Schorndorf

Raser für nächtliches Autorennen bestraft

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Hätte ein Anwohner nicht die Schnauze voll gehabt, weil ständig Autos an seinem Haus vorbeirasen, wäre der Fall vielleicht gar nicht vor Gericht gelandet: Ein Winterbacher Kfz-Mechatroniker lieferte sich mindestens ein Autorennen in der Nähe von Beutelsbach, an dem noch drei weitere Fahrzeuge beteiligt waren, und flüchtete dann vor der Polizeistreife, die ihn stellen wollte. Der Fahrzeughalter behauptete, an dem Tag gar nicht der Fahrer gewesen zu sein.

Das half dem 24-Jährigen vor Gericht am Ende aber auch nicht weiter: Ein Polizist meinte, ihn bei der Vernehmung auf der Polizeistation wiedererkannt zu haben, auch wenn er es nicht ohne jeden Zweifel hätte beweisen können. Trotzdem: Sowohl Alter als auch Statur des Angeklagten passten zu dem flüchtigen Eindruck, den der Beamte erhaschen konnte, als der Fahrer in der Tatnacht an ihm vorbeifuhr beziehungsweise mit quietschenden Reifen an der Polizeisperre vorbeiraste.

Renngeräusche in der Nacht

Vor Ort war die Polizei so schnell, weil ein Beutelsbacher Anwohner sie alarmiert hatte. Das Haus des Familienvaters steht am Ortsrand, direkt an der Straße. Ständig rasten Autos vorbei, berichtete der Zeuge vor Gericht. Und das teilweise mit sehr hoher Geschwindigkeit, selbst noch vor dem Ortsschild. „Mir sind schon in der Nacht davor vier Autos aufgefallen, die zu schnell unterwegs waren. In der Ferne hörte ich dann Renngeräusche“, erzählte der Mann vor Gericht.

Er vermutete, dass die Fahrzeuge sich zwischen Aichelberg und Schanbach mehrere kurze Rennen lieferten. „Eine starke Stunde später kamen sie dann wieder zurück.“Als der Mann in der Tatnacht vier Fahrzeuge bemerkte, die er laut eigener Aussage am Klangprofil und dem Gesamterscheinungsbild als dieselben wie am Vortag identifizierte, rief er die Polizei. „Ich dachte, vielleicht habe ich Glück und sie kommen wie am Tag davor wieder zurück, so dass die Polizei die Raser fassen kann und endlich Ruhe ist.“

Polizeihindernis umfahren

Und tatsächlich: Zuerst sahen die aus Waiblingen angefahrenen Polizisten die vier Autos; sie konnten allerdings nicht schnell genug drehen, um sie anzuhalten. Die Schorndorfer Beamten hatten mehr Glück: Sie sahen die Fahrzeuge auf sich zukommen, woraufhin sie ihren eigenen Wagen querstellten, um einen Fahrstreifen zu sperren und die Raser zum Anhalten zu zwingen.

Das erste der vier Autos kam mit einigem Abstand zu den anderen schnell angefahren und bremste auch nicht, als der Fahrer das Hindernis und den Polizeibeamten, der davor postiert war, schon lange hätte bemerkt haben müssen. Stattdessen wich der Fahrer – driftend und leicht schleudernd – auf die nicht gesperrte Gegenfahrbahn aus und entkam so den Polizisten, die direkt die Verfolgung aufnahmen. Glücklicherweise hatte ein Beamter zuvor das Kennzeichen des Autos feststellen können.

Der 24-jährige Fahrzeughalter war in Winterbach gemeldet. Als der Polizist noch in der Nacht dort klingelte, öffnete ihm der Vater des Angeklagten verschlafen die Tür – der Sohn sei unterwegs. Es blieb dem Polizeibeamten nichts anderes übrig, als den Fahrzeughalter aufs Polizeirevier zu laden. Dort, das sagte der Polizist als Zeuge vor Gericht aus, obwohl es nicht in seinem ursprünglichen Bericht stand, kam es zu einem Wortgefecht zwischen ihm und dem Mann.

Ob er behaupten wolle, eine Warnweste und eine Kelle getragen zu haben, soll der Angeklagte den Polizisten vorwurfsvoll gefragt haben, der schließlich verneinte. Dieses „Täterwissen“ des Mannes, Details, die er, ohne vor Ort gewesen zu sein, eigentlich nicht kennen könnte, sowie ein „Gefühl des Erkennens“, das der Polizist verspürte als er den Angeklagten traf, sprechen gegen die Aussage des Angeklagten, sein Auto in der Tatnacht verliehen zu haben.

Verteidiger beantragte einen Freispruch

„Dem Angeklagten steht es natürlich frei, zu schweigen“, sagte der Staatsanwalt. „Ein Teilschweigen kann aber unter Umständen belastend ausgelegt werden.“ Wo war er in der Tatnacht unterwegs? Welchen Freunden hatte er sein Auto ausgeliehen? Das, meinte der Staatsanwalt, seien Fragen, die einfach zu beantworten (gewesen) wären. Als Kfz-Mechatroniker hätten ihm außerdem die zivil- und strafrechtlichen Folgen, die das Ausleihen seiner Fahrzeuge mit sich bringen können, besonders bewusst sein müssen.

Um es trotzdem zu machen, „da wäre man schon blöd“, meinte der Staatsanwalt. Natürlich, räumte er aber auch ein, sei alleine ein Gefühl des Polizisten nicht genug für eine Verurteilung. „Es ist eine Gesamtabwägung“, sagte er. Und die fiel nachteilig für den Angeklagten aus. Der Staatsanwalt forderte daher eine Geldstrafe in Höhe von 5600 Euro und einen Führerscheinentzug für elf Monate.

Der Verteidiger hinterfragte dagegen, dass überhaupt ein Rennen stattgefunden hatte. Er bezweifelte, dass der Zeuge über die Entfernung von mehreren Kilometern Renngeräusche wahrnehmen und die Autos am Klang wiedererkennen konnte. Außerdem hielt er die Aussage des Polizisten, den Angeklagten wiedererkannt zu haben, für eine Fehleinschätzung. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass der Beamte sich acht Monate später auf einmal an ein vermeintliches Wiedererkennen und ein Wortgefecht erinnere, obwohl er beides damals nicht in seinem Bericht festgehalten habe.

Übrig bleibe also nur das auf die Täterbeschreibung passende Alter und die Statur des Angeklagten, was nicht zur urteilssicheren Identifikation ausreiche. Dass sein Mandant laut eigener Aussage oft Fahrzeuge an Freunde ausleihe, bezeichnete er als „ungewöhnlich, aber nicht unglaubwürdig“. Aufgrund der unklaren Beweislage beantragte der Verteidiger einen Freispruch für seinen Mandanten.

Ausreichende Indiziendichte

„Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass der Angeklagte in der Tatnacht der Fahrer war“, meinte Richterin Petra Freier in der Begründung ihres Urteils mit einer Geldstrafe in Höhe von 3600 Euro und insgesamt elf Monaten Führerscheinentzug. Die Indiziendichte erschien ihr vollkommen ausreichend. In der Begründung des Urteils berief sie sich auch auf das Wortgefecht zwischen dem Polizisten und dem Angeklagten auf der Polizeiwache: „An so was erinnert man sich.“

Sie sah die Situation deutlich weniger harmlos als der Verteidiger. Obwohl das Rennen nachts stattgefunden habe, sei es durchaus denkbar gewesen, dass andere Leute hätten unterwegs sein und in eine Gefahrensituation geraten können.