Schorndorf

Pop-up für eine lebenswerte Innenstadt: Parkplätze oder mehr Grün in Schorndorf?

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Bürgerbeteiligung
In Arbeitsgruppen wurden die drei möglichen Umbauvarianten diskutiert. © Benjamin Büttner
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Wegfall Parkplätze
Fahrbahn und Parkplätze: Viel Aufenthaltsqualität hat die Johann-Philipp-Palm-Straße im Moment nicht zu bieten. © ALEXANDRA PALMIZI

Es wird nicht der große Wurf, aber es könnte ein kleiner Schritt in Richtung lebenswerte Innenstadt werden: Mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität und weniger Autos, das ist die Marschrichtung, die Schorndorf als eine von 15 Klima-Mobil-Modellkommunen einschlagen will – auch wenn Gewerbetreibende, Anwohner und Seniorenvertreter immer wieder gegen wegfallende Parkplätze protestieren. Gemeinsam mit der Beratungs-GmbH „Teamred“ aus Berlin hat die Stadtverwaltung drei Varianten für eine Neugestaltung von Archivstraße, Ochsenberg und Johann-Philipp-Palm-Straße entwickelt, mit den betroffenen Interessensgruppen gesprochen und Gewerbetreibende befragt – nicht zuletzt, um dem großen Ziel der Klimaneutralität bis 2035 näherzukommen.

Bürgerbeteiligung mit gut 70 Interessierten

In einem Workshop in der Künkelinhalle konnten jetzt gut 70 interessierte Bürgerinnen und Bürger mit Stadträten, Vertretern der Stadtverwaltung, den OB-Kandidaten Bernd Hornikel, der auch als stellvertretender Leiter des Amts Ludwigsburg der Bau- und Liegenschaftsverwaltung des Landes dabei war, Dörte Schnitzer und Tobias Schwenk sowie Mitarbeitern der Berliner Beratungsfirma über die Zukunft dieses Teilbereichs diskutieren. Die Entscheidungs-Hoheit über die Pop-up-Maßnahme, die im Frühjahr 2022 starten und mindestens ein halbes Jahr bestehen soll, freilich liegt beim Gemeinderat. Dabei bleibt der Archivplatz von den temporären Umbauplänen unberührt – weil die Bücherei-Entscheidung noch aussteht.

Variante 1 als die Minimallösung

In der ersten diskutierten Variante sind die Veränderungen in Archiv- und Johann-Philipp-Palm-Straße minimal: Die Archivstraße soll von der Einfahrt zum Archivplatz bis zum Übergang in die Johann-Philipp-Palm-Straße zur verkehrsberuhigten Zone werden. Das Gleiche gilt für den Ochsenberg. Die Johann-Philipp-Palm-Straße würde so bleiben, wie sie ist, allerdings soll Radfahrern mehr Platz eingeräumt werden: Stadtauswärts sollen sie, mit dem Autoverkehr, auf der Straße mitfahren, stadteinwärts entgegen der Fahrtrichtung – was in den Diskussionsrunden im Anschluss an die Präsentation als viel zu eng kritisiert wurde. Die Gehwege bleiben in dieser Variante ausschließlich den Fußgängern vorbehalten. Und: Die 42 Parkplätze, die es in diesem Bereich gibt, bleiben erhalten.

Moderate Variante 2

Der Unterschied zu Variante 1 ist: Der gesamte Bereich – also Archivstraße, Ochsenberg und Johann-Philipp-Palm-Straße – wird zur verkehrsberuhigten Zone. Die Anzahl der Parkplätze ändert sich nicht, doch sie könnten anders verteilt beziehungsweise umgewandelt werden: Aktuell gibt es 42 Pkw-Stellplätze und genauso viele Rad-Abstellplätze. Folgende Lösung wäre für Bodo Schwieger, Teamred-Geschäftsführer, aber auch möglich: 37 Pkw- und 62 Rad-Stellplätze. Allerdings: Wer mehr Fahrräder wolle, so ein Hinweis aus den Arbeitsgruppen, müsse auch die Zufahrt für Radfahrer in die Innenstadt attraktiver machen.

