Schorndorf

Reifen zerstochen: Türkischer Familienstreit erneut vor Gericht

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Es ist noch gar nicht lange her, da saß ein 17-jähriger Türke im Gerichtssaal als Opfer einer gefährlichen Körperverletzung und als Nebenkläger neben seinem Anwalt. Diesmal saß er als Angeklagter vor Gericht – wieder neben seinem Anwalt und außerdem neben seinem mitangeklagten Vater – und wurde wegen wiederholter Sachbeschädigung zu 60 Arbeitsstunden verurteilt. Der Vater muss 900 Euro bezahlen.

Beim letzten Mal hatte Richterin Petra Freier versucht, die Wirrnisse eines von zwei Brüdern angezettelten Familienstreits aufzudröseln, und das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung – der jetzt angeklagte 17-Jährige war von drei nicht zur Familie gehörenden Männern auf dem Unteren Marktplatz angegriffen worden – gegen Zahlung eines Schmerzensgeldes eingestellt (wir haben berichtet).

Vorsitzende Richterin Greiner hat den Fall übernommen 

Diesmal war es die Vorsitzende Richterin Doris Greiner in ihrer Eigenschaft als Jugendrichterin, die sich mit den komplizierten Familienverhältnissen auseinandersetzen und klären musste, ob und warum der zumindest einmal von seinem Vater als Chauffeur unterstützte 17-Jährige im September und im Oktober 2015 zweimal nach Winterbach gefahren ist, um seinem Onkel, also dem Bruder seines Vaters, und einem Bekannten seines Onkels an deren Fahrzeug alle vier Reifen zu zerstechen und in einem Fall auch die Windschutzscheibe zu zertrümmern.

19-Jähriger darf Gerichtssaal verlassen 

Er würde ja gerne Angaben machen, aber er könnte nichts gestehen, was er nicht getan habe, bestritt der 17-Jährige die ihm zur Last gelegten Taten. Und sein Vater wollte in einem der beiden Fälle genauso wenig als Fahrer dabeigewesen sein wie ein mitangeklagter 19-jähriger Deutscher, der den Gerichtssaal aber vorzeitig verlassen durfte.

Immer mehr Menschen lassen sich in den Streit hineinziehen 

Doris Greiner gab ihm einen guten Ratschlag mit auf den Weg: „Konzentrieren Sie sich auf Ihre Ausbildung und halten Sie sich aus solchen Dingen raus.“ Mit „solchen Dingen“ meinte die Richterin diesen Familienstreit, der immer weitere Kreise zieht und in den sich allem Anschein nach immer mehr auch gar nicht zur Familie gehörende Menschen hineinziehen lassen – oder hineingezogen werden.

Viele weitere Verfahren wurden eingestellt

Es gab und gibt eine ganze Reihe weiterer Verfahren wegen wechselseitiger Beleidigungen, Bedrohungen und Sachbeschädigungen, von denen allerdings die meisten eingestellt werden. So auch – gegen Zahlung von 3000 Euro – seinerzeit das Verfahren gegen den 31-jährigen Bruder des Angeklagten, der, nachdem sich die beiden Brüder seinerzeit wegen des Streits um den Ausbau eines Hauses entzweit hatten, einfach das Auto seines Bruders mitgenommen und es verkauft hatte.

Jetzt ging es um zerstochene Reifen 

Jetzt aber ging es um die zerstochenen Reifen und um die Frage, was ein als Zeuge geladener 18-jähriger Italiener darüber weiß beziehungsweise nicht mehr weiß. Denn es bedurfte einiger sehr eindringlicher Ermahnungen der Richterin, bis der Azubi seine bei der Polizei gemachten und den 17-jährigen Freund („Wir waren wie Brüder“) belastenden Aussagen als wahr und zutreffend bestätigte. Zustande gekommen sind diese Aussagen nicht zuletzt deshalb, weil er laut Aussage des Geschädigten von seinem türkischen Freund bezichtigt worden war, selber derjenige gewesen zu sein, der die Reifen der Fahrzeuge zerstochen hat.

17-jähriger Angeklagter hat vier Reifen zerstochen 

Vor Gericht räumte der 18-Jährige auf Drängen der Richterin („Kommen Sie mir nicht damit, dass das eineinhalb Jahre her ist“) schließlich ein, dass er in einem Fall live über Handy auf dem Laufenden gehalten worden ist, wie der 17-jährige Angeklagte vier Reifen zerstochen hat und dass er im anderen Fall mit dem 17-Jährigen und seinem möglichen Fahrer zusammen war, ehe die nach Winterbach aufgebrochen sind. Und ein paar Tage später habe ihm sein damaliger Freund auch erzählt, was in Winterbach passiert war.

Versuche, den Zeugen zu beeinflussen 

Eine Aussage, die dem Zeugen von Seiten des Verteidigers des 17-Jährigen den Vorwurf eintrug, er sei von der anderen Seite mit Gewalt und Drohungen zu dieser Aussage gezwungen worden. Umgekehrt freilich soll es auch von Seiten der Familie des 17-Jährigen mehr oder weniger massive Versuche gegeben haben, den Zeugen davon abzubringen, seine bei der Polizei gemachten Aussagen vor Gericht zu wiederholen.

Greiner lehnt Beweisantrag ab

„Die Sache ist ernst, wir müssen reden“, hieß es in einer Nachricht, die der 18-Jährige erhalten hat, bevor nacheinander die ganze Familie des Angeklagten bei ihm zu Hause und auch an seinem Arbeitsplatz aufgetaucht ist. Ungeachtet dessen wollte der Verteidiger durch die Ladung von zwei weiteren Zeugen die Beeinflussung des 18-Jährigen bestätigt sehen. Doris Greiner lehnte diesen Beweisantrag mit der nüchternen Feststellung ab, zumindest der Versuch könne „als wahr unterstellt werden“.

Zu 60 Arbeitsstunden in sozialer Einrichtung verurteilt 

Gleichwohl stand für die Staatsanwältin und für die Richterin aber auch fest, dass der damals 16-Jährige seinerzeit mindestens einmal mit seinem Vater nach Winterbach gefahren ist, um am Auto seines Onkels, gegen den er eigenem Bekunden zufolge eigentlich gar nichts hat, und am Auto eines Bekannten seines Onkels die Reifen zu zerstechen. Verurteilt wurde der junge Türke, der zuletzt 2015 wegen gemeinschaftlicher Anstiftung zum Diebstahl einen sozialen Trainingskurs absolvierte und auch 2014 schon mit gemeinschaftlich begangenem schweren Diebstahl und mit einem Körperverletzungsdelikt straffällig geworden war, zu 60 Arbeitsstunden in einer sozialen Einrichtung.

Keine schädlichen Neigungen

Zuvor hatte Jugendgerichtshelfer Wolfgang Aust gesagt, dass der 17-Jährige nach dieser Problemphase reifer geworden sei und die Probleme in Schule und Familie – auch weil die Eltern professionelle Hilfe in Anspruch genommen hätten – weniger geworden seien. „Von schädlichen Neigungen würde ich bei ihm nicht ausgehen“, sagte Aust.

Greiner: „Ich habe das Gefühl, da fährt immer einer mit dem Auto rum und bedroht jemanden.“

Der Vater wurde zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt. Dass das hilft, den Familienstreit wenn schon nicht beizulegen, dann wenigstens nicht weiter eskalieren zu lassen, bezweifelt Richterin Doris Greiner: „Ich habe das Gefühl, da fährt immer einer mit dem Auto rum und bedroht jemanden.“