu?

Mehr Bewegung und Ruhe im Ruhestand

Und so hat auch die 65-Jährige bisher keine Pläne für den Ruhestand gemacht. In erster Linie, sagt Michaela Salenbauch, möchte sie jetzt nach sich schauen, sich mehr bewegen, zur Ruhe kommen. Vielleicht wird sie sich im Sommer, gemeinsam mit ihrem Mann, in Deutschland auf den Jakobsweg machen. Sie kann sich vorstellen, sich auch irgendwann ehrenamtlich zu engagieren, auch um etwas zurückzugeben. „Ich bin“, sagt Salenbauch, „ein zufriedener Mensch“. Sie ist dankbar für ihr Leben, für drei gesunde Kinder und vier Enkelkinder. Weihnachten wird sie im kleinen Kreis feiern – in Etappen, so wie sie sich jetzt im Spittlerstift verabschiedet hat. Coronabedingt musste die Evangelische Heimstiftung den für 9. Dezember geplanten Festakt zum Direktionswechsel absagen.

Doch in Schorndorf wird man Michaela Salenbauch auch weiterhin begegnen, auf dem Wochenmarkt oder einfach auf der Straße. Die Verbindung zur Stadt war ihr, seitdem sie 1985 mit ihrem Mann hergezogen ist, immer wichtig: Sie war im Kirchengemeinderat der katholischen Heilig-Geist-Gemeinde engagiert, rückte 2015 für CDU-Rat Martin Kleinschmidt in den Gemeinderat nach und blieb bis zur Kommunalwahl im Mai 2019. Und sie hat sich für die Belange der Pflegeheimbewohner eingesetzt: Als der Motorradlärm auf der Straße nach Schlichten unerträglich wurde, hat sie Unterschriften gesammelt, eine Demonstration organisiert und wertet’s heute als großen Erfolg, dass jetzt auf Höhe des Pflegeheims Tempo 50 gilt und die Polizei deutlich mehr Präsenz zeigt.

28 mit dem Corona-Virus infizierte Bewohnerinnen und Bewohner, drei Senioren, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, eine schwerst Pflegebedürftige ist im Zusammenhang mit dem Virus gestorben und neun Pflegekräfte sind positiv getestet. Ihre letzten Tage im Spittlerstift hatte sich Hausdirektorin Michaela Salenbauch anders vorgestellt. Im Pflegeheim, das bisher fast heil durch die Corona-Pandemie gekommen ist und seit Mitte November nicht nur für das Mitarbeiter-Team, sondern sogar für

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