Schorndorf

Nach der Flucht aus Syrien: Mitten in Schorndorf angekommen

AlweisSyrien
Sie fühlen sich sehr wohl in Schorndorf: Weiso Alweis mit Jouri Albaksmawi und Tochter Taj. © Gaby Schneider

Er hat immer wieder zur richtigen Zeit die richtigen Menschen kennengelernt, hat, wie er selbst es ausdrückt, aber auch stets den ersten Schritt gemacht – und dabei ein enormes Tempo vorgelegt: Vor sieben Jahren kam Weiso Alweis nach Schorndorf, zwei Jahre zuvor war er aus Syrien geflohen und nach einer Zwischenstation in Ägypten zunächst in der Türkei gelandet. Mittlerweile will er nicht mehr weg aus Schorndorf und von all den Menschen, die das Heimweh für ihn erträglich machen.

„Ich bin fast ein Schorndorfer“, sagt der 35-Jährige und genießt die vielen Kontakte, die er sich zur Kunstszene und im Figurentheater Phoenix aufgebaut hat – aber natürlich auch das große Glück, dass Jouri Albaksmawi endlich nach Deutschland kommen konnte. Am Oberen Marktplatz haben die beiden eine schöne Wohnung gefunden. Ende September kam die gemeinsame Tochter Taj zur Welt – und auch wenn alles leicht und unbeschwert klingt und eine echte Erfolgsgeschichte ist, Fluchterfahrung und Neubeginn haben für die beiden auch unendlich viele schwierige Situationen, Rückschläge und nicht zuletzt auch die Trennung von der Familie mit sich gebracht.

Beim Innenarchitektur-Studium in Kairo kennengelernt

Schon allein, bis Jouri endlich zu ihm nach Deutschland kommen konnte: „Es war so, so schwierig.“ Beim Innenarchitektur-Studium in Kairo haben die beiden sich 2013 kennengelernt. Dort hatten sie ein gutes Leben, Weiso fand Anschluss an die Theaterszene. Doch als er eines Tages urplötzlich von zwei Männern mit einem Messer angegriffen und ausgeraubt wurde, ging er auf Anraten seiner Familie in die Türkei. Dort wurde die Situation, als mit Fortschreiten des Bürgerkrieges mehr und mehr Syrer folgten, immer schwieriger. Also floh er mit seinem Bruder weiter nach Deutschland, landete Ende 2014 in einem engen Zimmer im Asylbewerberheim in der Wiesenstraße – und hatte großes Glück: Im Sommer 2015 konnte er beim Aufbau der Kunststraße mithelfen, bei der 60 Künstler aus vier Ländern die Schaufenster der Stadt mit Werken zum Thema „Mare Nostrum – das Mittelmeer“ bestückten.

Mittlerweile ist er Mitglied im Schorndorfer Kunstverein und hat über das Lebenswelten-Projekt auch Anschluss ans Figurentheater Phoenix gefunden. Nebenbei – „wie ein Kind“ – hat er Deutsch gelernt und dann nicht nur in Schillers „Räuber“ mitgespielt, sondern ist zuletzt auch in Shakespeares „Sturm“ in die Rolle des berühmten Dramatikers geschlüpft.

Sechs Jahre lang führten Weiso und Jouri eine Online-Beziehung. Als alle Versuche gescheitert waren, für sie ein Visum zu bekommen, entschied auch sie sich für den gefährlichen Weg. Als sie dann vor zwei Jahren endlich in Schorndorf ankam, wurde sie mit offenen Armen empfangen – und konnte es kaum fassen, wie viele Menschen auf sie gewartet haben. „Ich habe so viel erzählt“, erinnert sich Weiso.

Als Künstler träumen sie von einer eigenen kleinen Galerie

Erst wollte sie mit ihm lieber nach Stuttgart ziehen, mittlerweile fühlt auch sie sich wohl im kleinen Schorndorf. Sie hat einen Deutschkurs belegt und den Integrationskurs mit einer Prüfung abgeschlossen. Für das Theaterstück zu Shakespeares „Sturm“ hat sie an den Bühnenbildern gearbeitet und ein Stop-Motion-Video für das Intro gemacht. Und natürlich, irgendwann möchte sie als Innenarchitektin arbeiten.

Die Wohnung, die sie mit Hilfe der SPD-Stadträtin Heidi Rapp und ihrer Tochter Ute am Oberen Marktplatz finden konnten, haben die beiden modern eingerichtet und dafür auch günstige Ikea-Möbel mit viel Geschick umgearbeitet. Als Künstler träumen die beiden von einer eigenen kleinen Galerie. Ausgestellt hat Weiso in Schorndorf bereits: Früh war er bei der Kunstnacht dabei, hatte 2016 im Café de Ville eine Ausstellung mit orientalischen Ornamenten auf europäischen Käseschachteln. In der Laden-Galerie „Feuer & Flamme“ wird er bald mit arabischer Kalligrafie zu sehen sein.

Kunst und Innenarchitektur hat er schon an der Universität Aleppo studiert. Doch bevor er seinen Master machen konnte, fielen die Bomben. In Kairo konnte er sein Studium zwar beenden, anerkannt wurde sein Abschluss in Deutschland aber nicht. 2017 fand er trotzdem einen Nebenjob in einem Möbelhaus in Ludwigsburg. Mit 32 Jahren hat er sich dann entschieden, noch einmal zu studieren – Industrial Design an der Kunstakademie Stuttgart. 2018 hat er einen der insgesamt acht Plätze ergattert. Jetzt ist er im siebten Semester, will sein Studium bald beenden, endlich arbeiten und Geld verdienen.

Den Namen mit der Einbürgerung ganz offiziell geändert

Seit 2020 ist er auch eingebürgert – sechs Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland. Dass er die deutsche Staatsbürgerschaft hat, sagt Weiso, „ist gut für Taj“. Bald wollen er und Jouri heiraten. Und mit der Einbürgerung konnte er auch endlich seinen Namen ganz offiziell ändern: Als Mohamad Alweis kam er nach Deutschland, Weiso wurde er, da Mohamad im Arabischen ein äußerst häufiger Name ist, aber schon als Kind genannt. „Jeder kennt mich als Weiso“, sagt der 35-Jährige und hat darum die 40 Euro für die Namensänderung investiert – nachdem die Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden mit einem Gutachten ihr Okay gegeben hat.

Er hat immer wieder zur richtigen Zeit die richtigen Menschen kennengelernt, hat, wie er selbst es ausdrückt, aber auch stets den ersten Schritt gemacht – und dabei ein enormes Tempo vorgelegt: Vor sieben Jahren kam Weiso Alweis nach Schorndorf, zwei Jahre zuvor war er aus Syrien geflohen und nach einer Zwischenstation in Ägypten zunächst in der Türkei gelandet. Mittlerweile will er nicht mehr weg aus Schorndorf und von all den Menschen, die das Heimweh für ihn erträglich machen.

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