Schorndorf

Pistolen auf dem Autodach liegenlassen

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Wenn einer seinen Kaffeebecher oder seinen Geldbeutel auf dem Autodach stehen- oder liegenlässt, ist das ärgerlich. Wenn das einem Waffenbesitzer mit zwei halbautomatischen Pistolen passiert, dann bringt ihm das einen Strafbefehl ein oder er landet, wenn er dem Strafbefehl widerspricht, vor Gericht – wegen fahrlässigen Vergehens gegen das Waffengesetz.

Genau das ist im vergangenen November in Weiler einem derzeit in Remshalden gemeldeten 56-Jährigen passiert, der, wie er jetzt vor Gericht sagte, seit 35 Jahren privat und dienstlich mit Waffen zu tun und sich nie etwas zuschulden kommen lassen hat. Der gelernte Industriemechaniker ist derzeit als Waffentechniker beim Sportwaffenhersteller Walther in Ulm beschäftigt und dort vor allem am Schießstand im Einsatz, er ist Jäger und langjähriges Mitglied im Bund der Militärschützen, er war auch schon für ein halbes Jahr als Schießausbilder in Afghanistan und hat die offizielle Erlaubnis, gewerblich Handel mit Waffen und Munition zu treiben. Klar, dass für so einen viel vom Ausgang eines solchen Verfahrens abhängt, und deshalb hat er auch, unterstützt von einem auf Waffenrecht spezialisierten Anwalt aus Düsseldorf, Einspruch gegen einen Strafbefehl über 3600 Euro eingelegt. Letztlich mit Erfolg, denn Richterin Petra Freier hat das Verfahren gegen den 56-Jährigen im Einvernehmen mit der Anklagevertreterin gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 2000 Euro, die ans Familienzentrum gehen, eingestellt. Das Gericht hat außerdem verfügt, dass der Angeklagte seine beiden Sportwaffen wieder zurückbekommt, wenn das Verfahren endgültig eingestellt ist, sprich, wenn er die Geldbuße komplett bezahlt hat. Was auch als Signal an die Behörden verstanden werden darf, die letztendlich zu entscheiden haben, ob der 56-Jährige auch künftig im bisherigen Umfang mit Waffen umgehen darf.

Hektik durch Hund, Frau, Nachbar

Normalerweise, so der Angeklagte, schließe er Waffen, die er von A nach B transportierte, immer sofort in einem in seinem Auto befindlichen tragbaren Tresor ein. An diesem Tag, da er von Weiler, wo er zusammen mit seiner Frau gerade bei seiner sterbenskranken Schwiegermutter wohnte, nach Nürtingen zum Schießen wollte, sei alles anders gewesen. Außer den beiden munitionsfreien Waffen, je einer halbautomatischen Sportpistole der Hersteller Walther und SIG, habe er noch Jacken und eine Tasche zum Auto getragen, die schon etwas quengelige Frau und der nervöse Hund wollten auch noch mit, der Nachbar wollte auch noch etwas loswerden, und vor lauter Hektik blieben die beiden Pistolen, die er dort eigentlich nur kurz hatte ablegen wollen, auf dem Autodach liegen. Wobei in dem Fall noch erschwerend hinzukam, dass die Dachreling des Fahrzeugs relativ hoch war, so dass er die Waffen nicht im freien Sichtfeld hatte und die auch nicht gleich herunterrutschen konnten. Also ist der 56-Jährige losgefahren und war schon auf halber Strecke zwischen Schorndorf und Nürtingen, als ihm siedendheiß eingefallen ist, dass er seine Waffen nicht, wie sonst üblich, in den Tresor eingeschlossen hat. Zunächst, so erzählte er vor Gericht, hat er noch gehofft, er habe sie einfach so auf dem Rücksitz abgelegt, aber als sie dort nicht lagen, war ihm schnell klar, was passiert war. Also hat er auf der Stelle umgedreht und ist die ganze Strecke langsam in umgekehrter Richtung abgefahren, wobei er immer wieder angehalten und nach den Waffen Ausschau gehalten hat. Und in Schorndorf angekommen, ist er sofort zur Polizei gegangen und hat den Verlust gemeldet. Derweil war eine der beiden Waffen schon wieder aufgetaucht: Eine Nachbarin hatte sie in Weiler auf der Straße gefunden. Und zwei Tage später bekam der Waffenexperte die Nachricht von der Polizei, dass auch die zweite Waffe wieder da ist.

Fahrlässigkeit zweifelsfrei erfüllt

Gleichwohl, waren sich die Vertreterin der Staatsanwaltschaft und Richterin Petra Freier einig, sei der Tatbestand der Fahrlässigkeit zweifelsfrei erfüllt. Demgegenüber meinte der Verteidiger des Angeklagten, es sei eigentlich „gar kein Tatbestand da“, weshalb er für den Fall einer Verurteilung schon mal Revision in Aussicht stellte. Das Gericht freilich hielt angesichts der doch sehr speziellen Umstände dieses Falles eine Einstellung des Verfahrens durchaus für vertretbar, allerdings nicht ohne eine finanzielle Auflage, die auf 2000 Euro festgelegt wurde. Die könnte der 56-Jährige, dessen Frau in einem Häuschen in Schweden lebt, theoretisch in neun Monatsraten abstottern. Darüber freilich dachte er nur so lange nach, bis ihm die Richterin klarmachte, dass er seine beiden teuren Sportwaffen erst dann beziehungsweise dann sofort zurückerhält, wenn die 2000 Euro komplett bezahlt sind. „Dann werd’ ich wohl einen Kredit aufnehmen“, sagte der Angeklagte und bedankte sich abschließend ausdrücklich beim Gericht, dass sein Missgeschick so verständig beurteilt wurde.