Variante 3 als die Maximallösung

Mit der Variante 3 wäre die größte Veränderung verbunden und sie würde eine Erweiterung der Fußgängerzone bedeuten – in den unteren Bereich der Archivstraße, den Ochsenberg und in die Johann-Philipp-Palm-Straße bis zur Kreuzung mit der Schulstraße hinein. Außerdem: den Wegfall aller Parkplätze am Straßenrand. Die Parkplätze, die auch das Land im Ochsenberg für das Amtsgericht vorhält, könnten, so eine Anregung, abgeschafft beziehungsweise in öffentliche Parkplätze umgewandelt werden. Im Planungsbereich könnte nach der Vorstellung des Berliner Beratungsbüros auch eine Begegnungszone mit Tempo 20 entstehen und eine Aufpflasterung wie in der Fußgängerzone. Fußgänger und Radfahrer hätten in dieser Variante Vorfahrt.

Arbeitsgruppen, um lokales Wissen zu bündeln und Konflikte aufzuspüren

In der anschließenden Diskussion in den drei Arbeitsgruppen wollten die Veranstalter weiteren Input von Bürgerinnen und Bürgern bekommen, lokales Wissen bündeln, Schwachstellen der Varianten und Zielkonflikte aufspüren. Und die gibt es: Für die Gewerbetreibenden, die schon vorab befragt wurden, ist die Erreichbarkeit der Innenstadt mit dem Auto – inklusive innenstadtnaher Parkplätze – deutlich wichtiger als die Erreichbarkeit mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Ganz unerheblich sind für die 39 Befragten aus dieser Gruppe aber offenbar auch die Gestaltung der Innenstadt und die Begrünung nicht. Ein Dilemma, das Teamred-Geschäftsführer Schwieger so auf den Punkt bringt: „Der Quadratmeter kann nur einmal verteilt werden: Wo ein Parkplatz ist, kann kein Baum stehen.“

Als „Klima-Mobil-Modellkommune“ bekommt Schorndorf die Beratung der Teamred-Experten aus dem von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg in Kooperation mit der Klimaschutz- und Energieagentur ins Leben gerufenen Projekt finanziert. Die Umsetzung der Pop-up-Maßnahme, so Diana Gallego Carrera als Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz und Mobilität, muss die Stadt dann selbst finanzieren. Doch das Budget aus dem Förderprogramm, das wurde in der Diskussion auch deutlich, hat nicht für Berechnungen zur CO2-Reduzierung und für Temperaturmessungen gereicht. Stattdessen wurden Erkenntnisse aus anderen Städten herangezogen, die belegen, dass eine Begrünung zu Temperatursenkungen führt. Oder in Bodo Schwiegers Worten: „Weniger Blech und mehr Grün führen zu drei bis vier Grad niedrigeren Temperaturen.“

Eine Verkehrszählung hat Andreas Uhlig als betroffener Einzelhändler an der Johann-Philipp-Palm-Straße am 1. Oktober dann selbst durchgeführt – um zu verdeutlichen, mit welcher Verkehrssituation man es hier zu tun hat: Nach seinen Zählungen passieren den Bereich – auf neun Stunden hochgerechnet – mehr als 1000 Fahrzeuge täglich. Nicht mitgezählt hat Uhlig in seiner Aktion Motorräder, Rettungsdienste, Polizei, Feuerwehr, Taxis und Lieferdienste.

Uhlig ist einer der Einzelhändler, die von einer Fußgängerzone in diesem Bereich nichts halten – und die Umgestaltung zur Gartenschau noch in schlechter Erinnerung haben. Auch die immer älter werdende Gesellschaft, für die sich auch Heinz-Jürgen Kopmann vom Seniorenforum starkmacht, sei auf innenstadtnahe Parkplätze angewiesen und könne eben nicht aufs Rad umsteigen – eher noch auf Shuttle-Busse. Ganz anders sieht es Wilhelm Pesch von der Klimaentscheid-Gruppe. Er plädiert für eine Streichung aller Parkplätze, „weil die Parkhäuser nicht ausgelastet sind“. Und: „Kinder würden sich über die Variante 3 freuen.“

Das Ergebnis der abschließenden Abstimmung mit bunten Klebepunkten freilich war am Ende des Workshops erstaunlich – und spiegelte die Diskussionen nur bedingt wider: 125 Punkte entfielen auf die Maximal-Variante 3, 102 auf Variante 2 und lediglich 77 auf die Minimal-Variante 1.

Es wird nicht der große Wurf, aber es könnte ein kleiner Schritt in Richtung lebenswerte Innenstadt werden: Mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität und weniger Autos, das ist die Marschrichtung, die Schorndorf als eine von 15 Klima-Mobil-Modellkommunen einschlagen will – auch wenn Gewerbetreibende, Anwohner und Seniorenvertreter immer wieder gegen wegfallende Parkplätze protestieren. Gemeinsam mit der Beratungs-GmbH „Teamred“ aus Berlin hat die Stadtverwaltung drei Varianten für eine

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