Schorndorf

Ramadan: Ein Gefühl von Gemeinschaft

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Das gemeinsame Fastenbrechen am Abend ist eine gesellige Angelegenheit. In muslimisch geprägten Ländern lädt man dafür oft andere zu sich nach Hause ein. © Büttner / ZVW
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Das Besondere am Ramadan ist für den Ersten Vorsitzenden der Islamischen Gemeinde zu Schorndorf, Hasan Kocaman, die Atmosphäre und Gemeinschaft während der Fastenzeit.

Schorndorf. „Ramadan“ ist in Deutschland längst kein Fremdwort mehr. Viele der geschätzt fünf Millionen Muslime, die hier leben, fasten im neunten Monat des islamischen Kalenders für mehrere Wochen. Einige Hundert von ihnen treffen sich seit Beginn des Ramadans letzte Woche jeden Abend in der Moschee in Schorndorf zum gemeinsamen Beten und Fastenbrechen.

Gerade noch haben sich die Menschen in dem zum Bersten gefüllten großen Saal der Moschee angeregt unterhalten, jetzt kehrt langsam Ruhe ein. Vereinzelt sind „Shhh!“-Geräusche zu hören. Die Suppe steht schon auf dem Tisch, aber niemand isst, bevor der Imam nicht das Abendgebet ausgerufen hat. Um kurz nach neun ist es so weit: Mit dem Untergang der Sonne wird das Fasten gebrochen und es darf wieder gegessen und getrunken werden. Bis zur nächsten Morgendämmerung.

Während des Fastenmonats Ramadan kommen täglich bis zu 600 Leute in die Moschee in Schorndorf. „Früher haben wir jeden Tag ungefähr 250 Essen eingeplant“, erzählt Hasan Kocaman, Erster Vorsitzender der Islamischen Gemeinde zu Schorndorf. „Damit sind wir damals gut hingekommen.“ Inzwischen seien die Hälfte der Anwesenden Flüchtlinge. Viele kommen aus Syrien, aber nicht alle. Sie packen ganz schön mit an, helfen bei der Zubereitung des Essens und verteilen es im Saal.

„Die Flüchtlinge sind sehr gut eingebunden“, meint Kocaman. Für den „Hauch von Heimatgefühl“, den die Gemeinschaft in der Moschee ihnen gibt, hätten sich einige auch extra bedankt. Die Frage, ob es wegen des Zuwachses an Menschen Finanzierungsprobleme gebe, verneint er. „Wer während des Ramadan nicht bereit ist, zu teilen, hat den Sinn nicht verstanden und fastet umsonst.“ Die Gemeinde sei immer zur Stelle, wenn etwas gebraucht werde.

"Wir lernen viel voneinander"

Durch die verschiedenen Nationalitäten, die zurzeit in der Moschee vertreten sind, treffen auch viele muslimische Glaubensrichtungen aufeinander. Dabei bete jeder auf seine eigene Art und Weise, berichtet Kocaman. Aber auch Ähnlichkeiten gebe es natürlich. „Wir lernen viel voneinander“, stellt er fest.

Das Essen ist für alle, die kommen, kostenlos. Finanziert wird das Ganze durch Spenden. Jeden Tag zahlen vier Parteien einen bestimmten Betrag, so dass am Ende mehr als 700 Euro für das gemeinsame Abendessen zur Verfügung stehen. Dafür gibt es an diesem Abend eine türkische Spezialität: Mantı, kleine gefüllte Teigtaschen mit Joghurtsoße, dazu etwas Kartoffeln und Hackfleisch. Auch Suppe, Salat, Brot und Süßes stehen auf dem Tisch.

Der Koch reist für den Ramadan extra aus der Türkei an

Der Koch reist jedes Jahr extra für den Ramadan nach Schorndorf. Seit sieben Jahren kommt er dafür aus der Türkei, wo er schon in Fünf-Sterne-Hotels gearbeitet haben soll. Alleine kann er das Essen natürlich nicht für mehrere Hundert Gäste zubereiten. „Es gibt Leute, die sich extra von der Arbeit freinehmen, um dem Koch zu helfen“, erzählt Kocaman. Dass das Essen an den Tisch gebracht werde, sei auch eine Besonderheit der Schorndorfer Moschee, meint er stolz. In anderen Moscheen müsse man anstehen und bekomme oft „Gefängnis-Tablets“.

Menschen allen Alters sind da 

Von Gefängnis kann in Schorndorf keine Rede sein, aber ein bisschen Cafeteria-Atmosphäre hat das Abendessen im großen Saal schon. Dabei sind Menschen allen Alters da: die älteren Herren, die sowieso jeden Tag kommen; Leute im mittleren Alter; Jugendliche und Kinder, die zwischen allen anderen herumrennen. „Du fastest doch gar nicht“, sagt ein Junge zu einem anderen. „Ich hab gesehen, dass du vorhin was gegessen hast.“

Kleine Kinder fasten im Ramadan normalerweise auch nicht, erklärt mir einer der anwesenden Männer. „Es sind ja noch Kinder.“ Wenn sie älter werden und fragen, was Papa macht, dann erklärt er es ihnen natürlich. Wenn sie mitmachen wollen, können sie das tun. „Für ein, zwei Stunden.“ Nicht gleich den ganzen Tag.

