Schorndorf

Rüdiger Nehberg: Vom Abenteurer zum Aktivisten

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82 Jahre alt und sprüht nur so vor Energie: Rüdiger Nehberg in der Schorndorfer Künkelinhalle. © Schneider / ZVW
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Atlantik-Überquerung mit Banner, das auf die Zerstörung des Regenwaldes aufmerksam machen sollte. Nehberg alleine mit Wasser und Wind. © Nehberg
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Auf dem Blauen Nil. © Nehberg

Schorndorf/Weite Welt. Giftspuckende Kobras, fiese Krokodile und wütende Meere beschwört Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg am Donnerstagabend in der Künkelinhalle in seinen Erzählungen herauf – mit trockenem Witz und einer gehörigen Portion Selbstironie gespickt. Aber Nehberg wäre nicht Nehberg, wenn er nicht auch für andere kämpfen würde. Abenteuer und soziale Verantwortung, das gehört für ihn inzwischen untrennbar zusammen.

Video: Rüdiger Nehberg über Abenteuer.

Abenteuer, wozu eigentlich? Rüdiger Nehberg schlägt sich mit der Faust auf die Brust. Springt beinahe vom Stuhl, so sehr will die Antwort aus ihm heraus. „Das steckt einfach in einem drin!“ Er hätte niemals anders leben können. Sein Motto: Lieber kurz und knackig leben als lang und langweilig. Dass sein Leben mit inzwischen 82 Jahren lang und knackig geworden ist, sei einfach ein großes Glück. Schon als Kind sei das losgegangen mit der Abenteuerlust. Damals, gerade mal 17 Jahre alt, wollte er eine Radtour machen. Dem Vater erzählte er, er würde mit seinem Ein-Gang-Drahtesel nach Paris strampeln. Tat er aber nicht. Er radelte nach Marokko. Er wollte lernen, Schlangen zu beschwören. Anschließend wollte er sich mit einer eigenen Nummer am Hansatheater bewerben.

In Marokko in der Lehre bei den Schlangenbeschwörern

Einem Freund, der in Paris lebte, hatte er etliche vorgeschriebene Karten geschickt. Und so wähnte der Vater den Sohn in Sicherheit und beim Flanieren durch bedeutende Museen, während er tatsächlich den tanzenden und giftig beißenden Tieren nachforschte. Zurück von seiner Reise, sprach er am Theater vor. Seine Nummer wollte keiner. Allerdings: Bald wurden ihm schon zwölf Kobras aus Kalkutta geliefert. Aber klar, Nehberg bekam auch das in den Griff. Von nun an lebten die Kobras im Keller, und sein Leben wurde nur noch abenteuerlicher. Er unternahm mehr und mehr Radtouren durch die halbe Welt. Als der gelernte Bäckermeister eine eigene Konditorei eröffnete, wurde er flexibler. „Ich hab’ meine Mitarbeiter so ausgesucht, dass ich auch mal vier Monate verschwinden konnte, ohne dass der Laden zusammenbricht“, erklärt er am Donnerstagabend.

Begleitet von Krokodilen, Malariamücken und Tsetsefliegen

Und verschwunden, das war er oft. Der Blaue Nil rief ihn dreimal. Tausend Kilometer führt er vom Lake Tana in Äthiopien bis zur sudanesischen Grenze. Begleitet von Krokodilen, Malariamücken und Tsetsefliegen, mühte sich Nehberg, den Fluss zu bezwingen – immer mit dabei: die Angst, überfallen zu werden. Die wurde beim dritten Versuch Realität. Nehberg und sein Partner verloren den Begleiter und Kameramann Michael Teichmann. Immerhin konnte der Mörder gefasst werden.

Später zog es den Abenteurer an den Omo-Fluss, der durch Äthiopien und Kenia fließt. Er durchquerte illegal die Danakilwüste in Ostäthiopien, geriet in Rebellengefangenschaft. Er wanderte durch Südafrika, musste auch mal zwei Tage ohne Wasser auskommen. Stets hatten er und seine Begleiter einen Überlebensgürtel umgeschnallt. Darin: ein Revolver, ein Bild von den Lieben, Trinkflasche, Messer, Handschuhe und einiges mehr – je nach zu bezwingender Herausforderung. Ein Leben zwischen Risiko, Niederlagen und Erfolg. Irgendwann aber reichte ihm das nicht mehr. Seine Abenteuer bekamen mehr Bedeutung – für andere Menschen.

