Schorndorf

Neues Kooperationsprojekt von Riani und Zauberfaden

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Riani-Geschäftsführerin Monika Buckenmaier und Sükriye Döker, Initiatorin der Zauberfadenwerkstatt, freuen sich über die neue Kooperation. In der Nähwerkstatt werden nun auch Kissen für die Home-Kollektion des Schorndorfer Model-Labels entworfen. © Nicole Amolsch / Stadt Schorndor

Schorndorf. Riani und Zauberfaden – diese Kooperation ist inzwischen eine echte Erfolgsgeschichte. Nachdem die Schorndorfer Nähwerkstatt zuletzt kleine Handtäschchen als Werbegeschenke für die Fashion Week in Berlin produziert hatte, fertigen die 13 Zauberschneider nun Kissen für die neue „Home-Kollektion“ des Modeunternehmens. Im Sommer sollen sie in die Vermarktung gehen.

Video: Kissen für den Frühling, ein neues Kooperationsprojekt der Modefirma Riani mit der Flüchtlingsnähwerkstatt Zauberfaden Schorndorf.

Tweed aus Paris, feine Webwaren aus Italien – was an Mantelstoffen bei der Produktion hochwertiger Kleidungsstücke übrig bleibt, gibt die Firma Riani an die Zauberfadenwerkstatt weiter. „Wenn wir beispielsweise 7000 Meter Tweed haben, bleiben nach der Produktion vielleicht 200 Meter übrig.“ Die bekommen dann die Zauberfädler und nähen daraus Clutches (Neudeutsch für kleine Handtaschen) oder Kissen. Letztere werden bald im Rahmen der neuen „Home-Kollektion“ vermarktet. Im Schorndorf Riani-Store sind sie schon zu finden.

Genaue Anleitungen: Keine Naht dem Zufall überlassen

Damit die Kissen auch zur Hauptkollektion und den Ansprüchen des Labels passen, wird keine Naht dem Zufall überlassen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Nähwerkstatt, in der vorwiegend Flüchtlinge auf das Erwerbsleben in Deutschland vorbereitet werden, bekommen genaue Anleitungen an die Hand, wann sie welche Naht setzen sollen oder wann gebügelt werden muss.

Schneidermeisterin Schweissgut sorgt für Qualität

Verantwortlich dafür ist Schneidermeisterin Corinna Schweissgut von Riani. Sie denkt sich nicht nur die Schnitte aus, testet sie im Schorndorfer Musteratelier und erstellt genaue Anleitungen. Sie ist auch diejenige, die ihr Wissen an die Zauberfädler in der Werkstatt weitergibt. So sorgt sie dafür, dass die Qualität der Zauberfaden-Produkte auch den Anforderungen von Riani entspricht.

„Wir wollen eine voll umfängliche Integration bieten“

Das Beste daran – der Zauberfaden funktioniert ganz nach dem Geschmack des Unternehmens, so dass es sich nun schon längst um Folgeaufträge handelt. Martina Buckenmaier, Geschäftsführerin bei Riani, erklärt das Engagement des Modeunternehmens: Man wolle das Projekt Zauberfaden dabei unterstützen, Flüchtlingen einen geregelten Arbeitstag zu ermöglichen, und Teil der Willkommenskultur sein. Und in der Werkstatt an der Gmünder Straße lernen die „Schneiderlein“, wie Initiatorin Sükriye Döker ihre Schützlinge gerne nennt, mehr als nur das Einfädeln der Maschine und das Steppen von Nähten. „Wir wollen eine voll umfängliche Integration bieten“, berichtet sie.

Regeln des Arbeitslebens lernen 

Die Regeln des Arbeitslebens in Deutschland müssen die Geflüchteten schließlich erst einmal kennenlernen. Pünktlichkeit und Genauigkeit gehören ebenso dazu wie bestimmte Umgangsregeln. Außerdem lernen die Näherinnen und Näher die deutsche Sprache. Dies mit Hilfe von Sprachkursen und den vielen Gesprächseinheiten, die sich beim alltäglichen Miteinander ergeben.

