Schorndorf

Polizist: Im Ernstfall nicht vorbereitet

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Symbolbild. © Ramona Adolf
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Hat sich autodidaktisch Kenntnisse der taktischen Medizin angeeignet: Der Schorndorfer Nachwuchs-Polizist Dominik Riefle.
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Erste-Hilfe-Set und Tourniquet - beides selbst gekauft - hat Riefle immer im Einsatz dabei.

Schorndorf. Ein Terroranschlag in der Innenstadt, ein Amokläufer, der für Angst und Schrecken sorgt, oder ein unvorhersehbarer Messerangriff auf die Rettungskräfte: In all diesen Fällen müssen Polizisten, Feuerwehrleute oder Sanitäter taktisch handeln, um sich selbst zu schützen. Weshalb sie darauf bislang nur bedingt vorbereitet sind und wie taktische Medizin funktioniert, erklärt der Schorndorfer Polizist Dominik Riefle.

In der Nacht des 13. November 2015 wurde die französische Hauptstadt gleich dreifach angegriffen: In belebten Gassen und Restaurants, dem Stade de France sowie dem Konzertsaal Bataclan töteten islamistisch motivierte Attentäter mit Schusswaffen und Bomben 130 Menschen, 683 wurden bei den Anschlägen von Paris verletzt. „Das hat mich emotional wahnsinnig mitgenommen“, sagt Dominik Riefle. Damals war der Schorndorfer noch bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen und fragte sich, wie er und seine Kollegen auf so eine Situation reagiert hätten. Dabei musste er feststellen: „Wir sind darauf überhaupt nicht vorbereitet.“ Weder werde in der Ausbildung groß darüber gesprochen, noch sei die Ausrüstung dafür ausreichend.

Methoden aus dem Militärischen können helfen

Doch wie können sich Feuerwehr, Polizei und Rotes Kreuz bei Bedrohungslagen überhaupt besser koordinieren? Riefle stieß bei seiner Suche auf die taktische Notfallmedizin. Diese aus dem Militärischen stammende Vorgehensweise legt den Schwerpunkt auf die Lage, der sich alles andere unterzuordnen hat. Während bei der klassischen Medizin die Rettung von Verletzten im Vordergrund steht, geht es hierbei vor allem um die Tätersuche. Die Maxime lautet „Clear the scene“, sprich: Bevor die Lage nicht sicher und der Täter nicht geschnappt ist, wäre ein Rettungseinsatz zu riskant.

Zumindest in der „roten Zone“, jenem Bereich also, der bei einem Bedrohungsszenario als unsicher markiert ist und in dem der Täter vermutet wird. „Hier darf nur die Polizei rein.“ Als am 22. Juli 2016 in München ein 18-Jähriger neun Menschen tötete und stundenlang auf der Flucht vor der Polizei war, wurde zeitweise die gesamte Innenstadt zur roten Zone erklärt.

Selbstschutz: Ein besonders wichtiges Thema

Selbstschutz ist bei solchen Einsätzen ein besonders wichtiges Thema. Riefle, der seit diesem Jahr auf Vorschlag Mitglied von Trema ist, einer Expertenorganisation, die sich der Förderung der taktischen Medizin verschrieben hat, trägt deshalb im Einsatz immer ein individuelles Erste-Hilfe-Set sowie ein Tourniquet zum Abbinden von Gliedmaßen am Körper. Damit kann er, wenn es schnell gehen muss und kein Arzt oder Sanitäter in der Nähe sein darf, sich oder seine Kollegen selbst versorgen. Gekauft hat er das Set privat. Denn die Polizei in Baden-Württemberg stellt aktuell nur ein Erste-Hilfe-Set pro Streifenwagen (und das ist damit im Bundesvergleich noch vergleichsweise gut). Auch Notfallrucksäcke gibt es noch nicht für alle Beamten.

Das sei zu wenig, findet der 23-Jährige, denn im Notfall könne er ja schlecht zum Streifenwagen zurücklaufen. Die Situation könnte akut eskalieren – und bei einer arteriellen Blutung bestehe bereits nach zwei bis fünf Minuten akute Lebensgefahr. „Ich will mir nicht vorwerfen müssen, im Notfall nicht genug für einen Kollegen getan zu haben“, sagt Riefle.

Mehr Trainings unter realistischen Bedingungen sind nötig

Er findet deshalb, dass sein Arbeitgeber nicht ausreichend in die Ausrüstung seiner Beamten investiert. 70 bis 90 Euro für ein einzelnes Set (plus 30 Euro für ein Tourniquet) müsste er dafür gerade mal in die Hand nehmen. Der Schorndorfer kritisiert aber auch, dass die Polizei ihre Nachwuchskräfte nicht ausreichend auf solche Szenarien vorbereite. Wer in eine Bedrohungslage komme, sollte so etwas zumindest schon einmal durchgespielt haben. „Die Beschäftigung im Vorfeld kann helfen, besser mit einer solchen Situation klarzukommen und eine spätere posttraumatische Belastungsstörung zu vermeiden“, sagt Riefle.