Mit waghalsigen Aktionen auf Ungerechtigkeiten hinweisen

Nun brauchte er eine ganz andere Ausrüstung in seinem Überlebensgürtel: Verhandlungsgeschick, Bekanntheit, Motivation, den Glauben an das Gute und daran, dass jeder die Welt zu einem besseren Planeten machen kann, wenn er nur genug will. Der Bäckermeister setzte sich für die Yanomami-Indianer ein, erregte mit waghalsigen Aktionen Aufsehen, das er brauchte, um auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, denen das Naturvolk ausgesetzt war. Er marschierte durch Deutschland, durch den Regenwald, zum Papst, er überquerte dreimal den Atlantik. Er arbeitete undercover als Goldsucher, lernte dabei die Mafiabosse und die ihnen ausgelieferten Goldsucher kennen. Mut und Kreativität verließen ihn nie. Und tatsächlich passierte nach 18 Jahren Engagement, wofür er sich mit anderen eingesetzt hatte: 2000 erhielten die Yanomami einen akzeptablen Frieden.

Weiter verlagerten sich Nehbergs Abenteuer auf eine andere Ebene. Auf eine, die sich gut mit mittelgutem Hören und zunehmendem Alter vereinbaren lässt: Nicht das Durchdringen eines Dschungels oder die Überquerung irgendeines Gewässers sind seine aktuelle Mission. Vielmehr ist es der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung in muslimischen Ländern, für die er sich nun einsetzt.

Täglich werden 8000 Mädchen ihrer Genitalien und Würde beraubt

Nehberg berichtet in der Künkelinhalle: Täglich werden 8000 Mädchen ihrer Genitalien und Würde beraubt. Alle elf Sekunden eins. Weltweit sind davon 150 Millionen Frauen betroffen. Um zu helfen, diese Praxis zu beenden, hat er mit seiner Frau Annette Nehberg-Weber Bildmaterial gesammelt, war bei Beschneidungen dabei. Die Bilder, die Nehberg an diesem Abend auf der Leinwand zeigt, schockieren, gehen an die Nieren. Zu sehen ist unter anderem eine Mutter, die ihr gepeinigtes Kind im Arm hält, das noch an Armen und Beinen festgebunden ist. Das Kind mit dämmerndem Blick nach dieser Folter, die Mutter, die Gleiches selbst einmal erlebt hatte, voll Entsetzen.

Video: Rüdiger Nehberg über seinen Kampf gegen Genitalverstümmelung.

Seit 5000 Jahren wird der Brauch praktiziert, der Mädchen am Ende nicht nur ihre Schamlippen und Klitoris nimmt, sondern auch ihre Würde. Diejenigen, die überleben, haben ihr Leben lang Probleme beim Wasserlassen, ihre Vaginalöffnungen haben am Ende nur noch die Größe eines Reiskornes. Das bedeutet wiederkehrende Qualen beim Geschlechtsverkehr, bei den monatlichen Blutungen und unvorstellbare Schmerzen und Gefahren bei Geburten.

Nehberg will mit den Aufnahmen, von denen er den schlimmeren Teil nicht auf der großen Bühne zeigt, Licht ins Dunkle bringen. Auf eine Praxis aufmerksam machen, die mit dem Koran begründet wird, obwohl darin nicht ein Wort von solchen Qualen steht. Nehberg hat bei Geistlichen vorgesprochen und schon einige Erfolge erzielt. Bei einer internationalen Konferenz islamischer Gelehrter wurde weibliche Genitalverstümmelung als strafbares Verbrechen definiert, das gegen höchste Werte des Islam verstößt. Der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten der Afar und sämtliche Clanführer der Afar schrieben 2007 per Stammesgesetz eine Strafe für Genitalverstümmelungen fest. Und doch: Obwohl diese Aussagen einem Rechtsspruch entsprechen, passiert das Unheil weiterhin, jeden einzelnen Tag.

Nehbergs nächstes Ziel ist es nun, ein Banner gegen Genitalverstümmelung während der Hadsch an der Moschee in Mekka zu hissen, um möglichst viele Muslime auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Allerdings ist er bislang noch nicht zum König von Saudi-Arabien durchgedrungen. Der müsste ihm schließlich die Erlaubnis für sein Vorhaben geben. Immerhin einen Teilerfolg gibt es bisher: Nehberg darf sein Banner an einer Kölner Moschee aufhängen, die durch Saudi-Arabien finanziert worden ist. Der 82-Jährige will weiterkämpfen, für die Mädchen, die selbst keine Stimme haben. Dafür gibt’s vom Publikum der Künkelinhalle stehende Ovationen.