Schorndorf

Querdenken-Demo in Schorndorf: Ein Ex-Polizist, die große Verschwörung und das Antisemitismus-Problem

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Eine Querdenken-Fahne in Schorndorf. © ZVW/Benjamin Büttner

Freitagabend (30.10.), Querdenken-Demo in Schorndorf. „Ich spreche von einer Plandemie, weil es eine Pandemie, so wie man es den Bevölkerungen vorgaukelt, überhaupt noch nie gegeben hat“, ruft der Mann mit dem schwarzen Hut ins Mikrofon. „Es ist ganz eindeutig, dass Personen, die an Gesundheit verdienen können, sich hier zusammengetan haben.“

Der Redner, der hier eine große Verschwörung behauptet und die Existenz der Corona-Pandemie leugnet, ist in der Szene der Querdenker kein Unbekannter. Es handelt sich um den bayrischen Ex-Polizisten Karl Hilz, der in der Vergangenheit mehrfach mit Verschwörungserzählungen auffiel. In Reichsbürger-Manier behauptete er nach übereinstimmenden Medienberichten beispielsweise bei einer Demonstration in Bayern, Deutschland hätte keine Verfassung.

Im Verschwörungs-Sumpf: „Großkapital“ und „Neue Weltordnung“

Auch abseits der Bühne verbreitet Hilz immer wieder Verschwörungserzählungen: Im Interview mit Szene-Youtuberin „Miriam Hope“ sagte der pensionierte Polizeibeamte: „Meine Informationen gehen dahin, dass Frau Merkel sämtliche Parlamente in Europa entmachten möchte.“  Merkel sei eine „Antidemokratin“, die am „Großkapital“ hänge, in der ganzen Welt „Diktaturen“ möchte und im „Hintergrund mit den Geheimdiensten ihre Strippen zieht“ um eine „Neue Weltordnung“ zu installieren.

„Der Begriff ‚Großkapital‘ ist ein antisemitischer Code“, sagt Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter des Landes Baden-Württemberg, als wir ihn mit den Aussagen des Ex-Polizisten konfrontieren. Immer wieder werde damit im Umfeld der Querdenker auf gängige antisemitische Verschwörungserzählungen Bezug genommen – und die Schuld für die Pandemie bei jüdischen Finanziers gesucht.

Überhaupt ließen sich Verschwörungsglauben und Antisemitismus nicht trennen, sagt der Experte. „Wer von einer Neuen Weltordnung spricht, landet am Ende immer bei der angeblichen jüdischen Weltverschwörung“, so Blume. Mit großer Sorge beobachte er die zunehmend antisemitischen Äußerungen im Umfeld der sogenannten „Corona-Demos“.

Im Telegram-Chat: QAnon und offener Antisemitismus

Samstag (31.10.), ein Tag nach der Querdenken-Demo: „Guten Morgen, das war prima gestern auf dem Oberen Marktplatz in Schorndorf!“ Mit diesen Worten beginnt eine Diskussion in eine Telegram-Chatgruppe von Maskenverweigerern aus dem Rems-Murr-Kreis, der auch die Organisatoren lokaler Querdenken-Demos angehören.

Die Themen an diesem Tag: Antisemitische Verschwörungserzählungen, QAnon und der Erlöser Donald Trump.

„Es gibt einen tiefen Staat weltweit“, behauptet der Nutzer, der sich zuvor begeistert über die Querdenken-Demo geäußert hatte. Er spielt damit auf eine zentrale Erzählung des Verschwörungs-Kultes „QAnon“ an, dessen Anhänger in den USA bereits Straftaten bis hin zu Mord begangen haben – und den Experten deshalb für brandgefährlich halten.

Eine andere Nutzerin schreibt: „Das ist bald vorbei. Trump sagte, ab 4. November gibt es kein Corona mehr.“ Dann behauptet sie, Angela Merkels Handeln werde von einer jüdischen Organisation bestimmt. Es folgen eine Aufzählung vermeintlicher weiterer Mitglieder und Anschuldigungen gegen einen real existierenden Orden. Widerspruch gibt es für diese offen antisemitische Verschwörungserzählung von den anderen Nutzern nicht.

Schorndorf und Waiblingen: Verschwörungsgläubige unter dem Querdenken-Banner

Auch diese Äußerungen sind für den Antisemitismusbeauftragten Michael Blume nichts Neues. „Da Juden früher zu manchen Freimaurerlogen keinen Zugang hatten, gründeten sie eigene Orden. Das liefert heute Stoff für Verschwörungsmythen, in denen sich Antijudaismus und Antimasonismus – also die Ablehnung der Freimaurerei – verbinden.“ Es würden auch Behauptungen kursieren, denen zufolge Merkel eigentlich Jüdin sei.

„Bislang ist es keiner Gruppe Verschwörungsgläubiger gelungen, sich glaubwürdig vom Antisemitismus zu distanzieren“, sagt Michael Blume. „Die jüdische Gesellschaft ist die des Alphabets, die der Gelehrten, und am Ende traut man eine Weltverschwörung offenbar immer nur diesen Menschen zu.“

Am Montag (02.11.) ziehen auch Mitglieder des Telegram-Chats wieder durch Waiblingen. Die Organisatorin dieser „Spaziergänge“, bei denen zuletzt wehende „Querdenken“-Fahnen zu sehen waren, ist gleichzeitig Administration des Chats – und teilte dort selbst schon Beiträge über die angebliche „Neue Weltordnung“.