Der Nachwuchspolizist hat das bereits im Rahmen eines Trema-Tages geprobt. Der Verein inszeniert einmal pro Jahr ein Szenario unter realistischen Bedingungen. Zum Beispiel den Amoklauf an einer Schule, wobei der Täter noch unterwegs ist, es mehrere Verletzte gibt und die Polizei als Erste vor Ort ist. Das Wichtigste in einer solchen Situation: den Täter unschädlich zu machen – und damit so schnell wie möglich eine Lage herzustellen, in der Verletzte gerettet werden können.

Riefle sieht angesichts der Bedrohungen zahlreiche Defizite

Allmählich komme so etwas auch in der Grundausbildung der Polizei an. Angesichts der zahlreichen potenziellen Bedrohungen sieht der 23-Jährige aber immer noch viele Defizite. Wichtig sei nicht nur, dass Polizisten besser medizinisch geschult und ausgestattet werden. Notwendig sei vor allem auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Einsatzkräften.

Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei müssten sich besser kennenlernen und routinierter zusammenarbeiten. Auch Ehrenamtliche können schließlich in ein solches Szenario hineingeraten. Bestes Beispiel Münster: Als dort im April ein Bus mitten in der Stadt in eine Menschenmenge fuhr, kamen zuerst Rettungskräfte an den Tatort – noch nicht sicher wissend, ob es sich um einen Unfall, ein Attentat oder einen Amoklauf handelt. Dennoch begannen sie sofort mit der Versorgung, mussten dann aber abbrechen, weil der Platz aus Sicherheitsgründen geräumt wurde, und plötzlich taktisch handeln. Eine Stress-Situation, in der ein gemeinsames Vorgehen und ein besserer fachlicher Austausch von Polizei und Rettungskräften unbedingt notwendig wäre.

Kritik an den Folgen der Sparpolitik für die Polizei

Das, so Riefle, gestalte sich angesichts der seit Jahren grassierenden Sparpolitik allerdings eher schwierig. (Erst kürzlich hatte die Polizei verkündet, dass es im Bereich der Polizeidirektion Aalen in diesem Jahr nur noch für das Allernotwendigste reiche.) Was nicht nur dazu führe, dass junge Polizisten in der Ausbildung aus gefährlichen Einsätzen nicht mehr herausgehalten werden können. Dies habe auch zur Folge, dass Polizeibeamte sich selbst zum Teil nicht mehr sicher und ausreichend von ihrem Dienstherren geschützt fühlen.

Und das hält Riefle für fatal in einer Zeit, in der es immer mehr Gewalt gegen Einsatzkräfte gibt, in der immer häufiger Stichwaffen eingesetzt werden, und in der Laien, von Fanatikern aufgehetzt, die hochgiftige chemische Waffe Rizin herstellen, wie kürzlich ein in Köln festgenommener Islamist. In einer Zeit also, die für Einsatzkräfte unberechenbarer geworden ist und neue Herausforderungen bietet.

Wunsch nach einem "Blaulichtsymposium"

Wünschen würde sich der Nachwuchspolizist, der auch in der CDU und der Deutschen Polizeigewerkschaft aktiv ist, deshalb ein Schorndorfer „Blaulichtsymposium“, bei dem alle Beteiligten die Möglichkeit bekämen, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Damit die Einsatzkräfte besser darauf vorbereitet sind, wenn es einmal wirklich ernst werden sollte.


Der Verein Trema

  • Trema ist ein Akronym und steht für „Tactical Rescue and Emergency Medicine Association“, zu Deutsch: Verein für taktische Rettung und Notfallmedizin.
  • Bei dem gemeinnützigen Verein handelt es sich um eine Fachgesellschaft, die sich der Aufklärung über Taktische Medizin verschrieben hat.
  • Wer Vereinsmitglied werden möchte (rund 400 gibt es aktuell), benötigt dazu zwei Empfehlungsschreiben aktiver, ordentlicher Mitglieder.
  • Trema bietet Fortbildungen, Vorträge oder konzeptionelle Unterstützung für Dienststellen an. Außerdem gibt der Verein wissenschaftliche oder informationelle Publikationen zum Thema taktische Medizin heraus.
  • Alle zwei Jahre richtet Trema zusammen mit dem Bundeswehrkrankenhaus in Ulm die „Combat Medical Conference“ aus – eine Mischung aus Fachmesse und Expertenkonferenz mit Workshops.
  • Außerdem bewertet Trema regelmäßig die führende Leitlinie für taktische Verwundetenversorgung in Deutschland.
  • Weitere Informationen zu Trema und taktischer Medizin online unter: www.tremaonline.info