Männer und Frauen sitzen beim Essen getrennt voneinander

„Ist es ein Problem, wenn meine Kollegin da mitkommt?“, höre ich vor dem Essen mit, während ich eigentlich gerade in ein anderes Gespräch verwickelt bin. „Nein, nein, natürlich nicht“, versichert jemand dem Leiter unserer Foto-Redaktion. Als wir die Treppe herunter in den großen Saal gehen, verstehe ich, um was es in dem Gespräch ging. Die Männer und Frauen essen traditionell getrennt voneinander. Ich darf aber trotzdem bei den Männern sitzen. Auch die Trennwand, die die beiden Geschlechter voneinander abschirmt, ist nicht sonderlich effektiv. An den Seiten ist genug Platz, um in die andere Hälfte des Saales zu schauen.

„Eigentlich muss das nicht sein“, sagt Kocaman mit einem Schmunzeln. Aber es habe sich eben so eingespielt. Beim Beten seien Männer und Frauen ja auch getrennt. Warum das so sei, werde er bei Moscheebesichtigungen von Schulklassen oft gefragt. Er gibt die Frage an den Imam weiter, der auf Türkisch erklärt und auf die Moscheeordnung verweist. Er scherzt, dass die Frauen die Königinnen der Männer seien und sich ihr Gebetsraum deshalb oberhalb dem der Männer befindet. Als Krone, sozusagen.

Manche bleiben bis zum ersten Gebet am nächsten Morgen

Nach dem gemeinsamen Fastenbrechen leert sich der Saal schnell. Es wird erst einmal gebetet, dann sitzen alle in kleinen Grüppchen zusammen, trinken Schwarztee mit Zucker und unterhalten sich. Manche kommen auch erst jetzt hinzu. Sie haben zu Hause gegessen, nutzen aber die Möglichkeit, sich auszutauschen, bevor dann noch einmal gebetet wird. „An warmen Wochenenden bleiben manche sogar nach dem letzten Gebet sitzen und warten bis zum ersten Gebet am nächsten Morgen“, erzählt Kocaman.

Politik hat nichts in der Moschee verloren

Er erklärt und führt uns herum, stellt uns die Organisatoren vor, den Koch, die Vorstandsmitglieder. Nur bei einem Thema hält er sich aus Prinzip zurück: Politik, meint er, hat nichts in der Moschee verloren. „Sonst sind wir ganz schnell auf verlorenem Posten.“ Selbst als OB Klopfer da war, musste Kocaman bei dem Thema passen. Unter den Besuchern der Moschee seien verschiedene politische Richtungen vertreten. Die Moschee sei nicht der richtige Ort, um sich über Politik zu streiten.

Dreh- und Angelpunkt für Veranstaltungen

Dafür ist die Moschee in Schorndorf eigentlich sehr vielseitig. Sie dient der Ausübung der Religion, ist aber auch Dreh- und Angelpunkt für kulturelle und soziale Veranstaltungen. In der Türkei sei das anders, erklärt Kocaman, aber hier habe sich das so etabliert. Es gibt Klassenzimmer für Religionsunterricht; eine kleine Theatergruppe; große Fernseher, auf denen zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft zusammen geschaut werden kann.

Kocaman ist es wichtig, zu betonen, dass die Moschee komplett selbst finanziert ist. Zwei Millionen habe sie gekostet. Damals vor 16 Jahren sei die moderne Bauweise noch sehr gewagt gewesen, inzwischen habe man aber Auszeichnungen dafür bekommen. Eine Besonderheit sei auch das Minarett: Es wurde in Originalgröße gebaut, was in Deutschland nicht selbstverständlich sei. Für Moscheeführungen kämen sogar Schulklassen aus Stuttgart und Esslingen, obwohl es auch dort Moscheen gebe.

Noch einige Wochen bis zum Zuckerfest

Für das Zuckerfest am Ende des Ramadan erwartet Kocaman wieder mehrere Hundert Gäste. „Da wird es richtig voll werden“, ist er sich sicher. Bis dahin werden die Gläubigen aber erst mal noch einige Wochen fasten.


Ramadan: Der Fastenmonat im Islam

Der Fastenmonat Ramadan dauert dieses Jahr vom 16. Mai bis zum 14. Juni. Weil der Mondkalender, den Muslime für die Berechnung der Fastenzeit benutzen, ein kürzeres Jahr hat als der gregorianische Kalender, verschiebt sich der Ramadan im Sonnenkalender jedes Jahr um ein paar Tage. Deshalb „wandert“ der Ramadan durch das Jahr und kann zu unterschiedlichen Jahreszeiten stattfinden.

Das Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islam. Die anderen vier Säulen sind der Glaube an die Einheit Allahs und das Ablegen des Glaubensbekenntnisses, die fünf täglichen Gebete, die Wohltätigkeit gegenüber den Mitmenschen und die Pilgerfahrt nach Mekka.

Beim Ramadan geht es laut Hasan Kocaman darum, den Körper zu reinigen und gegen Süchte, wie Ess-, Trink- und Habsucht, zu kämpfen, um sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Ein besonderer Fokus liegt auch auf dem Teilen mit Bedürftigen.

Während des Ramadan verzichten Muslime zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Geschlechtsverkehr und das Rauchen. Kranke und Reisende, aber auch stillende und menstruierende Frauen müssen nicht fasten, sollten es aber später nachholen. Kleine Kinder fasten normalerweise überhaupt nicht oder nur in sehr kurzen Abschnitten.

Am Ende des Ramadans wird das Zuckerfest gefeiert. Während die Frauen ein festliches Essen vorbereiten, beten die Männer gemeinsam. Es wird sich beglückwünscht und in der Familie zusammen gefrühstückt. Die restliche Zeit wird oft für Familienbesuche genutzt. Normalerweise besuchen die jüngeren Familienmitglieder dabei die älteren und bekommen von ihnen Geschenke. Kinder sammeln auch oft Süßes.