Schorndorf

Psychologie im Stall: Wie Kühe ticken

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Ralf Besemer (2.v.r.) und Ewald Bauer (r.) erklären den sicheren Umgang mit dem Rindvieh. © Palmizi / ZVW
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Margret und Hein Rapp (1.u.2.v.l.) bewirtschaften zusammen mit Sohn Christian (3.v.l.) und Tochter Katharina (nicht im Bild) den Biohof mit Überzeugung und Herzblut. © Palmizi / ZVW
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Die Pensionspferde: Bringen Mist und Leben auf den Hof. © Palmizi / ZVW
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Reitbetrieb mitten in der ländlichen Idylle. © Palmizi / ZVW
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Der Hofladen: Donnerstags und freitags offen. © Palmizi / ZVW

Schorndorf. Sanfte Augen, braune Locken, eleganter Nasenrücken – hübsch sind sie, die Limpurger Rinder, die seit gut einem Jahr ihre Heimat im Laufstall auf dem Biohof Rapp gefunden haben. Ewald Bauer und Ralf Besemer haben zuletzt erklärt, worauf es beim Umgang mit dem Riedvieh ankommt. Dies im Rahmen einer landesweiten Schulung für Biolandwirte.

Kühflüsterer will Ewald Bauer eigentlich nicht genannt werden. Aber irgendwie ist er inzwischen doch einer geworden. Allerdings geht’s ihm nicht um Kuhwellness. Vielmehr geht es bei seinen Schulungen um Sicherheit am Arbeitsplatz. Immerhin ist das Werkeln im Stall nicht ungefährlich. Etliche Landwirte wurden schon von Bullen angegriffen oder zogen in einer Meinungsverschiedenheit mit einer Mutterkuh den Kürzeren. Um solche Unfälle zu vermeiden, sei eine gute Beziehung zwischen Landwirt und Tier nötig. Rindviecher, die nur dann Kontakt zu Menschen haben, wenn es definitiv nicht anders geht, seien in eben diesen Situationen schlichtweg überfordert. Drum lautet die erste Empfehlung vom Fachmann: Pflegen Sie den Kontakt.

Die Kuh mag’s gern ruhig und vertraut, Routine gibt Sicherheit

An diesem Tag steigt Ewald Bauer vor einer Gruppe interessierter Landwirte in eine Box des Rapp’schen Kuhstalls. Darin: zwei Kühe. Zusammen mit seinem Kollegen Ralf Besemer zeigt er, wie leicht die Kühe schon gesteuert werden können, ohne überhaupt berührt zu werden. Wie Menschen haben auch Tiere einen persönlichen Schutzbereich. Wird der verletzt, weichen sie zunächst aus. Nähert sich Ewald Bauer von hinten rechts, weicht die Kuh nach vorne links aus. Gut zu wissen, wenn das Tier eingefangen werden soll, beispielsweise, um eine Hufbehandlung durchzuführen.

Dann zückt Ewald Bauer sein Lasso. Schwups ist die Kuh eingefangen. Wundert sich merklich. Kennt sie so nicht. Die Augenbrauen heben sich. Das Seil um den Hals zieht sich zu, wenn sie ihm auszuweichen versucht. Also lässt sie sich stattdessen ans Gitter führen und anbinden. Ohne Unterlass berührt Ewald Bauer das Tier mit einer Hand und starkem Druck am Rücken. „Das ist ein Beruhigungspunkt.“ Den übrigens drücken auch die Bullen, wenn sie die Kühe bespringen. Während er das Tier in die gewünschte Richtung schiebt, spricht er tief und entspannt mit ihr. „Hopopopopop, ruhig.“ Mit ruhiger Hand zeigt er seinen gelehrigen Schülern, wie er das Lassoseil gegen ein lockeres tauscht. Berichtet dabei mehr und mehr aus der Gefühlswelt der Kuh. Erklärt, welche Aktionen entsprechende Reaktionen hervorrufen. Zeigt Tricks, wie die Medikamentengabe beinahe unbemerkt vom Tier gelingt. Klar für alle hier Anwesenden: Die Kuh soll immer mit Respekt behandelt und in ihrer Andersartigkeit als Tier wertgeschätzt werden. Vermenschlichungen seien fehl am Platz. Schließlich sei unsere Logik eine andere als die der Kuh. Aber eines sei bei Mensch und Tier immer gleich: Druck erzeuge Gegendruck. Drum: immer ruhig und gelassen ans Tier herangehen.

Rapp's Kühe bekommen nur Bio-Futter, viel Heu und Gras

Dass die Rapp’sche Kuh all diese Demonstrationen so geduldig über sich habe ergehen lassen, sei ein gutes Zeichen, lobt Ewald Bauer. Das beweise, dass sie keine Angst vor Menschen habe, keine negativen Erfahrungen gemacht habe. Das spreche für die Familie Rapp und ihre Arbeitsweise. Als Biolandbetrieb hält man sich in Schornbach gern an die Richtlinien. An erster Stelle steht der Slogan „Qualität statt Quantität“. Durch Aufzucht und Mast im eigenen Betrieb werden die Tiere kaum transportiert, durch vorbeugende Maßnahmen, Fütterung, Haltung und Zucht werden sie weniger krank und brauchen daher weniger oder keine Medikamente. Es gibt nur zertifiziertes Bio-Futter, dazu einen hohen Anteil an Heu und Gras. Sie bekommen keine wachstumsfördernden und gentechnisch veränderten Bestandteile im Futter. Dafür erhalten die Jungtiere länger Muttermilch und haben eine längere Lebensdauer. Im Stall gibt’s Tageslicht und viel Auslauf. Sommers geht es demnächst auf die Weide.