Langfristiges Ziel: Teilnehmer in Arbeitsmarkt vermitteln

Das langfristige Ziel ist definiert: Die Teilnehmer sollen in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden – allerdings denke man dabei in Zeiträumen von zwei bis fünf Jahren, führt Dr. Matthias Römer, der sich bei den Zauberfädlern engagiert, aus. Bei immerhin zwei Schützlingen ist das bereits gelungen. Sie leben ein ganz normales Leben in Deutschland, sind in Lohn und Brot, kommen für ihren Lebensunterhalt längst selbst auf.

50 Ehrenamtliche betreuen Näherinnen und Familien

Für solche Erfolgsgeschichten ackern die mehr als 50 Ehrenamtlichen rund um die Nähwerkstatt. Immerhin betreuen sie nicht nur die 13 Näherinnen, sondern auch die dazugehörigen Familien. Auf diese Art und Weise sind es rund 40 Menschen, die die Zauberfädler unter ihre Fittiche nehmen. „Insgesamt nimmt das Drumherum viel mehr Zeit ein als das Nähen“, weiß Döker. Sie hofft, dass sie bald einen harten Kern von Nähern versicherungspflichtig beschäftigen können. Die könnten dann womöglich andere Flüchtlinge durch den Vorbereitungsprozess für den ersten Arbeitsmarkt begleiten.

Jedes fertige Kisse: Fünf Euro in die Werkstattkassen

Die Näherinnen und Näher erhalten für ihre Arbeit 1,05 Euro pro Stunde. Mehr kann nicht gezahlt werden, handelt es sich beim Zauberfaden doch um eine gemeinnützige Organisation. Dennoch sind die Kosten für Riani bei der Produktion der Home-Kollektion erheblich höher als ein Euro pro Stunde. Für jedes gefertigte Kissen werden fünf Euro in die Werkstattkassen gespült. Das macht einen durchschnittlichen Stundenlohn von etwa 35 Euro aus.

Mit Einnahmen werden Deutsch- und Nähkurse finanziert

Nicht zu vergleichen mit den Stundenlöhnen, die das Unternehmen sonst im Ausland zahlt. Diese Einnahmen fließen in die laufenden Kosten der Nähwerkstatt, die Materialbeschaffung oder kommen den Flüchtlingen zugute. So werden Deutsch- und Nähkurse finanziert, die den Flüchtlingen den Einstieg in eine stabile und sichere Zukunft erleichtern sollen.

Werkstatt braucht mehr Spenden

Trotz steigender Auftragstendenz und des guten Verkaufs der eigenen Taschen-Kollektion braucht die Werkstatt noch immer Spenden. Etwa die Hälfte der nötigen Einnahmen besteht derzeit aus finanziellen Zuwendungen von Firmen, Privatpersonen und Vereinen. Martina Buckenmaier möchte auch anderen Unternehmern Mut machen, Werbegeschenke oder Ähnliches in der Zauberfadenwerkstatt produzieren zu lassen. Und schon etliche sind ihrem Beispiel gefolgt.

So hat beispielsweise ein Schorndorfer Unternehmen zuletzt Umhängetaschen in der Nähwerkstatt an der Gmünder Straße fertigen lassen. Auch Schürzen zu Werbezwecken und als Bekleidung für Bedienungen in einem neuen Café der Stadt wurden schon hergestellt. Immerhin ist’s ein Bekenntnis zum Standort Schorndorf und gleichzeitig eine gute Tat.

Gemeinsame Visionen

Weil man auf der Suche nach Materialspenden war, kam der erste Kontakt zu Riani zustande. Die kleinen Stoffreste, die Mütter und Omas aus ihren heimischen Nähzimmern lieferten, brachten die Zauberfädler in ihren Anfangszeiten nämlich nicht so recht weiter.

Aber die hochwertigen und großen Stoffreste von Riani verhalfen zusammen mit den alten Getreidesäcken aus der Hahn’schen Mühle der Nähwerkstatt zum ersten Durchbruch. Die inzwischen stadtbekannten Matchsäcke und Umhängetaschen entstanden.

Und Martina Buckenmaier und ihr Mann wollten aber weiterhelfen. „Nur Stoff spenden reicht nicht, die Werkstatt braucht Projekte.“ Seither arbeitet man zusammen. Und Ideen für weitere Produkte gibt es schon zuhauf.