Sohn Christian Rapp hat die Mutterkuhhaltung federführend übernommen. Nachdem Ende 2014 ein neuer Laufstall mit ordentlich Frischluft gebaut worden ist, sind inzwischen 28 Mutterkühe samt Nachzucht eingezogen. Weitere Kälber kommen ständig auf die Welt. Irgendwann allerdings naht für jedes Tier der Tag X. Die Rinder und auch die Schweine, die ebenfalls bei Rapps gehalten werden, kommen nach einem artgerechten Leben zum Schlachter. Das zerlegte und teils verarbeitete Fleisch gibt’s dann im hofeigenen Laden zu kaufen. Der ist freitags von 15 bis 19 Uhr und samstags von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Hier gibt es auch Brot von der Bäckerei Weber, die wiederum von Rapps mit Getreide versorgt wird. Äpfel und Saft gibt’s vom Sonnenberghof in Rohrbronn. Aber auch sonst gibt es alles, was es im Obst- und Gemüsesortiment braucht, dazu Trockenware wie Mehl oder Hülsenfrüchte. Die Kartoffeln kommen vom eigenen Acker. Auch Milchprodukte, Eier und Nudeln gibt’s. Dazu Naturkosmetik und fair gehandelte Bioprodukte vom Eine-Welt-Laden.

Auf rund 37 Hektar Ackerland baut die Familie in vielfältiger Fruchtfolge Weizen, Roggen und Dinkel an. Dies wird an Bäcker verkauft. Für ihre Tiere wird Futtergetreide angebaut, dazu Leguminosen, Kleegras und Kartoffeln. 41 Hektar Wiesen dienen als Futtergrundlage und Weide für die Tiere. Wo Rapps abbauen, wird auch gedüngt. Natürlich natürlich. Außer den Rindern werfen auch die über 20 Pensionspferde reichlich Mist und damit besten Biodünger ab. Sie sind damit ein wichtiger Teil des Hofkreislaufes. Wer sein Pferd bei Rapps unterstellt, kann auch die Reithalle und den Flutlicht-Reitplatz nutzen. Beides hat man zusammen mit dem benachbarten Beutel’schen Hof angelegt. Aber ohnehin arbeiten beide Familien zusammen, teilen sich die großen Landmaschinen und helfen sich aus, wenn es mal eng wird.

„Auf einem Hof gibt’s einfach immer viel zu tun“, weiß Margret Rapp. Gut, dass Tochter Katharina, die außerdem als Erzieherin arbeitet, viel im Laden und bei den Pferden aushilft. Dass beide Kinder auf dem Hof nach Kräften mitarbeiten – und Sohn Christian den Hof einmal übernehmen möchte – dafür sind Margret und Heinz Rapp von Herzen dankbar. „Selbstverständlich ist das nicht“, findet Margret Rapp.

Im Märzen der Bauer den Traktor einspannt

Aktuell sind Heinz und Christian Rapp tagsüber auf den Feldern unterwegs. Hier gibt es viel zu tun. Das Futtergetreide, darunter Ackerbohnen und Erbsen, muss gesät werden.

Außerdem wird das Getreide gestriegelt. Dabei handelt es sich um eine mechanische Art des Unkrautvernichtens. Mit einer riesigen Egge wird dabei das Unkraut ausgerissen und untergeharkt.

Als nächster Schritt steht das Säen des Sommergetreides an, darunter Hafer und Gerste.

Die Kartoffeln keimen noch. Dazu lagern die Rapps die entsprechenden Knollen an einem hellen und warmen Ort. Das Ziel sind feste und stabile Keime, mit denen die Kartoffeln Ende April/ Anfang Mai in den Boden gebracht werden können.

Bei den Rindern gibt’s übers Jahr hinweg immer viel zu tun. Im Rahmen der Mutterkuhhaltung werden die Tiere nicht zum Zweck der Milcherzeugung gehalten. In Schornbach geht es um die Fleischproduktion. Rapps haben sich für das Limpurger Rind entschieden. Die Rasse gilt als gefährdete Haustierrasse und als älteste württembergische Rinderrasse. Ihr Verbreitungsgebiet umfasst im Wesentlichen die Gebiete östlichen von Stuttgart: den Ostalbkreis, den Kreis Schwäbisch Hall und den Rems-Murr-Kreis.

Geschätzt an der Rasse werden das hervorragende Fleisch und die Leistungsfähigkeit der Milchkühe. In früheren Zeiten wurden die Limpurger auch als Zugtiere geschätzt. Das sogenannte Dreinutzungsrind war aber mit zunehmender Mechanisierung nicht mehr gefragt und galt in den 80er Jahren als ausgestorben. Ende der 80er Jahre wurden schließlich doch noch etliche limpurgerblütige Tiere ausfindig gemacht und eine Züchtervereinigung gegründet. Man startete mit 56 Kühen und hat inzwischen eine Zahl von mehr als 500 Tieren erreicht.